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Der tirolische Lechgau

Culturskizze von Christian Schneller, Gymnasiallehrer in Roveredo



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Volkskundler Christian Schneller (ca. 1860)
Wer am 29. September 1863 beim denkwürdigen Festaufzuge von 6000 Tiroler Schützen in Innsbruck anwesend war, konnte dabei auch eine Compagnie bemerken, die sich durch stramme, fast militärische Haltung vortheilhaft auszeichnete. Mancher Zuschauer fragte wohl, woher sie sei, aber es bedurfte keiner Antwort, denn auf dem vorausgetragenen Schilde stand deutlich zu lesen: Bezirk Reutte!

Wer dieselben Schützen nach dem Festzuge wieder sah, etwa in einem der vielen Schankgärten der Stadt, bei den Volksfesten im Hirschanger oder in den weiten Räumen des prachtvollen Neubaues des Landes-Hauptschießstandes, konnte an ihrem weicheren Dialekte leicht eine Annäherung an die Mundart der Vorarlberger, dagegen einen bedeutenden Abstand von jener der Passeirer, Pusterthaler und der hochstämmigen Söhne des berühmten Zillerthales wahrnehmen. Aber auf der Schießstätte selbst wußten viele eben so gut in's Schwarze zu treffen, wie die übrigen Schützen Tirols; da war keine Verschiedenheit mehr in jener damals unaufhörlich donnernden Sprache, die der Tiroler spricht vor dem Feinde, der seine Grenzen bedroht und Oesterreichs Land und Ehre antastet.

Folgen wir der genannten Schützencompagnie, die der junge Postmeister Angerer von Reutte zum großartigen Landesfeste nach Innsbruck geführt, wieder auf ihrem Marsche in die Heimath. Sie ziehen am Inn aufwärts, vorbei an dem geschichtlichen Felsendenkmale der Martinswand, durch Zirl und Telfs, große stattliche Dörfer des obern Innthales, bis sie in Nassereut am Fuße des hohen Fern anlangen. Da windet sich in einem rechts nach Norden ausbiegenden Gebirgsübergange voll Schluchten und Wälder die stattliche neue Straße langsam aufwärts, zunächst vorbei an den mitten in einem blauen See liegenden Ruinen der malerischen Sigmundsburg, eines der vielen Schlösser, die sich der lebensfrohe münzreiche Fürst einst im Lande erbaut hat. Allmälich gelangen wir mit den lustigen Schützen auf die waldige Höhe; da weht uns — 3918' über dem Meere — kühlere nordische Luft an und mit ihr das Gefühl, daß wir an der Schwelle eines neuen ausgedehnten Flußgebietes stehen.

Es ist der tirolische Lechgau.

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Reutti am Lechfluss (Molitor, ca. 1800)
Kein großer Theil mit welteingreifendem Handel und reichen Producten, sondern nur ein kleines, friedlich Ackerbau und Viehzucht treibendes Grenzstück des Kaiserstaates liegt hier vor uns. Ein Culturbild desselben stellt sich uns von zweifacher Seite dar. Die eine soll die Anforderungen befriedigen, welche das Leben und das materielle Interesse, nicht minder auch die so vielseitige Wissenschaft heutzutage und namentlich in diesen Blättern an jede ähnliche Skizze stellt. Darüber darf aber die andere Seite nicht vergessen werden, aus welcher ein klares Spiegelbild der lieblichen Doppelidylle der Natur und des Volkslebens anziehend hervortreten kann. Beiden Anforderungen zu genügen, ohne die Geduld des Lesers zu ermüden, soll in unserer Darstellung versucht werden.

Das Flußgebiet des Lech in Tirol begreift einen Flächenraum von ca. 22 Quadratmeilen mit ungefähr 19600 Einwohnern; von dem Gebiete außerhalb des Fern kommen noch 1,5 Quadratmeilen auf das Quellengebiet der Loisach, eines übrigens unbedeutenden Flüßchens, das nicht dem Lech, sondern der Isar zuströmt. Es kommen somit auf eine Quadratmeile etwas über 900 Einwohner. Der Lech (von seiner Quelle bis an die bayerische Grenze 10,5 und von da bis zur Donau weitere 18 M. lang) nimmt, wie ein Blick auf die Karte zeigt, von seinem Ursprung an in seinem engen Thale etwa ein Dutzend bedeutenderer Nebenflüßchen oder Wildbäche auf, bis er in den weiten Thalkessel von Reutte, dem Hauptorte seines ganzen Gebietes, eintritt und dann an der bayerischen Grenze durch eine tiefe Schlucht, deren überragender Felsenwand die Bayern in dankbarer Verehrung ihrer Königin den Namen "Marienfelsen" eingegraben haben, in das wellenförmige Hochland des östlichen Allgäu eintritt. Da dieser Aufsatz nach dem Namen des Flusses überschrieben ist, so dürfen wir ungescheut auch nach dessen Taufschein fragen, den ihm bisher die meisten Etymologen als auf Lykos, Wolf, lautend ausgestellt haben, während neuere germanistische Häretiker denselben im Sinne des Grundwortes Leck deuten wollen, des Durchbruches wegen beim ebengenannten Marienfelsen, welcher Stelle übrigens schon Julius Cäsar den Namen ad fauces Julias beigelegt haben soll. Der wilde Fluß aber ist — wohl nicht gerade seinen etymologisirenden Taufpathen zu Dank — wirklich ein Wolf, d. i. ein schlimmer Herr seines Thales. Bis in das Bayerische hinaus führt und lagert er eine Menge Gerölle ab, welches in früheren Zeiten, als noch keine menschliche Hand ihm feste Dämme setzte, Ursache oftmaliger Veränderung seines Bettes geworden sein mag.

Obwohl es nicht in unserer Absicht liegen kann, ein Stück Geographie zu bieten, ist es dennoch unerläßlich, das ganze Gebiet des Lechgaus wenigstens in seinen Hauptumrissen zu skizziren.

lermoos zugspitze
das Moos bei Lermoos
Vom Fern abwärts öffnet sich die Aussicht auf eine sumpfige Thalmulde, an deren aufsteigenden Rändern drei Dörfer (darunter die Poststation Lermoos) liegen. Diese Thalmulde ist ein großes, 15—18 Fuß mächtiges Torflager von 600 Joch im Umfange, welches aber fast ganz unbenutzt liegt. Sodann führt die Landstraße nordwestlich durch ein enges, zwei Meilen langes Querthal an mehreren Dörfern vorbei in den breiten Thalkessel von Reutte, einem hübschen Markt mit 2020 Einwohnern, dem Sitze des k. k. Bezirksamtes. Der Markt liegt am rechten Lechufer in einem Kranze von Bergen, Dörfern und Weilern; nur nach Norden hin verrathen die niedern Bergvorsprünge die Nähe des Flachlandes. In der nur noch eine Meile langen Strecke bis an die bayerische Grenze, die jedoch rechts und links noch theilweise in die Gebirgs-Massen hereingreift, ist die Gegend äußerst wechselreich und fortwährend verändert, und verschiebt sich vor dem rückblickenden Auge die mannichfaltige Scenerie des Gebirges.

pilgerschrofen lech
der Lech zwischen Pflach und Pinswang (Musau)
Auch der trockene alte Kotzebue fand einst auf seiner Durchreise daran ganz besonderes Wohlgefallen. Endlich öffnet sich links hinaus gegen Kempten zu das wiesenreiche Pfrontner Thal und hart an der Grenze zeigt sich ein Dorf — doch nein, es ist eine Stadt, wenn auch die kleinste in Tirol und vielleicht in der ganzen Monarchie — Vils (mit kaum 600 Einwohnern). Die Dankbarkeit des Kaisers Ludwig des Bayers gegen einen Herrn v. Hohenegg gab im J. 1327 einem unscheinbaren Flecken gleiche Statuten und Rechte wie der Reichsstadt Kaufbeuren, aber die neue Stadt gedieh nicht, weil die Bedingung einer günstigen Lage fehlte und der einzige hohe Gönner zu früh starb. Rechts gegen Osten zu, jenseits eines quergestellten niedern Höhenzuges, der auch eine bedeutende Ausbiegung des Flusses veranlaßt, liegt hart an der Grenze das bayerische Städtchen Füssen. Zur Vervollständigung der landschaftlichen Skizze möge hier die kurze Ausschreitung über die Grenze gestattet sein. Ueber dem Städtchen erhebt sich, nicht hoch, aber ziemlich steil, der Calvarienberg, den ein frommer Stadtpfarrer durch den Bau zahlreicher gothischer Capellen und Grotten zu einem vielbesuchten heiligen Berge gemacht hat. Hier öffnet sich eine wunderbare Fernsicht auf das Hochflachland, wo der weit hinaus sich schlängelnde blaugrüne Strom mit seinen weißblinkenden Kiesstreifen die ziemlich genau zutreffende ethnographische Grenze zwischen Schwaben und Bayern bildet. Vier Seen erblickt das schwelgende Auge zwischen den weit gedehnten Wiesen-, und Ackerflächen, zwischen denen aus verworrenen Hügelzügen dunkle Flecken von Fichten- und Föhrenwäldern wie Schlagschatten im heitern Panorama liegen. Strenge Gesetze gebieten hier die möglichste Schonung des Waldes und begünstigen sogar die Anpflanzung auf wenig nützen Moor- oder Felsengründen.

Leider läßt sich nicht das Gleiche vom tirolischen Lechgebiete sagen. Die Holzausfuhr des Bezirkes belief sich 1858 auf 1275 mass. Klafter im Werthe von 22,200 fl. ö. W, ist jedoch seit der am 1. April 1859 erfolgten Aufhebung der Holzausfuhrverbote und der sonstigen Controllemaßregeln im Holzverkehre bedeutend gestiegen. Viel kostbares Holz wird verschleppt — kostbar nicht, wie es liegt, sondern wie es steht, als grüner Wald auf lebendiger Wurzel, der einzige Schutz gegen Bergabstürze und stürmisch anwachsende Ueberschwemmungen. Die Versuche, durch den Landtag in Innsbruck ein Ausfuhrverbot zu erwirken, haben bis jetzt noch nicht zum Ziele geführt. — Wenden wir vom Calvarienberge den Blick rückwärts in die Heimath, so sehen wir hohe gewaltige Gebirgsmassen, darunter den 6446' hohen Säuling. Rechts drüben liegt auf waldigem Bergvorsprung zwischen zwei blauen Seen das königliche Lustschloß Hohenschwangau, ein "goldener Kelch auf grünem Teller", wie es der geistreiche Steub treffend genannt hat. Reich an interessanten Gegenständen der Kunst wie an den herrlichsten Naturscenen ist es der Lieblingsaufenthalt der Königin, die von hier aus häufige Ausflüge und besonders gern nach Reutte macht. Da kennt jedes Kind die freundliche hohe Frau, die ihre Pfade mit Wohlthun bezeichnet, aber auch noch vor kurzen Jahren rüstig die höchsten Spitzen erstieg, wo sie sich bei Hirten und Sennerinnen nach langen, langen Jahren in eine Huldgestalt verwandeln mag, damit die alte Sage und das heitere Märchen nicht ganz ersterbe in der Zeit prosaischen Golddurstes!

schlossruine ehrenberg gehrenspitze
das alte Gemäuer der Festung Ehrenberg
Bei Reutte sind auf einem Bergkegel die Trümmer der ehemaligen Veste Ehrenberg weit sichtbar. Sie ist geschichtlich merkwürdig. Im J. 1546 wurde sie von Schärtlin, dem Feldobersten der Schmalkalden, und sechs Jahre später vom treulosen Moritz von Sachsen erstürmt; dagegen hielt sie sich 1632 gegen Bernhard von Weimar und 1646 gegen Wrangel. Der Schloßcommandant war zugleich Pfleger des ganzen Gerichtes, weshalb der ganze Lechgau auch heute noch oft, wenn auch seit 1846 nicht mehr amtlich, mit dem alten ehrwürdigen Namen Ehrenberg bezeichnet wird.
1783 wurden die Festungswerke demolirt. Die Hoffnung, die man in neuerer Zeit hegte, der burgliebende König von Bayern werde die in Privatbesitz übergegangene Ruine ankaufen und ein Jagdschloß herstellen, ist nicht erfüllt worden. Politische Gründe können hierbei schwerlich ein Hinderniß gewesen sein.

Die Fremden, welche Reutte im Sommer zahlreich besuchen und besonders im wohleingerichteten Postgasthause gern verweilen, unterlassen wohl nie einen Ausflug an den nahen Plansee. Er liegt gegen Osten zwischen rauhen Bergen, ist eine Meile lang, aber kaum eine Viertelstunde breit und nächst dem Achensee (wenn der Bodensee und der Gardasee, als an den Grenzen gelegen, nicht in Betracht kommen) der größte See Tirols. Am Dörfchen Breitenwang vorbei, wo im Jahre 1137 Kaiser Lothar II. auf der Rückreise von Italien in einem kleinen Häuschen starb, gelangt man bald zum "Stuiben", einem der berühmtesten Wasserfälle des Landes. Der wasserreiche Seebach, hier Ache genannt, stürzt sich in zwei wenig von einander entfernten Fällen, das zweite Mal 100' hoch, von überhängenden Felsenwänden herab. In einer Viertelstunde gelangt man von da an den See selbst, der sich fast rechtwinklig um eine Bergecke von Osten nach Norden zieht. Wild und rauh ist die Gegend. Dem Geschichtsfreunde bietet sich eine Erinnerung am sogenannten Kaiserbrunnen. Ludwig dem Bayer, der öfter hier weilte — und, wie die Volkssage ergänzend beifügt, oft auf der Jagd aus dieser Quelle hart am Seeufer trank, — errichtete König Max II. von Bayern hier ein Denkmal an einem hübschen Brunnen aus Sandstein, und der letztverstorbene Postmeister von Reutte, Leopold Angerer, ein kernhafter tirolischer Patriot, pflanzte rings junge Laubbäume an. Vom See führt eine Straße nach Ettal in Bayern, wo Ethiko, der stolze Welfe, einst Klausner wurde, aus Gram, daß sein Sohn der Oberhoheit des Kaisers sich gebeugt hatte.

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der "Lechzopf" bei Forchach
Südwestlich von Reutte öffnet sich das eigentliche und im Bezirke ausschließend sogenannte Lechthal. Es beginnt zwei Stunden oberhalb Reutte; sein Zugang ist rauh und öde, die Berge sind mehr oder weniger bewaldet, während in der kargen Thalebene der Lech seine Sandflächen ausbreitet, ja sogar eine kurze Strecke weiter oben (bei Forchach) die ganze fast Viertel Meile breite Fläche mit seinem Gerölle überzogen hat. Nachdem wir von Reutte aus fünf Stunden gewandert sind, wird das Flußbett schmäler und das Thal freundlicher, und wir kommen durch die beiden schönen Dörfer Elbigenalp und Holzgau, welche in Bezug auf Reichthum und stattliches Aussehen sich um die Ehre des Vorranges streiten. Malerisch, wie nicht leicht in irgend einem Thale Tirols, ist die Gegend besonders um das letztgenannte der beiden Dörfer. Der Tourist, der etwa im Juni dahin kommt, wird sich nach einiger Umschau gestehen, nicht bald ein schöneres eigenthümlicheres Landschaftsbild gesehen zu haben. Allein die Blume blüht im Verborgenen; denn der Strom der Touristen, welcher Tirol jährlich überfluthet, läßt das Lechthal beinahe unberührt. Bald sind wir in Steg, dem letzten Dorfe, und können von hier, wenn uns nicht, wie den ziemlich häufig hierher kommenden Touristen niedersten Ranges (der letzte Weiler hinter Steg wird oft scherzweise Bettlerumkehr genannt) eine Rückkehr behagt, uns einen Uebergang westlich über Alpen und Alpendörfchen nach Vorarlberg, oder südöstlich über das Kaiserjoch in das Stanserthal suchen. Aber wir kehren zurück bis nach Weissenbach, eine Meile oberhalb Reutte, und steigen durch den geognostisch interessanten Gachtpaß in ein schönes grünes Hochthal mit dem stattlichen Dorfe Tannheim, von wo aus wir in wenigen Stunden bei Immenstadt die bayerische Augsburg-Lindauer Bahn erreichen.

In den verschiedenen Seitenthälern des Lechgebietes liegen noch manche Bergdörfer zerstreut. Wer die Idylle liebt und Orte sucht, wo das Getriebe der weit draußen (im Argen) liegenden Welt wie Märchen erscheint, mag sich die rauhen Wege nicht verdrießen lassen. Er kann in Pfafflar versuchen, wie sich's 5000' über dem Meere lebt, und kann den Uebergang von der öden Alpenweide zur gemähten Bergwiese sich anschauen in jener architektonischen Ausprägung, welche dort schon "Haus" genannt wird. In Gramais kann er das Brod als Luxusartikel suchen; in einem anderen Dörfchen, Kaisers, mag er am lustigen Kirchtage des St. Annafestes Käsekuchen backen lassen und mit den Burschen Kegel schieben; letzteres jedoch mit einiger Vorsicht, denn springt die Kugel zu weit vor, so rollt sie leicht weit über den Berg hinab in irgend einen Tobel des weißschäumenden Wildbaches. Idylle genug, nur darf man sich nicht so leicht etwas verdrießen lassen.

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der Hochvogel
Die klimatischen Verhältnisse sind nicht die günstigsten — aus zweifachem Grunde. Der erste besteht in der hohen Lage. Der Markt Reutte liegt (nach Trinker) 2768', das höchstgelegene Dorf Pfafflar 5063', das nächst höchste, Kaisers, 4864' über der Meeresfläche, während die Zugspitze an der Grenze Bayerns bei Lermoos zu einer Höhe von 9453' (Wärli), die nächst höchste Bergspitze, der Hochvogel im Lechthal, zu 8100' Höhe sich erheben. Der zweite Grund ist in dem Umstande zu suchen, daß das ganze Thalgebiet gegen Norden offen liegt und von Süden und Westen durch hohe Gebirge abgeschlossen ist. Es ergiebt sich daraus ein bedeutender Unterschied vom Innthale, welches gegen Norden durch die hohe Kalkalpenkette abgeschlossen und wärmer, dafür aber den Wirkungen des Südwindes (Sirocco, Föhn) ausgesetzt ist, der von jener Bergkette aufgehalten und zurückgeworfen, dort so häufig wüthet und für Innsbruck eine Stadtplage ist, hier aber im Lechgebiete sich selten beschwerlich macht. Desto kälter und schneidender ist hier dafür der Nordwind, welcher selbst in den wärmsten Sommertagen als kühles, über das dörrende Wiesenheu streifendes Lüftchen selten ganz ausbleibt, im Spätherbste aber über das Hochland des Allgäu die frostigen Nebelmassen, die über den dortigen Flüssen aufsteigen, bis in diese Thäler hereinschiebt. Die mittlere Jahrestemperatur ist für Reutte mit Verläßlichkeit meines Wissens nie ermittelt worden, dürfte jedoch sehr wahrscheinlich zwischen 5 und 6° R. schwanken, da dieselbe für Innsbruck mit 7.4° R. festgesetzt erscheint. Im Sommer steigt das Thermometer wohl mitunter bis zu 24°, sinkt jedoch im strengsten Winter wohl auch auf 20° unter Null oder noch tiefer.

Die Culturverhältnisse des Gerichtsbezirkes sind, um eine genaue Darstellung zu geben, von der Art, daß von 190 Tausend Joch als Gesammtflächenraum desselben 64 auf die landwirthschaftliche, 81 auf die forstwirthschaftliche Bebauung entfallen, 17 dem uncultivirten und 27 dem culturunfähigen Boden angehören, so daß mehr als ein Viertel überhaupt unproductiver Boden sind. Zugleich ersieht man daraus das Ueberwiegen der Waldfläche über den Wiesenbau, ein Verhältnis, das sich hier wie 9:7, in Nordtirol aber im allgemeinen wie 7:8 stellt. Hinsichtlich der Gesammtfläche des productiven Bodens im Verhältniß zum unproductiven nimmt der Bezirk Reutte unter den 18 Bezirken Nordtirols den II. Rang ein; in 7 Bezirken ist also der unproductive Bodenraum verhältnißmäßig noch größer. Dieses Verhältniß würde sich jedoch ungünstiger gestalten, sobald nicht der Gerichtsbezirk Reutte, sondern das ganze Flußgebiet, wovon jenem gerade einige sehr unproductive Seitenthäler fehlen, in Betracht gezogen würde.

krypta mang magnus füssen gallus
Magnus und Gallus - Fresko des 10. Jahrhunderts (Füssen)
Um einen Blick auf die Fauna zu werfen, so kann im allgemeinen bemerkt werden, daß dieselbe natürlich ganz alpiner Natur ist. Wölfe und Luchse kommen nie vor, wohl aber findet sich als große Seltenheit allenfalls ein Bär ein, der unter den Schafen aufräumt und zu großer Aufregung der Gemüther Anlaß giebt. Erst vor wenigen Jahren wurde im Lechthal ein solcher erlegt. Füchse, Marder, Wieseln u. a. sind häufig; bei Reutte fehlt auch der Igel nicht. Die einst zahlreichen Murmelthiere sind fast ganz ausgerottet, denn der Volksglaube legte früher großen Werth auf das Fett derselben als medicinisches Hausmittel. Von Raubvögeln sind Lämmergeier und Uhu's in den tiefen Gebirgsschluchten nicht gar selten; von Hausgeflügel fehlen jedoch Gänse, Enten und Tauben in den tiefen Thälern gänzlich. Spielhähne (Tetrao tetrix) und Schneehühner (Tetrao lagopus) sind auf den höchsten Bergen nicht selten; längs dem Lech erscheint zuweilen auch der graue Reiher. Nattern und andere Schlangen sind zahlreich, doch scheint die Kreuzotter, wenigstens in den tiefer landeinwärts gelegenen Thälern, zu fehlen. Der schwarze Erdmolch (Salamandra nigra) kommt besonders im Lechthale sehr häufig vor. An Fischen enthält der Lech Forellen, Aeschen und dickköpfige Gründlinge (Dolben); in den Seen finden sich auch Goldforellen, Karpfen, Renken u. a. (im Tannheimer Thale begegnete ich einmal dem Volksglauben: die Hechte des Haldensee's trügen in der Form kleiner Knöchelchen die Leidenswerkzeuge Christi im Kopfe). Eine Landplage für die Lechebene bis über Reutte herein sind manchmal die Engerlinge (die Larven des Maikäfers), welche weite Wiesenstrecken oft der Art verheeren, daß dieselben wie frisch gepflügt erscheinen. Zur Fernhaltung dieser Landplage feiert man an einigen Orten den 6. September als Festtag des heil. Magnus (oder Mang), des Apostels des Lechgaues.

In der Umgegend von Reutte und am Plansee ist die Jagd größtentheils an Se. Mas. den König von Bayern verpachtet, daher auch der strenge geschützte Wildstand ergiebig an Gemsen, Hirschen, Rehen und Hasen. In den übrigen Jagdbezirken sind Hirsche gar nicht mehr zu finden, die Rehe aber ziemlich selten und die Gemsen noch seltener geworden. Jedoch hat es den Anschein, als sollten sich diese letzteren wieder mehren, seitdem sich auch die Zahl der Wildschützen um vieles verringert hat.
Die alte Race derselben ist fast ausgestorben, und die Sonntagsjäger, sind bekanntlich den Gemsen nicht einmal in Gastein gefährlich. Vielleicht steht diese Erscheinung im Zusammenhänge mit der Hebung des Schützenwesens im Lande; denn der gute Schütze zieht, statt auf den Bergen herumzusteigen, doch lieber von Zeit zu Zeit auf eines der nie fehlenden Schießen am Lech oder am Inn, um sich ohne Gefahr und ohne Fußeisen bei einem guten Glase Wein ein Best mit hübscher Zierde zu erringen. Sorgfältige Hausfrauen sind jedoch nicht immer mit solchen Ausflügen einverstanden und behaupten, ein schlechter Schütze "verschieße" in einem Jahre eine Kuh, ein guter aber — zwei Kühe! Doch kommt es auch vor, daß gute Wildschützen schlechte Scheibenschützen sind.

trachten lechtal stengel
Ausdruck der Kunstsinnigkeit - die Lechtaler Tracht
Der Lechgau ist, wie wir schon gesehen, reich an Fichtenwäldern mit vereinzelten Beständen von Buchen, Erlen, Föhren, Lärchen und Tannen (Abies). Je seltener im Hochgebirge die Zirben (Pinus Cembra L.), desto häufiger sind dort Legföhren und Birken, so daß also hierin keine Abweichung vom nordtirolischen Alpengebiete stattfindet. Von den seltenern Pflanzen des Lechgaues mögen hier genannt werden: Viola calcarata L. (die in den Bergen zwischen Inn und Lech ihre Grenze findet), Cortusa Mathioli L., Cerinthe alpina Kit., Alsine sedoides Frhl. (= rubella, Wahlberg) u.a.m. — Die Heuernte auf den Bergmähdern ist meist gefahrvoll, und kaum vergeht irgend ein Jahr ohne Unglücksfälle. Die Viehzucht ist die Haupterwerbsquelle aller dieser Thäler; jedoch ist der Flächenraum des Bodens nicht ausreichend für schöne und große Bauerngüter, wie solche anderswo anzutreffen sind. Der fortschreitenden Güterzerstückelung sucht man jetzt energisch entgegen zu wirken und mit vollem Rechte, wenn gleich anerkannt werden muß, daß dieselbe auch ihre gute Seite gehabt hat, nämlich die Entwickelung der Intelligenz und der individuellen Arbeitsliebe zu fördern. Ein Bauer mit etwa 5 Kühen gilt hier schon für wohlhabend; es giebt zwar Wirthschaften, die deren bis 15 halten, die meisten jedoch haben nur 2—3. Die Viehpreise sind von Jahr zu Jahr schwankend und pflegen zu sinken, sobald sich auf den Herbstmärkten keine Wälsche als Käufer einstellen. Wenn dieselben aber schon vor der Zeit des Viehabtriebes, in den Alpen selbst erscheinen und feilschen, lassen sich hohe Preise erwarten. Die Schafzucht ist nicht ausgedehnt; dagegen fehlt in keinem Dorfe eine ansehnliche Heerde zwar forstverderblicher, aber dem Bauer fast unentbehrlicher Ziegen. — Das Getreideerzeugniß ist gering. Weizen und Mais reifen nicht ab, auch wächst nur wenig Roggen; dagegen gibt es ziemlich viel Gerste, Hafer und Erdäpfel (von letztern jährlich über 100,000 Metzen). Etwas bedeutender, jedoch nur zur Deckung des localen Bedarfes, ist der Flachsbau. Ein energischer Landrichter der guten alten Zeit hat zwar die Obstbaumzucht allgemein einzuführen versucht, allein sie will nicht gedeihen. Die Ursache liegt in den kalten Winden des Frühjahres, die oft Regen und Schnee bringen und die Blüthen der Bäume wohl zur schönsten Entwickelung, aber selten zur ergiebigen Befruchtung gelangen lassen. Dazu kommt auch die geringe Sorge, die man in der Regel dafür trägt. Das einzige Dörfchen Pflach bei Reutte macht eine Ausnahme, die es theils einer mehr geschützten Lage, theils einem wackern thätigen Schullehrer verdankt.

biberwier bieberwier zugspitze
Biberwier - einstige Knappensiedlung
Die Erzeugnisse des Mineralreiches sind nicht von großer Bedeutung. Jedoch besteht in Biberwier am Fern ein ansehnlicher gewerkschaftlicher Bergbau mit Schmelzhütte; die Ausbeute belief sich im Jahre 1861 — bei 94 Arbeitern — auf 1743 Ctr. Blei im Geldwerthe von 22,218 fl. und 1246 Ctr. Zink im Werthe von 14,668 fl. (Bleiglanz und Kohlengalmei). Versuche bayerischer Unternehmer (während der fünfziger Jahre) zum Eisengewinne in Almajur bei Kaisers (auf Eisenspath) und am Säuling bei Reutte (auf Brauneisenstein) schlugen fehl, weil an Ort und Stelle das Brennmaterial zum Schmelzen nicht zureichend vorhanden, der Transport des Rohmaterials aber zu weit und zu theuer ist. Gyps- und einzelne Marmorbrüche gehen kaum über locales Bedürfniß hinaus.
Der geognostische Bau der Gebirge des Lechgebietes ist vor allem geeignet, die Aufmerksamkeit des Naturforschers fortwährend anzuregen.

Vom Boden wenden wir uns nunmehr zum Volke, das denselben bewohnt. Der nationale Charakter desselben ist vorherrschend schwäbisch, wie der Dialekt, der sich jedoch von Thal zu Thal mit leicht erkennbaren Zügen und Lauten etwas ändert. Bedeutende Abweichung jedoch in Sprache und Sitte zeigen die eigentlichen Lechthaler. Sollte eine Vermuthung, nach der dieselben von einer im fünften Jahrhundert versprengten Schaar Franken abstammten, richtig sein, so wäre das nationale Grundelement ein fränkisches; immerhin aber ist eine sehr starke Beimischung schwäbischer und romanischer Elemente hinzugetreten. Der Lech ist dort merkwürdigerweise ein Stück Nordgrenze für die weiteste Ausdehnung des romanischen Elementes nach dieser Richtung hin. Bei seiner einstigen Ausbreitung in Vinstgau und am obern Inn machte dasselbe durch Vermittlung der Gebirgsübergänge seine Einflüsse bis an den Lech herüber geltend. Das beweisen unverkennbar manche Ortsnamen, welche in Tirol überhaupt heute schwerlich noch alle — und hier schon gar nicht! — mit Dr. Steub in München als etruskische anzunehmen, vielmehr wenigstens theilweise mit P. Rufinatscha in Meran als romanische zu deuten sind; überdies auch andere Benennungen, die sich besonders auf Hausgeräthe beziehen. Das ganze Lechgebiet aber möchte den wichtigsten Stoff liefern, wenn einmal ein Glücklicher den Zauberschlüssel finden sollte, welcher mit Beseitigung aller haltlosen Theorien die so zahlreichen Räthsel erschlösse, womit sich in diesen Bergen schon so mancher Forscher abgemüht hat.

Während die Bewohner des Lechgaues im allgemeinen mehr oder weniger die Grundeigenschaften des schwäbischen Volksstammes theilen, macht sich beim Lechthaler trotz anscheinender Plumpheit noch eine besondere geistige Beweglichkeit bemerkbar. Nicht so zungenfertig, wie der Schwabe, eignet er sich mit Leichtigkeit Fremdwörter an, obwohl er wieder nur schwer, mag er auch noch so lange in der Fremde sein, die unangenehm vorspringenden Ecken seiner Mundart abschleifen lernt. Er liebt Streit und aufregende Bewegung und greift manchmal gerade nicht nach Knütteln, wohl aber nach Knüttelreimen und spottendem Witz. So löste sich einmal vor Jahren in einem der größten Dörfer der Kirchenmusikchor auf, weil sich über die Frage, ob eine sittlich nicht ganz unbescholtene hübsche Sängerin noch ferner zum Chore zuzulassen sei, das halbe Thal in zwei sich hitzig bekämpfende Lager spaltete. Zahllose Pasquille, Satyren u. s. w. flogen in Reimform hin und her, und erst nach 10 Jahren — also gerade so lang einst auch der trojanische Krieg währte — kam der Friede und die Kirchenmusik wieder zu Stande. Die arme Sängerin aber sang nicht mehr mit; sie lag im Grabe.

Die bedeutende Verschiedenheit des Lechgaues von dem übrigen bojoarischen Tirol zeigt sich auch äußerlich im Bau der Häuser. Klein, aber freundlich und nett — so liebt der Lechanwohner sein Haus; nirgend trifft man auf Unreinlichkeit oder Schmutz.
Die Blumenzucht ist überall beliebt; hübsche Gärtchen zieren oft die Häuser und prachtvolle Nelkenstöcke an den hellen Fenstern verrathen die ordnende weibliche Hand, die im Hause waltet. Besonders schön und sauber sind die meist hölzernen Häuser im Oberlechthal. Sie gleichen bei manchen reichen Einwohnern kleinen Palästen, sind von Außen zuweilen bemalt und im Innern der Zimmer zierlich getäfelt. Die fast durchgängig gemauerten breiten und niedern Oefen verzehren viel Holz; die Preise desselben schwanken im ganzen Bezirke für eine Klafter (Prügel zu 3' Länge) zwischen 2—5 fl. Nicht selten legt sich ein Thalbewohner, wenn er an Winterabenden frierend und durchnäßt nach Hause kommt, auf seinen breiten Ofen und läßt sich's wohl sein. Der rasche Wechsel zwischen einer Temperatur von — 16° bis — 20° draußen und + 20° im Zimmer wird gar nicht beachtet, dürfte aber die unbekannte Ursache mancher Krankheit sein, namentlich des Friesels und der hitzigen Fieber, die zeitweilig einreißen. Charakteristisch ist in diesen Thälern ferner, daß nirgend eine Art Pritsche fehlt, die auf einer Seite des Ofens steht und im Lechthale die "Gutsche" (coucher!) heißt, wie denn der Lechthaler auch die an die Wohnstube stoßende Schlafkammer "das Gaden" nennt.

lechtaler tracht holzgau
Lechtaler Tracht (1926)
Die Bewohner des Lechgaues befinden sich in national-politischer Hinsicht in einer Doppelstellung. Nationale Verwandtschaft, der Lauf des Flusses und die Lage des ganzen Bezirkes weisen sie nach dem bayerischen Norden. Dieses Gefühl drückt sich auch in dem Redegebrauch aus, daß von Einem, der über den Fern in das Innthal geht, gesagt wird, er gehe "in's Tirol!" Aber die Geschichte weist den Gau seit dem 15. Jahrhundert entschieden nach Osten an Tirol und Oesterreich. In der That ist dieses politische Gefühl hier immer mehr oder weniger lebhaft gewesen, seit 1848 aber unverkennbar neu erstarkt. Trotz der nahen Verwandtschaft, trotz der Anwohnerschaft an demselben Flusse (der übrigens erst von Füssen an mit Flößen befahren wird) sind sich die Bewohner des tirolischen Lechgaues und die Bayern politisch fremd. Als im Jahre 1848 jenseits der Grenze im Allgäu ein gräulicher Parteilärm zwischen den "Rechten" und "Linken" losbrach, dem übrigens die wieder erstarkende Regierung Bayerns nachher durch Militärbequartierung einen Dämpfer aufsetzte, fand derselbe hüben nicht den geringsten Anklang und man begnügte sich harmlos lachend zuzusehen. Das mögen die Theoretiker der natürlichen Grenzen nicht gering anschlagen; denn verhängt Bayern die Grenzsperre, so hat der schwäbische Tiroler am Lech kein Brod — und Hunger thut weh, das hat man hier im Winter 1847—1848 schmerzlich erfahren. Die Vorgänge des Jahres 1809 hatten eine heftige Erbitterung zwischen beiden Theilen erweckt, welche bei den Bayern, als dem verletzten Theile, bis in die neueste Zeit anhielt. Wenn etwa im Herbst der durch Regengüsse anschwellende Lech zuweilen hunderte von Klaftern geflößten Holzes mit sich nach Bayern führt und dort an den Ufern langsam ablagert, so machen sich die Bayern lachend darüber her und rufen: "die Tiroler zahlen uns die Zinsen!" Doch kann der Groll für erloschen angesehen werden, und neuer Anlaß dazu soll, so Gott will, nicht wiederkehren.

Da der karge Ertrag des Bodens eine bedeutende Korneinfuhr erfordert, außerdem aber kein besonders namhafter Industriezweig blüht, so muß dieser Ausfall an jährlichem Capital einerseits durch die Erträgnisse der Viehzucht, andererseits durch Verdienst im Auslande gedeckt werden. Ganz arme Eltern Pflegen daher ihre Knaben vom 7. Jahre an im Sommer als Hirten in das "Schwabenland" zu schicken, wo sie auf den großen Bauernhöfen sich nicht schlecht befinden und außerdem zur Ordnung und Folgsamkeit angehalten werden; denn "gaun, staun, liga laun" (gehen, stehen, liegen lassen) lautet für die kleinen Hirtenbuben die unerbittliche Hausherrnmaxime des grämlichen Schwaben. Außerdem gehen im Frühjahre viele als Maurer nach allen deutschen Ländern und bringen im Herbst oft eine schöne Summe Silbergeldes (bis 150 fl.) nach Hause. Die Zahl dieser zeitweiligen Auswanderer stellt sich nach Staffler's Angabe für den Bezirk Reutte auf 2200. Auf diese Weise wird ein großer Theil der Einwohner mit Sitte und Gebräuchen der verschiedensten Länder vertraut. Die Tracht der Männer ist daher auch schon längst modernisirt, und nur höchst selten trifft man noch auf alte Männer mit den bekannten kurzen Hosen. Günstiger Weise — denn sie ist warm und wohlfeil — kommt nunmehr die graue Tiroler Schützenjobbe immer mehr in Aufnahme; die Ehrenberger "tirolisiren" sich! Nur im Lechthale hat sich eine eigene weibliche Tracht erhalten, die der Beschreibung werth ist. Der Festtaganzug der Lechthalerinnen besteht nämlich — "zierlich aber nicht ästhetisch", meint Staffler, der Topograph Tirols — zunächst in einem etwas gefältelten langen Rocke von dunklem Tuche, die "Kutte" genannt, sodann in einem kurzen Mieder von Sammt und im "Brustfleck", d. i. einer mit Silberketten geschmückten Brustbedeckung von Seidendamast, in welchem Gold- oder Silberblumen eingewebt sind, endlich im "Schalk", einem eigenthümlichen kurzen Jäckchen, vorn wie abgeschnitten und mit bauschigen Aermeln. Den Kopf bedeckt ein Seidenhut oder auch eine eigenthümlich geformte "Kappe" aus Biberfell. Ein solcher Anzug kostet über 100 fl. und muß, wenn noch Goldgeschmeide dazu kommt, auf 600 fl. angeschlagen werden. Eine schwerseidene Schürze darf nicht fehlen, und da man der Mode doch auch etwas zu Liebe thun muß, die gefältelte "Kutte" aber sich mit Reifen nicht verträgt, so tragen die reichen Lechthalerinnen jetzt ihre "Schälke" aus glänzendem Atlasstoff, während sie zugleich anfangen, die Biberkappe immer mehr den Alten zu überlassen.

andreas-hofer-spiel tannheim
Andreas-Hofer-Spiel in Tannheim (1931)
Der Leser wünscht vielleicht einen Einblick in die Sagenwelt, Sitten und Gebräuche des Volkes; allein das Interesse dafür hat nicht mehr jene frische lebendige Anziehungskraft, wie zu der noch nicht fernen Zeit, als Jacob Grimm darin Zug für Zug eine versunkene Götterwelt als goldenen Nationalschatz wiederfand. Die alten deutschen Ueberirdischen sind heraus geschält aus der Sagenhülse, wie die Ammoniten und Inoceramen aus ihrem Steinlager; aber sie frieren und möchten wohl gar lieber zurück in das warme gläubige Gemüth des Volkes. Theilweise stecken sie im Lechthale noch darin, aber in verkümmertem Zustande. Die reizenden göttlichen Huldinnen unserer heidnischen Altvordern wohnen nur noch als "wilde Weiber" in den Felsen Felsenhöhlen. ­Doch auch Wodan, der große Gott, welcher im Untersberg und Kyffhäuser Kaisergestalt angenommen, sitzt hier im äußersten südwestlichen Gebiete unseres Gaues tief unter der Erde (Alpe Almajur bei Kaisers) in einer versunkenen Kirche, wo er in einem Stuhle schläft; auch er antwortete, wie Kaiser Carl und Kaiser Rothbart, einem vor hundert oder mehr Jahren eintretenden Mann, den er nach der laufenden Jahrzahl gefragt hatte, sein schwermüthiges schmerzlich trauriges: "Noch ist es nicht Zeit!" und sank wieder in den Schlaf zurück. Und ist denn wirklich noch immer nicht Zeit? Gott gebe unsern Feinden Glück, uns aber den rechten Muth, dann wird es Zeit sein! — Außerdem fährt Wodan noch mit der wilden Jagd, im Lechthal "wüthige Fahrt" genannt, über Berge und selbst durch Häuser, wo im Hausgang sich zwei Thüren gegenüberstehen. Die "Wichteln" fehlen auch hier mit ihrem Spucke nicht. Die Sage vom goldsuchenden "Venediger Mandl" reicht so ziemlich genau bis an die Grenze der Berge, und der schnurrige alte Unhold huldigt somit dem modernen Princip der natürlichen Grenzen. Von altem Aberglauben und Geisterglauben haben sich noch manche Ueberreste erhalten, jedoch ohne Einfluß auf das Leben. Sehr stark jedoch glaubt man an das vorausgehende Sichanmelden von Todesfällen durch irgend ein Zeichen, wie auch anderswo; charakteristisch aber ist dafür der Ausdruck "sich mähren" ("es hat sich g'mahrt", pflegt man zu sagen). Volkslieder giebt es so gut wie keine; die Bewohner des Lechgaues sind nicht sanglustig. Am Kirchweihfest geht es klein und mager her; dagegen liebt man hier die Faschingsbelustigungen mit Mummerei und Tanz, jedoch immer mehr mit der Würze des Witzes und des geistigen, als mit jener des materiellen Genusses. Lustige bei Nacht irgend einem Nachbar gespielte Possen kommen häufig vor. Da werden z. B. von jedem Hause eines Dorfes je ein oder zwei Fensterläden ausgehoben und alle zusammen auf freiem Felde als hochragende Pyramide aufgethürmt. Wie es dann am Tage mit dem Suchen zugeht, läßt sich besser malen als beschreiben. Ja selbst einen mit Dünger beladenen Wagen erblickte der Eigenthümer nach einem gesunden Schlafe am Morgen schon öfter in bester Ordnung und mit niederhangender Deichsel — auf dem Dachfirst seines Hauses! Ein gar anmuthiger Gebrauch ist im Lechthal das "Grotenspannen." Ein Bursche, der bei nächtlicher Weile zum Besuche des Liebchens in ein fremdes Dorf geht, wird bei der Rückkehr von den Burschen dieses Dorfes aufgefangen und in einen "Groten", d. i. Karren gespannt, den er nun unter Halloh und Gelächter durch das Dorf ziehen muß. Die Nacht deckt seine Schande, aber der folgende Tag nicht eben so seinen Namen. Auch an einzelnen sogenannten Bibelstechern und eulenspiegelartigen Originalen hat es im ganzen Lechgebiete zu keiner Zeit gefehlt, eben so wenig als an Winkeladvocaten und schlauen Gesetzauslegern. Wie der Charakter des Volkes ein beweglicher, so ist er auch ein empfindlicher, und wehe dem Beamten, der hier die Leute etwa nach demselben Maßstabe, wie z. B. im Unterinnthale behandeln wollte! Dort muß er zuweilen ein wenig grob sein und bleibt dennoch ein beliebter "feiner Herr"; hier aber würde er es sich für immer verderben. Gegen nichts ist der Anwohner des Lech empfindlicher, als gegen unfreundliches Benehmen, denn es empört sein Inneres und weckt seine Rachgier.
Hingegen ist er durch scheinbares Eingehen auf seine Idee in den meisten Fällen leicht zur besten Einsicht zu bringen. Widerspruch erwägt er zwar ohne Groll, verhärtet sich aber dabei leicht in einer einmal vorgefaßten Ansicht.

bichlbach zunftkapelle
das Dorf Bichlbach
Die Bewohner des Lechgaues haben — ohne Ruhmrederei — bedeutende geistige Fähigkeiten und Anlagen, besonders für die zeichnenden Künste. Ein bedeutender deutscher Maler der neuen Zeit gehört durch Geburt dem Lechthale an, nämlich Joseph Koch (geb. 1768, gest. in Rom 1839), allen Freunden der Kunst wohl bekannt durch seine Landschaften, Fresken und Blätter aus Dante und viele andere Bilder, deren das Museum in Innsbruck vier herrliche besitzt. Mehrere treffliche Maler, wenn auch nur etwa dritten Ranges, entstammten der Familie Zeiler in Reutte. Es ist sehr zu bedauern, daß die Gemeinden gerade in und um Reutte sich so wenig bemühen, eine Zeichnenschule zu gründen, und daß die wenigen Bemühungen dafür über ein unbedeutendes Stammcapital noch immer nicht hinausgekommen sind. In Elbigenalp im Lechthale lebt auch ein schlichter bescheidener Mann, einst in München und andern deutschen Städten als Graveur an namhaften Instituten thätig, Anton Falger. Reich und geachtet, eröffnete er durch unentgeltlichen Unterricht in Wintercursen mehreren hoffnungsreichen Talenten die Bahn der Kunst und vereinigte außerdem alle interessanten Alterthümer, die er in der Heimath fand, in einem kleinen Thalmuseum. Selbst bis auf die Versteinerungen der Gebirge erstreckte sich sein Sammeleifer, und ein dankbarer Geognost, Merian, legte einer Art der Gattung Inoceramus Falger's Namen bei.
In früheren Jahren malte er auf zwei Kirchhöfen Todtentänze al fresco zu nicht geringer heilsamer Belustigung der Bewohner, die von allen Dörfern kamen, um diese seltsamen Bilder zu schauen; auch zeichnete und lithographirte er manches, nicht minder die ernsten Bußprediger-Missionen, als die lustigen Maskenaufzüge in der Zeit des Faschings. Seine sehr rein gearbeitete Karte Tirols verdient alle Anerkennung; eine kleine von ihm lithographirte Karte des Lechgaues wurde 1855 Sr. kais. Hoheit dem Erzherzog Statthalter Carl Ludwig auf dessen Rundreise beim Eintritt in den Bezirk als sinnige Gabe überreicht. — Der Lechgau gab ferner dem Land und dem Staate manche tüchtige Seelsorger und Beamte, Lehrer und Gelehrte, ja sogar der Reichshauptstadt Wien durch 14 Jahre (1823—1837) einen Bürgermeister in J. A. Lumpert (geb. in Elbigenalp 1757, gest. in Wien 1837).

Es dürfte nicht uninteressant sein zu erwähnen, wie der große Reichthum nach Oberlechthal gekommen.

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opulentes Bürgerhaus in Holzgau
Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, um 1780, zogen manche armen Lechthaler als Hausirer in die Fremde, längs dem Rheine hinab bis Holland. Das Glück war manchen günstig; aus Hausirern wurden allmälich Handelsleute mit bedeutender geachteter Firma. Als sie älter wurden, zogen sich die meisten wieder in das Lechthal zurück, um noch ruhige Jahre zu leben und dann bei ihren Vätern begraben zu werden. Der Werth des dadurch in das Thal gekommenen Capitals ist auf mehrere Millionen anzuschlagen; — allein schon jetzt fängt sich das Sprüchwort an zu erwahren: wie gewonnen, so zerronnen. Ein großer Theil ist durch Heirathen außer das Thal gekommen, ein anderer durch Vererbung in kleinere Theile zerfallen, ein dritter endlich hat auch mitunter lustige Erben gefunden. Außer den bleibenden reichen Stiftungen, bei denen eine größere Berücksichtigung der Schulen zu wünschen gewesen wäre, wird in nicht ferner Zeit vielleicht wenig mehr übrig sein, und die Zukunft muß lehren, ob die Voraussagung einsichtiger Leute sich erwahrt, daß der glänzende Goldsegen sich einst in drückende Armuth verwandeln werde. Sehr reich sind nur noch wenige; unter ihnen Elisabeth Maldoner in Holzgau, welche die Zinsen ihres, wie man glaubt, fast auf eine halbe Million sich belaufenden Vermögens seit langen Jahren auf Wohlthun, edle Zwecke und Stiftungen verwendet.

Um 1848 entstand im Lechgau abermals ein Drang nach Auswanderung, und zwar diesmal etwas weiter, als um 1780, nämlich nach Amerika. Die Zahl der Ausgewanderten, zu denen fast jedes Dorf sein Contingent stellte, ist nicht unerheblich; jedenfalls aber ist abzuwarten, ob denselben in fernen Landen das frühere Glück wieder erblühen werde. Manche sind sogar bereits verschollen.

Nur noch ein Wort über die Industrie und andere materielle Interessen des Lechgaues.

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Kleinmünchner Baumwollspinnerei

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das alte "Daurenbad" (Kreckelmoos)
Die Industrie ist hier ohne Zweifel einer viel bedeutenderen Entwickelung fähig. Mancher schöne Versuch ist gemacht, aber wieder aufgegeben worden, oder doch verkümmert. So erging es zu Reutte einer Fischbeinfabrik, einer großartig angelegten Gerberei und Lederfabrik und einer Tuchfabrik, welche letztere abbrannte und seit langen Jahren als traurige Ruine dasteht. Eine Handpapierfabrik daselbst beschränkt sich auf Erzeugung groben Papieres für den Localbedarf. In den vierziger Jahren trat eine Actiengesellschaft zusammen und errichtete zu Reutte mit großen Kosten eine Baumwollspinnerei, die auch bald in Betrieb gesetzt wurde. Da aber keine Dividenden herauskamen, löste sich die Gesellschaft auf, nicht ohne namhafte Einbuße an Capital zu erleiden, und die Fabrik kam durch Ankauf in die Hände eines unternehmenden, sehr gebildeten Protestanten, der sich seither mit Erfolg um die Hebung seines Etablissements bemühte, F. C. Hermann. Wegen des nicht selten trägen und wenig lohnenden Geschäftsganges des Garnmarktes stellte Hermann 120 mechanische Webstühle auf und vermehrte dieselben (laut dem Berichte der Innsbrucker Handelskammer von 1859 bis 1861) noch um weitere 84 Stühle neuester englischer Construction, deren Arbeitseröffnung jedoch in eine ungünstige Zeit fiel. Es ist dabei der Umstand bemerkenswerth, daß die Arbeiter dieser Fabrik jetzt meist Fremde sind, während die überwiegende Mehrzahl derselben ursprünglich aus Einheimischen bestand. Die Ursache davon muß gerade nicht in der Arbeitsscheu, sondern in dem Umstande gesucht werden, daß der Einheimische die Beschäftigung mit Ackerbau, Viehzucht und Gewerben der durch ihre Einförmigkeit in den ölduftenden Sälen drückenden Fabrikarbeit vorzieht. — Außer der Baumwollspinnerei besteht bei Reutte auch eine Schafwollwaarenfabrik des Postmeisters Angerer, in der jedoch vorläufig nur wenige Arbeiter dauernd beschäftigt sind. Außerdem wird in einigen Dörfern des Lechthales (Häselgehr, Häternach und Stanzach) die Glockengießerei mit Kleinglocken betrieben, deren meist für den Landgebrauch und die Viehzucht bestimmte Erzeugnisse auch außer Tirol einigen Absatz finden. Wohl ersteht manchmal da und dort ein anderer industrieller Versuch, z. B. eine Zündhölzchen-Fabrication, deren Producten man aber gleich ansieht, daß das Holz dabei nicht gespart wird und in denen man im Scherze eine ernstliche Gefahr für den Bestand der Wälder erblicken darf.

Zum Schlusse seien noch einige Zeilen an eine Hoffnung geknüpft, welche eben jetzt im Lechgaue viele Gemüther lebhaft bewegt. Die Verkehrslinie von Innsbruck (resp. Brenner) über den Fern nach Kempten und von da nach dem Rhein und Main war von jeher eine sehr wichtige gewesen, und diese Straße wurde daher sehr stark befahren. Die günstigsten Folgen hatte dafür die Eröffnung der nahe liegenden bayerischen Augsburg-Lindauer Eisenbahn gehabt; der Durchzughandel wendete sich von Vorarlberg weg und der Straße über den Fern zu und wurde lebhafter denn je. Eine Umlegung dieser Straße an zwei steilen Strecken (an dem Fern und bei Reutte) seit 1854 erleichterte den Verkehr noch um ein bedeutendes. Allein schon im Jahre 1859 gab die neu eröffnete Innsbruck-Kufstein-Münchner Bahn dem Waarendurchzug eine neue Richtung, und der Verkehr über den Fern hörte beinahe ganz auf, so daß man statt der 128 Paar Pferde, welche früher von Nassereut bis Reutte in Verwendung standen, jetzt deren nur noch 13 zählt. Ein Blick auf die Karte Süddeutschlands aber zeigt, daß der Bogen, den die genannte Eisenbahn von Innsbruck über Kufstein und München bis Augsburg beschreibt, durch eine Bahnlinie Innsbruck - Reutte - Kempten mit höchst beträchtlicher Kürzung abgeschnitten würde. Der im Bericht der Innsbrucker Handelskammer von 1859 — 1861 beim Ministerium warm befürwortete Gedanke verspricht zur That zu werden. Die Vorarbeiten sind schon vollendet; die neue Bahn soll von Innsbruck nach Imst und von da über den Fern und Reutte nach Kempten gehen. Ohne sonstige besonders erhebliche Terrainschwierigkeiten würden dabei nur am Fern einige Tunnelbauten nothwendig werden. Ist der neulichen Angabe eines Innsbrucker Blattes zu glauben, so hat sich bereits eine englische Gesellschaft höhern Orts um die Bauconcession beworben, jedoch soll die Südbahngesellschaft vertragsmäßig den Vorzug haben. Wie lange es nun wieder dauern wird, bis diese letztere sich erklärt, und die Bahn, deren Wichtigkeit von selbst einleuchtet, zu Stande kommt, vermag niemand zu bestimmen. Gewiß aber ist, daß dem Lechgau, nachdem der alte Verkehr auf der Fernstraße doch einmal für immer dahin ist, daraus nur neues Leben und neuer Aufschwung erblühen kann. Das begreift man dort so gut, wie anderswo, und sollten noch irgend Vorurtheile im Volke vorhanden sein, so werden sie schwinden, sobald die neue Zeit sich einmal in ihren Eisenschienen eingefahren haben wird.

Und die alten Ruinen Ehrenbergs bei Reutte — sie werden wohl recht trübe auf die bald vorbeibrausenden Bahnzüge herniederschauen? Die die Vorarbeiten leitenden Ingenieure wollten der altehrwürdigen Veste solch' Leid nicht anthun, und in ziemlicher Entfernung davon wird die Locomotive mit ihrem Wagenzuge in den frischen blaugrünen Wellen des Plansee's sich spiegeln. Das Volk fürchtet für seine Wälder; warum soll es aber, mündig und constitutionell geworden, nicht auch eine weise strenge Forstwesens-Organisation hoffen, welche die Wälder schützt, und an die Stelle der jetzigen Holzverschleppung durch die Gemeinden selbst einen geregelten Abtrieb, sofortige Nachpflanzung und die Möglichkeit, ja Leichtigkeit eines günstigen Absatzes des bei selbsteigener weiser Sparsamkeit gewiß stets zu erzielenden Holzüberschusses treten läßt?


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