Mittwoch - 21. Aug. 2019


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Wanderung durchs Tannheimertal




Allgemeiner Tiroler Anzeiger
Von Anton Klotz

Im äußersten Nordwesten unseres schönen Heimatlandes liegt das bergumschlossene Tannheimerial, das zu durchwandern wir uns zum Ziele gesetzt. Die steile Straße von Weißenbach führt uns auf die Paßhöhe. Durch eine idyllische Gebirgslandschaft mit murmelnden Bächen und Waldessäuseln gelangen wir in das freundliche Nesselwängle, wo das Tal sich zum ersten Male weitet. Die Elemente haben dem anmutigen Dorfe mit seinen fröhlichen Bewohnern arg mitgespielt. Zweimal wüteten gewaltige Feuersbrünste, die beinahe das ganze Dorf in Asche legten. Im Jahre 1863 setzte eine Frauensperson, von Haß gegen ihren Mann entflammt, den roten Hahn auf dessen Dach und zerstörte das ganze Dorf. Zum letzten Male wurde Nesselwängle im Jahre 1882 von einer Brandkatastrophe heimgesucht, die in ihrer Furchtbarkeit den Talbewohnern, welche das gewaltige Schauspiel miterlebt, noch immer lebhaft vor Augen steht. Neu entstand das Dorf, sein Todfeind aber blieb, der Bach, welcher vom gigantischen Gimpel kommend, Nesselwängle beinahe in der Mitte durchfließt.
Hinter Nesselwängle beginnt die Straße aufs' neue zu steigen. Links zeigen sich die schmucken Häuser des Weilers Getting.

Reich an Sagen ist das Tannheimertal. Beinahe um jedes Haus rankt sie ihre goldenschimmernden Zweige. Die Großartigkeit der Natur erheischt Erklärung, und das Volk legt sich dieselbe in seinem Sinne zurecht, fühlt es doch die Elemente als höhere Mächte über sich, die Nachklänge an die alten Göttermythen der Germanen Hallen noch sanft und leise fort; es ist der Gruß der Jahrhunderte, der uns mild umfächelt... Und schon sind wir auf der Wasserscheide angekommen. Lächelnd grüßt uns mit treuherzigem blauen Kinderauge der Haldensee. Seine Wasser füllen die Ebene; nur ein enges Plätzchen ist für die Straße geblieben, die sich mühsam am Fuße der Roten Flü dahinschlängelt. Einst war die Gegend, in der jetzt die Seegewässer spielen, fruchtbares Gefilde. Zwei Schwestern zankten sich um das Erbe. Da suchte die eine, von Geiz getrieben, ihre blinde Schwester zu überlisten und sie um den gerechten Anteil zu bringen. Die Blinde merkte den Betrug und fluchte, das Wasser solle das Land überschwemmen. Es geschah; beide Schwestern ertranken. Die Betrügerin wurde in einen Drachen verwandelt, dessen Geschrei noch heutzutage oft vernommen wird.

Je weiter wir gegen das Dorf Haldensee, von dem sich der See den Namen empfangen, gelanegen, desto massiger und grotesker hebt sich die Flü. Rötlich leuchtet ihr Gestein; beim letzten Kuß des scheidenden Tagesgestirns flammt es in purpurrotem Scheine. Mit der Roten Flü erreicht die Tannheimergruppe ihren Abschluß, nachdem sie sich in der Kellespitze am höchsten erhoben. — Das Dorf Haldensee birgt wenige Merkwürdigkeiten; im Sommer ist es seit einigen Jahren als Fremdenaufenthaltsort beliebt, teils wegen seiner hübschen Lage, teils jedenfalls auch wegen der Nähe des See. Außerhalb Haldensee wollen wir einstweilen die Straße nicht weiter verfolgen, sondern einen kleinen Steig beschreiten, der uns durch eine typische Mooslandschaft nach Grän führen soll. Hart angelehnt an den Fuß der Tannheimergruppe wird es im Hintergrund vom Gebirge umrahmt, während sich nach Westen hin lachend Fluren öffnen. Jetzt können wir so eigentlich die gesamte Tannheimergruppe mit einem Blick genießen. Sie ist ein ganz eigentümliches Gebirge, entbehrend der zarten Formen. Durchaus schwer und plump liegen die Gipfel, verklärt von jener dunklen Majestät, die wir an anderen Gebirgen wiederum vermissen.

Gleich am Beginne des Haldensees breitet sich an seinem Ufer der kleine Weiler Haller aus. Hier werden wir an jene Zeiten gemahnt, wo Hunderte von Fuhrwerken tagaus, tagein das Tannheimertal durchzogen, um die Schätze der Haller Saline an die Gestade des schwäbischen Meeres zu bringen. Ein Salzstadel reihte sich auf der Gachtstraße an den anderen. In Nesselwängle war eine große Niederlassung, an deren Spitze ein Faktor, der großes Ansehen genoß. Seitdem der Arlberg dem Verkehr erschlossen, wurde es allmählich stiller in dem Tale, seltener wurde der Peitschenknall, die Fuhrmannsrufe verstummten, die Wohlhabenheit des Tales schwand — seither war das Tannheimertal vergessen; nur die Steuerbebehörde hatte ihm eine liebe Erinnerung bewahrt. Es ist eigentümlich bestellt mit dem Gedächtnis der Menschen.

Die "Seehalde", welche hart am Haldensee emporsteigt, hat uns umfangen. Stolze Tannen beschatten den Weg, dann fesselt eine blühende Bergwiese, duftend von würzigen Alpenkräutern, den Blick. Ich schaue in die Flut, in der sich die Ufer spiegeln. Ruhig kräuseln die Wellen; ein leises Plätschern kennzeichnet die Stelle, wo eben ein Hecht seine Beute erhascht und mitten im See schaukelt ein Kahn — eine herrliche Idylle.

Eine Sehenwürdigkeit Gräns ist die neu restaurierte Kirche, welche an der Empore zwei Bilder enthält, die uns über Tage schwerer Not berichten. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts war eine verheerende Seuche ausgebrochen welche im ganzen Tal das Nutzvieh zu vernichten drohte. In ihrer Bedrängnis wandten sich die Talbewohner an den hl. Wendelin, dem die Gräner Kirche geweiht ist. Die Seuche erlosch; seither werden jährlich Wallfahrten nach Grän unternommen. Zum Andenken an den Schutz, dessen sich die Vorahnen von seiten des hl. Wendelinus erfreuten. Nordwärts von Grän führt die Straße am Weiler Lumberg und Enge vorbei durch das schattige Engental nach Pfronten. Ein Stücklein unterhalb des Weilers Enge steht das Zollhaus, zum Schrecken der Schmuggler.
Weiter draußen haust der Fallgeist. Manche, die spät abends von Pfronten kamen, wollen ihn ge­sehen oder sein Rufen vernommen haben; vielen hat er sich auf den Rücken gesetzt, so daß sie nur langsam vorwärts kommen konnten. Während des Tages schläft dieser Geist in den Fässern des Fallwirtes, dessen Bier sich großen Rufes erfreut. Ein Abkürzungsweg wird uns von Grän zur Gaudenzmühle und von da auf die "Höhe" leiten. Da gewinnen wir den ersten Blick über den Hauptsitz des Tales. Hart am Fuße des Oberhöferberges, der sich sanft erhebt, dahinwandelnd, tritt uns gar bald die Geishornspitze entgegen, die sich scheinbar nadelscharf durch die umlagernden Wolken bohrt; auch einige der Bergriesen, welche den Vilsalpsee bewachen, lassen sich beschauen. Vor uns ganz in der Ebene ausgebreitet liegt das Dorf Tannheim, mit den vielen Weilern, welche es umkränzen. Die Häuser bieten uns freundlichen Willkomm. Das Schwarz der Dächer wird durch das hie und da sichtbar werdende Rot der Ziegel reizvoll belebt. Vor den Gebäuden wiegen sich die Wipfel der Bäume im Winde; jedoch sind das nicht Fruchtbäume, daß harte Klima duldet sie nicht; Tannen, Eschen und Ahorne zieren das Dorf.

Die Pfarrkirche, im Barockstile erbaut, zählt zu den schönsten Gotteshäusern des ganzen Landes. Ihren herrlichsten Schmuck bilden die gewaltigen Bilder des Pfrontner Malers Josef Keller. Für "das jüngste Gericht", welches die Decke ziert, bot König Ludwig von Bayern 200.000 Mark. Dieses Gotteshaus war das Zeichen der Einigkeit, welche die Bewohner des gesamten Tales umschloß. Bald galt es, dieselbe zu bewahren; denn schon schmetterte die Fanfare, gegen die Franzosen zum Kampfe rufend. Im Jahre 1796 versuchten sie den Durchmarsch durch das Tal, wurden aber am Jochberg von den Tannheimer Schützen zurückgeschlagen. Auch im Jahre 1809 kam ihnen das Eindringen in das Tal sehr hoch zu stehen. Dafür wüteten sie in der Friedenszeit mit barbarischer Grausamkeit. Die kurze Zeit der darauffolgenden bayerischen Herrschaft war milde und versöhnte die kämpfenden Parteien vollständig. Allmählich hob sich das hart heimgesuchte Tal; die geschlagenen Wunden vernarbten: Fleiß und Sparsamkeit brachten den entschwundenen Wohlstand. Neben der Kirche erhebt sich das neu enthüllte Befreiungsdenkmal, auf dessen Spitze der Tiroler Aar mit gespanntem Fittiche thront.

Von Tannheim weg führt ein dreiviertelstündiger Weg durch eine wunderbare Hochgebirgslandschaft zum Vilsalpsee, dem Ursprunge der Vils, die bei der gleichnamigen Stadt sich in den Lech ergießt. Hoch oben auf dem steilen Geschröfe weilt das Bogner Ukhuir (Ungeheuer Anm.), das plötzlich entstehend, in rasendem Wirbel alles mit sich fortreißt. Rechts davon steigt die Weiße Wand senkrecht in die Höhe. Das Ueberschreiten des wilden Gappenfeldbaches erschließt uns den Blick aut den Vilsalpsee. Rechts erhebt sich das Geishorn, das uns jetzt bedeutend flacher erscheint als früher; dann das wild zerklüftete, unnahbar erscheinende Rauchhorngeschröfe, das mit grünen Matten bedeckte Kugelhorn. Geschlossen wird das Gebirge durch das Kirchendachl, von dem im Frühling die Schneelawinen niederdonnern, um im See unterzugehen, und den kühnen Geiernspitz. Rechts von diesem schäumt ein steilabstürzender Wasserfall, der Abfluß des Traualpsees, den unterirdische Wasser speisen. Hinter dem Geiernspitz leuchtet die rote Lachenspitzpyramide.

Der Weg führt nun westwärts über den Weiler Kienzen nach Zöblen, hart an die steile Gebirgshalde gedrückt. Hoch von derselben grüßt eine Kapelle ins Tal. Zöblen dürfte mit Schattwald, wohin wir nun gelangen, zu den ältesten Orten des Tales gehören. Hinter Schattwald verliert sich die fruchtbare Ebene in kalten, roten Moorlandschaften, die besonders im Herbste in zauberischen Farben schimmern. Hinter dem Zollhause weist uns die Straßentafel den Weg über den Fallstrudel nach Pfronten und Jungholz, während die Reichsstraße über das Joch und die schöne, neue bayerische Jochstraße nach Hindelang in Bayern läuft. Jenseits der Grenzpfähle wollen wir uns nicht mehr wagen, sondern das Panorama bestaunen, das sich uns bietet. Niedriger streichen die Gebirge gegen die bayrische Hochebene zu, noch winkt uns der "Hohe Kopf", nebst dem Geishorn, ein Wahrzeichen Tannheims, den Scheidegruß. So großartig schön habe ich selten eine Gegend gefunden; jede Straßenbiegung enthüllt ein neues schönheitsstrotzendes Gemälde. Dem Freunde einer schönen, großen Natur wird die Gegend ewig ins Gedächtnis geschrieben bleiben.




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