Geschichte » Schwabenkinder - Textpassagen in historischen Quellen



list zurück zur Themenübersicht




live_help

Schwabenkinder - Textpassagen in historischen Quellen






"...und das zeitliche Auswandern auf Arbeit in die deutschen Bundesstaaten vom Oberinnthale und Vorarlberge. Auf diese Art kommen selbst kleine Knaben, welche sich als Viehhirten in der Fremde verdingen, mit ihren Ersparnissen im Winter nach Hause wieder zurück...

...wenn jedoch die erwähnten Erwerbsquellen, welche die Erde, die Industrie und der Handel dem Tiroler öffnen, ihn nicht zu ernähren vermögen, so wandert er in das Ausland, um sich daselbst durch Vermiethung seiner physischen Kräfte oder seiner erworbenen Talente ein kleines Vermögen zu erwerben, welches er dann alljährlich in seine Heimath zurückbringt oder schickt. Schon als Knabe von 6 Jahren wird er aus dem nördlichen Tirol auf den Markt nach Kempten geführt, und dort zum Vieh- und Gänsehirten im Algäu verdungen..."

aus: Die gefürstete Grafschaft Tirol von Johann Jakob Staffler (1827)



's Jörgele im Schwabenland



...und hatte manches gesehen und gerlent, was ihm im späteren Leben zum Vorteil gereichte. Freilich spielte manch einem das Heimweh übel mit, aber um so freudiger war die Heimkehr. Nach der ersten Begrüßung wurde stolz die 'Kroma' verteilt, und zwar: Dem Vater ein Päckchen Schmalzler oder Prinzregent, der Mutter ein wenig geschmuggeltes Sacharin, den Schwestern Zuckerln und den Brüdern eine Indianergeschichte mit knalligem Titelblatt, die mein Vater als 'Reutlingerluga' zu benennen pflegte, weil sie meist in Reutlingen verlegt waren. Dann erst ging es ans Fragen und Sagen. Nicht immer hatten es die kleinen Verdiener gut getroffen. Entweder gab es bei viel Arbeit mäßig zu essen oder es setzte beim geringsten Versehen Kopfnüsse ab.

So war es einmal auch einem Buben aus meiner Heimat ergangen, der allerdings im Rufe eines 'Schlanggls' stand. Außer entlegenen Weiden, einem bösartigen Stier, derb geflickten Leintüchern, daß die Nachtwülste auf dem Körper Striemen hinterließen, machte dem Jörgele besonders ein struppiger Knecht das Leben sauer. Ob das Jörgele nach seiner Meinung etwas angestellt hatte oder nicht - sooft der Knecht in die Quere kam, ging es ohne Puffer oder Beutler nicht ab. Zur Besserung des gegenseitigen Einvernehmens trug es natürlich nicht bei, daß das Jörgele dem Knecht verschiedentlich und sobald es sich außer Reichweite sah, lange Nasen schnitt oder sein Gehaben nachäffte, denn der Knecht lahmte an einem Fuß.

Andere Buben hatten während der Nacht ihre Ruhe; beim Jörgele wollte es aber der Unstern, daß es die Schlafkammer mit dem Knecht teilen mußte, wo auch nach des Tages Mühe und Arbeit kein richtiger Feierabend eintreten wollte.

Besonders schlimm erging es dem Jörgele regelmäßig dann, wenn der Knecht mit einem Schwammer heimkam, was allerdings nicht selten der Fall war. Nicht nur, daß unser 'Halterbueb' mit Donnergepolter und Gegröhle aus dem Schlaf geschreckt wurde, sondern es wurde ihm, falls er zum Stiefelausziehen nicht flink aus dem Bett sprang, Hiebe nicht nur angedroht, sondern auch verabreicht. Dann diese Stiefel! Weiß der Himmel, wo der Kerl überall herumgetorkelt sein mußte! Mehr als einmal glichen Jörgeles Hände nach beendetem Liebesdienst Kotklumpen und der Schmutz roch gar nicht nach gewöhnlicher Straße. Tag und Nacht zerbrach sich das Jörgele den Kopf, wie es sich am Knechte rächen und dem Elende abhelfen könnte. Wandel zu schaffen wurde auch immer dringlicher, denn die Ohren hielten die dem Knecht eigentümlichen Begrüßungen einfach nicht länger aus. Dort, wo die Ohrläppchen am Kopfe haften, befanden sich beiderseits blutige Krusten und so war Jörgels Befürchtung, über kurz oder lang reiße ihm der Knecht die Ohren noch ganz weg, keineswegs unbegründet.

Endlich kam dem Geplagten ein rettender Gedanke, den er sogleich in die Tat umzusetzen begann. Sobald der Knecht, der immer nach ihm schlafen ging, im Bett lag und das Jörgele vermuten konnte, er werden nun bald einschlafen, stand es aus anscheinend tiefstem Schlafe auf, wandelte tastend in der Kammer umher, schloß das Fenster auf, starrte verzückt zum Himmel empor, versuchte wohl gar auf das Fenstersims zu klettern. Schrie es der Knecht ärgerlich an, tat das Jörgele, als ob es aus einer anderen Welt zurückkäme, es fiel zu Boden und stellte sich ohnmächtig. Der Knecht war daher genötigt, knurrend aufzustehen und das Jörgele bei jedem dieser Anfälle ins Bett zu tragen. Es dauerte auch nicht lange und am Hofe waren alle überzeugt, daß der 'Tiroler Bueb' an Mondsucht leide.

Nun war es soweit, wie es das Jörgele gewollt hatte. In einer schönen Vollmondnacht stieg es wieder aus dem Bett, geisterte auf den Zehenspitzen umher, suchte mit den Händen den Mondschein zu haschen und schlug dann mit einer jähen Bewegung die silberne Uhr des Knechtes, die an einem Nagel an der Zimmerwand hing, mit solchem Schwunge herunter, daß sie mit geborstenem Glas, verbeult und ohne Zeiger in einem Winkel landete. Wohl stürzte sich der Knecht wütend auf den Missetäter und schüttelte ihn kräftig, aber in einer Anwandlung von Gerechtigkeitsgefühl brachte er es nicht über sich, zu weiteren Mißhandlungen zu schreiten. Das Jörgele war ja mondsüchtig und konnte für das nicht einstehen, was es in diesem Zustand beging! Jedoch nicht nur, daß das Jörgele ungestraft auskosten konnte, wie süß Rache ist, auf Betreiben des Knechtes wurde dem Buben auch eine andere Schlafstelle angewiesen, so daß von Stund an wenigstens die Nächte ohne die unliebsamen Störungen verliefen...

Ausserferner Nachrichten, 10. Nov. 1951





list zurück zur Themenübersicht








...vielleicht auch interessant:

Hexe als Fuchs / (Sagen)
Der Alatsee bei Füssen / (Sagen)
Die unheimliche Jagd / (Sagen)