Mittwoch - 26. Juni 2019


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Die Zeitleiste - Außerferner Chronik


Was war los im Außerfern im Jahr 1910



Ein Sturm fegt am 19. Jänner über Reutte und den Raum Füssen hinweg. Zahlreiche Stromleitungen werden dabei unterbrochen und der Strom fließt erst mehrere Stunden später wieder

Am 22. Jänner geht in den Gazetten die Meldung ein, dass aufgrund des starken Schneefalls die Verbindungswege im Bezirk großteils unterbrochen sind. Am Blindsee hat eine Lawine die Fernpassstraßentrasse verlegt

Ende Jänner wird ein Komet am Abendhimmel über dem Außerfern beobachtet. Ende Mai zeigt sich dann auch der Halleysche Komet über der nordwestlichen Ecke Tirols

Vom Plansee wird berichtet, dass sich der im Vorjahr errichtete Kanal für die Schifffahrt als unbrauchbar erwiesen hat. Den ganzen Mai über kam es nochmalig zu Arbeiten an dem Verbindungskanal, sodass ab dem 1. Juni die Dampfschiffe planmäßig auf den beiden Seen verkehren können

Am 1. Juni eröffnet der Bergführer Fritz Mossauer das direkt am Vilsalpsee gelegene und neu errichtete Unterkunfts- und Schutzhaus 'Schäfhütte'

Mitte Juni Hochwasserkatastrophe im Außerfern und am Lech, welche ein Todesopfer (in Holzgau wird eine Frau vom Höhenbach mitgerissen und ertrinkt) fordert. Auch im Tannheimer Tal gibt es große Schäden in den Dörfern und auf den Feldern. Die Straßenverbindung ist großteils unterbrochen und nur mit Mühe kann der Damm der Vils gehalten werden. Im Ehrwalder Becken sind große Teile der Straßen überflutet. Als Folge gibt es häufig Missernten bei den Kartoffeln, was den Kartoffelpreis in die Höhe treibt. Dort wo die Verheerungen am größten sind wird das Militär zur Beseitigung der Schäden hinzu gerufen

Erdbeben in Bichlbach (5.0)

Der Reichsstraßenbau im Bereich von Ehrwald kommt lediglich langsam voran. Die geplanten Vorarbeiten zum Bau der neuen Trasse der Mittenwaldbahn geraten dadurch ebenfalls ins Stocken

Am 9. August zieht abends ein Gewitter über dem Reuttener Talkessel auf. In Wängle brennt nach einem Blitzschlag ein bäuerliches Anwesen komplett ab, wobei sämtliches Mobiliar und eine Kuh ein Raub der Flammen werden

Die Ortsgruppe München des Touristenvereines "Die Naturfreunde" erwirbt im August die Musauer Alm

In den Sommermonaten wird der schon seit Jahrzehnten und Jahrhunderten eingestellte Bergbau im Teges- und Gafleintal durch eine deutsche Bergwerks-Gesellschaft wieder aufgenommen

Das Edelweiß wird unter Schutz gestellt

Im November bewilligt der Verkehrsausschuss einen Teil der Geldmittel für die Ausbesserungs- und Instandsetzungsarbeiten an der Lechtaler Konkurrenzstraße

Am 19. Dezember tagt eine Notstandskommission im Lechtal, mit dem Ziel die wirtschaftlichen Verhältnisse im Bezirk etwas zu heben. Vor allem die Landwirtschaft und und der Handel mit Vieh war einer der drängendsten Punkte. Weiters wurde verlangt: Unterstützung bei der Eigenproduktion von Nahrungsmitteln, bei der Alpwirtschaft, eine Erleichterung der Militärpflicht zum Erhalt der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, Bekämpfung der Landflucht, Unterstützung bei der Lechregulierung, Verstaatlichung der Lechtalerstraße, Straßenverbesserungen speziell in den Seitentälern


collections_bookmark  Detailinformationen und weitere Ereignisse des Jahres 1910

Auszug aus den Allgemeinen Tiroler Nachrichten vom 20. Juni 1910:

Nassereith
"...der Briglbach ist am Dienstag ausgebrochen und mit ungestümer Wucht ins Torf eingedrungen. Die Sturmglocken ertönten und man eilte zur Unglücksstelle. Der Bach hatte sich die Fernstraße auf einer Strecke von einem Kilometer zum Rinnsal erwählt. Die Straße ist am Eingang des Torfes auf beiden Seiten von Mauern eingefasst. Die Mauer musste unter Lebensgefahr der Leute und unter großer Anstrengung durchbrochen werden, so dass der Bach einen Abfluss in die Postwiesen bekam. Diese überschüttete er weithin mit Geröll und Schlamm. Die Gefahr war so vom Dorfe abgewendet. Militär, Kaiserjäger aus Innsbruck, arbeitet gegenwärtig daran, den Briglbach wieder in die Regulierung zu leiten, damit die Straße vorläufig vom Wasser frei wird. Die Straße ist furchtbar zugerichtet, stellenweise von tiefen Gräben durchfurcht. Von der ersten bis zur zweiten Brücke über den Briglbach oberhalb Nassereith ist die erst vor fünf Jahren gebaute Regulierung fast ganz zerstört und von der Regulierung des Tegesbaches ist fast keine Spur mehr zu sehen; selbst die starken Sperren sind fortgeschwemmt. Auch bei der Mayrschen Spinnerei unterhalb des Dorfes brach der Briglbach aus und übergoss ein weites Gebiet der schönsten Wiesen und lagerte große Massen Geröll ab; die Fabrik war gefährdet. Der Roßbach konnte nur mit größter Mühe im Rinnsal erhalten werden; Tag und Nacht mussten die Leute wehren; er drohte ebenfalls ins Dorf einzudringen und die Felder zu übermuren; mehrere hundert Klafter riss er fort. Der Wagenverkehr wird von Nassereith über den Feldweg durch das sogenannte Greut aufrechterhalten; bei der ersten Brücke ober Nassereith kommt man wieder auf die Straße. Fünf Häuser standen mehrere Tage unter Wasser.

Berwang
Am Montag abends fing es an heftig zu regnen und es dauerte einen Tag und zwei Nächte ununterbrochen so fort. Die Bäche von Kleinstockach heraus und Berwang, schwollen stark an. Von Bichlbach bis Berwang, Bichlbach bis Stockach, Berwang bis Namlos steht keine Brücke mehr, die Telephonleitung ist zerrissen, der Weg stark ruiniert. Die Wiesen haben Schaden gelitten durch Abrutschungen. In Bichlbach sind viele Felder übermurt. Die Gemeinde Bichlbach hat von Berwang Hilfe requiriert zum Schutz der Häuser. Der Schaden ist groß. Glücklicherweise ist kein Menschenleben zu beklagen.

Lermoos
Die Loisach ist überall über die Ufer getreten. Der Ringentalbach brachte eine Unmenge von Geröll und Bäumen samt den Wurzeln. Felder und Kulturen wurden mit Steinen überschüttet. Dem Sägmühlbesitzer Theodor Kerle wurde sein ganzer Grundbesitz ruiniert, nur mit großer Mühe wurden das Wohnhaus und die Säge gerettet. Wegen der großen Gefahr, in der das ganze Unterdorf stand, musste Militär requiriert werden. Der Schaden war umso größer, weil ausnahmsweise gerade Heuer die Kulturen sehr schön standen.

Ehrwald
Wo alle Welt, unter Hochwasser zu leiden hatte, konnte auch Ehrwald nicht verschont bleiben. Besonders gefährlich zeigte sich der Gaistalbach, der beide Elektrizitätswerke, eine Mühle und ein Haus stark gefährdete. Links und rechts wurden auch Wiesen angegriffen. Auch die Hochdruckwasserleitung wurde an einer Stelle ganz freigelegt, doch nicht weggerissen. Auch dem Lähnbach, der durchs Unterdorf fließt, musste mehrere Male gewehrt werden, da er die Dorfstraße überschwemmte und mehrere Gräben hineinriss. Die Loisachbrücken gegen Garmisch wurden mit Ausnahme der zwei steinernen und der hölzernen übers Moos nach Lermoos weggerissen. Besonders traurig schaut es in Gries bei Lermoos aus, wo sich der Bach sein Bett durch die schönsten Wiesen und Aecker gegraben hat. Auch in Lermoos musste der Bach in die Wiesen hineingeleitet werden, da das Bachbett ganz mit Geröll angefüllt war. Die erst voriges Jahr gebaute Hochdruckwasserleitung wurde auch ruiniert.

Lechaschau
Es lässt sich nun annähernd die Wasserkatastrophe in dieser Gegend überblicken. In Lechaschau hat das von den Bergen kommenden Wasser die Felder teilweise vermurt oder doch mit Lehmschichten bedeckt, so dass das schönstehende Futter sehr darunter leidet, andernteils sind große Abrutschungen von Wiesen und in den Wäldern zu verzeichnen. Der Lech hat in den sogenannten Neuteilen großen Schaden angerichtet, da die ungeheuren Wassermassen die Schutzbauten überstiegen und sich über die Felder ergossen, wo größtenteils Kartoffel gepflanzt waren, welche darunter sehr gelitten haben. Manche Besitzer haben nicht nur den Verlust der Feldfrüchte, sondern auch noch den Verlust des leichten Sandbodens zu beklagen. Die Ernte ist für heuer fast vernichtet. In den Dorfstraßen hat das Wasser großen Schaden angerichtet durch Aufreißen des Bodens. Der Schaden an den Gebäuden ist noch viel größer, da dieselben durch das eindringende Wasser sehr litten und der Feuchtigkeit preisgegeben sind.

Stanzach im Lechtale
Am 15. Juni war das untere Lechtal der Schauplatz einer furchtbaren Hochwasserkatastrophe. Ein ungemein starker, lang anhaltender Regen und die vielen Wasser der großen Schneemassen, die heuer noch unsere Berge bedecken, brachten den Lech auf einen derartigen Hochstand, dass derselbe einem gewaltigen Strome glich. Mit unheimlichem Getöse und Brüllen trieb das mächtige Gewässer in reißender Strömung seine wildausschäumenden Wogen und murigbraunen Fluten durch das Tal. Solch tobender Wut und Wucht steht der Mensch ohnmächtig gegenüber. Alles war zur Hilfe bereit, doch konnte man vielfach nur mit Schrecken schauen, wie das wild rasende Element allen Widerstandes spottete. Von Weißenbach bis Häselgehr, eine Strecke von fünf Gehstunden, steht keine Brücke mehr. Die zwei Gemeinden Vorder- und Hinterhornbach und die zwei Weiler Martinau und Klimm sind hiedurch völlig isoliert und ohne richtige Verbindung mit den anderen Talgemeinden. Die Briefpost muss dorthin über Weißenbach und Häselgehr, also mit vier, bzw. drei Stunden Umweg, befördert werden. Von der Brücke, welche Vorderhornbach und Stanzach verbindet, steht nur mehr die Hälfte. Die Martinauer und Klimmer Brücke rissen die stürmischen Fluten vollständig fort. Ein Teil der ersteren Verschalung und Dach blieb unweit ihres früheren Standortes liegen und wurde von den Wellen, einem Schiffe gleich, hin und her geschaukelt. In Elmen, Martinau und Stanzach standen viele Kulturen unter Wasser und erlitten beträchtlichen Schaden. Einen großen Schaden erleidet besonders der Schuster Lechleitner in Vorderhornbach, ein fleißiger und strebsamer Mann. Derselbe hatte vom k. k. Forstärar 2000 Festmeter Holz gekauft und bereits seit zwei Jahren mit mehreren Holzern daran gearbeitet. Das Holz lag nun in Blöcken im Hornbachtale. Leider aber riss die Sperre, die das Forstärar vermeintlich als unbedingt widerstandsfähig errichtet hatte und das schöne Blockholz trug der Hornbach hinaus zum Lech. Zwar blieb noch viel vor der Einmündung liegen, aber zirka 1000 Festmeter dürften doch verloren sein. Sehr gefährdet war das Dörfchen Stanzach, welches zwischen Lech und Namlosbach eingebettet ist. Unheildrohend brauste dieser aus seiner tiefen Tobelschlucht heraus und ergoß, kaum die Freiheit erlangt, in weiter Breite seine gischtenden Fluten. Leider ist bei diesem Elementarunglücke auch ein Menschenleben zu beklagen. In Holzgau nämlich ertrank eine Bäuerin, die Mutter von drei noch unmündigen Kindern. Die Regulierungsbauten sind mit Ausnahme des Uferleitwerkes bei Stanzach sämtlich zerstört und fast spurlos hinweggefegt. Damit ist das Werk einer Dezenniumsarbeit mit vielen Tausenden von Kronen Wert vernichtet.

Stanzach
Stanzach und Vorderhornbach, welche bisher eine starke Brücke verband, die aber durch das Hochwasser zur Hälfte weggerissen wurde, haben vorläufig eine höchst notdürftige Kommunikation durch ein über den Lech gespanntes Seil, mittelst dessen Lebensmittel usw. hinüberbefördert werden. Auch im Namlosertale und Fallerschein (Stanzacher Alpe) hat das Unwetter schlimm gehaust. Darum ist es wohl begreiflich, dass der Namloser Bach so wütete und sämtliche rechtsseitigen Regulierungsbauten bei Stanzach gänzlich zerstörte, drei Brücken fortriss und auch das linksseitige Uferleitwerk teils wegschwemmte, teils bedenklich angriff. Den Weg in die Fallerscheiner Alpe hatten die Stanzacher kurz vor der Katastrophe wieder instand gesetzt, da derselbe durch Lawinen vielfach stark beschädigt war. Jetzt hat ihn das Hochwasser neuerdings und noch ärger mitgenommen.

Bach, Lechtal
Infolge großer Schneeschmelze und des andauernden Regens begann der Lech bereits am Dienstag unheimlich zu steigen und am Mittwoch in der Frühe erreichte er eine solche Höhe, dass sein Flussbett das Wasser nicht mehr fassen konnte. Ein Teil seiner schmutziggelben Fluten wälzte sich nun durch die schönen, am linken Ufer liegenden Wiesen und Felder von Obergiblen. Das Heu vieler Wiesen wurde dadurch verdorben, so dass es höchstens noch als Streu verwendet werden kann, und mehrere Kartoffeläcker so verheert, dass sie wieder neu angebaut werden müssen. Die große, schöne Au ist versandet. Aber noch trauriger sieht es unter dem letzten Haus von Qbergiblen aus, wo die Lechtaler Straße dem Berge nach sich hinzog. Daselbst wurde nämlich die Straße in einer Länge von ungefähr 250 Metern total weggerissen und der Bergabhang begann abzurutschen, so dass sich jetzt schon neben den reißenden Fluten eine mehr als haushohe, fast senkrechte Erdwand befindet, und es sind noch größere Erdabrutschungen zu befürchten, da der Lauf des Baches direkt gegen diese Stelle gerichtet ist. Vielfach glaubt man sogar, dass es überhaupt nicht mehr möglich sein wird, an dieser Stelle die Straße wiederum anzubringen, so lange der Lech seinen gegenwärtigen Lauf beibehält. Nicht weniger arg hauste der Lech an seinem rechten Ufer. Auch dort wurden nämlich einige von den gegen Grünau liegenden Unterbacherfeldern überschwemmt und versandet und der schön angelegte Weg nach Grünau, der von den Fremden mit Vorliebe als Spazierweg benützt wurde — glich er ja wirklich einem Promenadeweg — ist gänzlich verschwunden, die daneben sich befindende Berglehne, die mit Alpen­rosen bewachsen war, abgerutscht. Den ganzen Mittwoch vernahm man von dorther ein donnerähnliches Getöse, indem immer wieder große Erdmassen mit schönen Lärchbäumen in die Wellen des Lechs stürzten. Auch die Felder von Grünau blieben nicht verschont. Wie der Lech, schwoll auch der Madauerbach, der sich unmittelbar unter der Brücke von Bach in den Lech ergießt, an und drohte über die Ufer zu treten. Schon um 2 Uhr früh mussten die Männer an die Arbeit gehen, um diesen Bach in seinem Bette zu erhalten. Ebenso waren auch drei Häuser in der Fraktion Kraichen von dem aus dem Giblerbachtale kommenden Bache bedroht. Zum Glücke hörte der starke Regen auf und begann der Lech gegen Mittag zu sinken. Wäre der Lech nicht noch um zehn bis zwanzig Zentimeter gestiegen, so wären wohl alle Felder von Qbergiblen und auch die Felder aus dem Stockacherfeld größtenteils überschwemmt worden. Möge das Land und der Staat den Geschädigten zu Hilfe kommen, ganz besonders beim Bau der Straße und der Wege und bei den Uferschutzbauten, die jetzt dringend notwendig sind. Wehe uns, wenn nochmals ein Hochwasser kommen sollte, bevor die Uferschutzbauten ausgeführt sind. Die schönsten Felder und Wiesen sind dann verloren. Möge aber auch der Verkehr bald wieder hergestellt werden. Gegenwärtig ist nämlich jeder Wagenverkehr mit Elbigenalp und dem Untertal unmöglich, weil auf beiden Seiten des Tales der Weg fortgerissen wurde. Auch die Telegraphenlinie ist unterbrochen; um so mehr verspührt man daher jetzt den Mangel einer telephonischen Verbindung mit Langen über den Tannberg. Es wäre wirklich nicht mehr zu früh, wenn diese Telephonlinie, auf die man so hart wartet und die wirklich ein Bedürfnis unserer Gegend ist, bald bewilligt würde."




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