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Tiroler Oelwerke

Thiosept



Eintrag in das Gewerbe-Register

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Allgemeiner Tiroler Anzeiger vom 20. Feb. 1923
Tiroler Oelwerke, Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Reutte. Gegenstand des Unternehmens ist der Erwerb, die Ausbeutung von Oelschiefervorkommen und die Herstellung sowie der Vertrieb der aus denselben zu gewinnenden Roh- u. Edelprodukten. Die Gesellschafter Walter Bleckmann, Vizepräsident der Bleckmann Stahlwerke in Mürzzuschlag, Eugen Rumbold, Bankbeamter in Graz, Dr. Heinz Mitter, Privat in Graz-Waldendorf und Dr. Franz Falser, Betriebsleiter in Breitenwang, bringen Freischürfe und Grubenmasse als Sacheinlagen in die Gesellschaft im Gesamtrechnungswerte von 1500000 Kronen ein und zwar Walter Bleckmann mit 40 Prozent, Eugen Rumbold mit 20 Prozent, Dr. Heinz Mitter mit 34 Prozent und Dr. Heinz Falser mit 6 Prozent. Geschäftsführer: Dr. Hermann Stern, Rechtsanwalt in Reutte.

Da die Oelwerke seit ihrer Inbetriebnahme 1923 lediglich provisorisch in einem kleinen Holzanbau beim Metallwerk Plansee untergebracht waren, begann man etwa 1924 (1925?) mit dem Neubau von Fabrikationshallen in der Nähe des Bahnhofs.

Innsbrucker Nachrichten vom 14. Okt. 1926
Ende vergangener Woche fand die Kollaudierung des Fabriksneubaues der Tiroler Oelwerke statt, zu der der Bürgermeister Schretter, vier Mitglieder des Gemeinderates eingeladen hatte. In der letzten Zeit waren nämlich Gerüchte aufgetaucht, daß durch den Betrieb des Oelwerkes eine starke Rauch- und Geruchsplage entstehen könnte. Die bei der Kollaudierung anwesenden drei Mitglieder des Gemeinderates konnten sich aber auf Grund des achttägigen Probebetriebes und der Aussagen verschiedener kompetenter Persönlichkeiten davon überzeugen, daß bei normaler Witterung von irgendwelcher Belästigung nicht gesprochen werden kann. Leider waren anscheinend Altbürgermeister Bauer als viertes Gemeinderatsmitglied und der Vertreter des Heimatschutz-Vereines am Erscheinen verhindert.

Innsbrucker Nachrichten vom 16. Feb. 1928
Am 15. d. M., zwischen halb 6 und 6 Uhr abends, brach in Reutte in der Industrieanlage des Tiroler Oelwerkes G. m. b. H. (Oelschiefer-Bergbau) ein Brand aus, der sie zum größten Teile vernichtete. Der Betrieb ist dadurch auf lange Zeit stillgelegt. Die Einrichtung wurde fast vollständig vernichtet. Der Materialschaden ist sehr groß. Als Entstehungsursache des Brandes wird Kurzschluß angenommen.
Die Feuerwehr von Reutte, die Fabriksfeuerwehr und die Feuerwehren aus der Umgebung Reuttes hatten trotz des strömenden Regens mit großer Aufopferung gearbeitet und so die vollständige Vernichtung der Anlagen verhindert.


Zur Entstehung des Brandes

Allgemeiner Tiroler Anzeiger vom 20. Feb. 1928
...im Mitteltrakt des Fabriksgebäudes befindet sich die Destillieranlage, bestehend aus eingemauerter Destillierblase und Kühler. Hier wird das rohe Schieferöl durch Destillation in verschiedene Anteile zerlegt, welche im Südtrakte der Fabrik nach der Behandlung mit Chemikalien zum Schlusse noch nach einem in der Oelreinigung seit neuestem, gerne und mit großem Erfolg angewendeten Verfahren, mit Bleicherde nachraffiniert werden. Dieser dünnflüssige Bleicherdebrei, der aus Bleicherde und zurückgehaltenem Oel besteht, wird nun durch eine Rahmenfilterpresse gedrückt, wobei die Bleicherde auf Filtertüchern in der Presse zurückbleibt, während das Oel unten aus der Presse rein abläuft. Ist die Presse voll, wird sie geöffnet und der Arbeiter kratzt mit einem kantigen Instrument die zwischen dem Rahmen noch hängenden Bleicherdeteile ab; während der Arbeiter mit dieser Reinigung beschäftigt war, erfolgte plötzlich eine Entzündung, der Arbeiter stand im Augenblick in einer Feuersäule, ohne daß er irgendwie beschädigt wurde. Er lief sofort aus diesem Raume in den Mitteltrakt zu den Trockenfeuerlöschern, die einwandfrei funktionierten, aber nicht ausreichten, den Brand zu ersticken, der bereits den ganzen Raum erfüllte und an den ölgetränkten Einrichtungsgegenständen überreiche Nahrung fand.

Da also im Raume weder ein offenes Feuer (der Mann ist Nichtraucher und außer ihm befand sich niemand in diesem Raume) noch eine kurzschlußverursachende defekte Leitungsstelle vorhanden war, ist nur Selbstentzündung des Oeles bezw. der Bleicherde beim Herausnehmen anzunehmen. Die Zündung konnte auf zweierlei Weise erfolgen. Entweder, was höchst unwahrscheinlich ist, ist der Mann mit dem benützten Instrument derart stark an dem Gußeisenrahmen angestoßen, daß durch Absplitterung eines Eisenteilchens, ähnlich wie beim Feuerzeug ein Funke entstand, der das Gemisch entzündete, oder was theoretisch weit begründeter ist, entzündete sich das Oel von selbst.

Im Jahre 1925 veröffentlichte Oberingenieur Herr Bruno Müller in der Chemikerzeitung einen längeren Aufsatz, worin er anläßlich einer Benzintankexplosion angestellte Versuche zur Kenntnis brachte. Bekanntlich entsteht in zwei verschiedenen Stoffen, die intensiv gegeneinander gerieben werden, Reibungselektrizität. Der eine Körper wird positiv, der andere negativ geladen. Sind beide Körper mit einander und der Erde verbunden, so geht die Entladung ohne wahrnehmbaren Funken, vor sich. Ist der Körper aber isoliert oder selbst ein Isolator, wie Benzin und Oele, so häuft sich in ihm die Elektrizität immer mehr an, so daß beim Benzin z. B. eine Spannung von 1000 Meter und mehr Volt auftritt. Unter besonders ungünstigen Umständen, bezw. Zusammentreffen für eine Funkenbildung besonders günstiger Momenten, tritt aber die Entladung unter Funkenbildung ein, wenn ein geerdeter Mensch mit einem eisernen Instrument, ja oft bloß mit der Hand die Benzinleitung berührt. Dieser Entladungsfunke ist natürlich imstande, Oeldämpfe zu entzünden, zumal leichte Oeldämpfe, wenn sie mit Luft in einem ganz bestimmten Verhältnis gemischt sind, die Umgebungsatmosphäre wasserdampfhältig ist und eine verhältnismäßig nicht zu hohe Temperatur im Raume herrscht. Bisher war diese Reibungselektrizität beim Benzin bekannt, weshalb man Tank und Rohrleitungen einfach erdete. Es war jedoch völlig unbekannt, daß ölgetränkte Bleicherde auch elektrisch aufgeladen würde. Wenn man alle in Betracht kommenden Faktoren berücksichtigt, so wird man zu dem Ergebnisse kommen, daß der Brand höchst wahrscheinlich auf ähnliche Weise zustande kam. Die Filterpresse steht auf ölgetränktem Boden, ist also isoliert. In der Bleicherde bleibt immer etwas Oel zurück, das sich selbst beim stärksten Pressen nicht ganz entfernen läßt. Erfahrungsgemäß halten Bleicherden die leichteren Oele, vom Benzincharakter, lieber zurück als schwere Anteile. Da außerdem natürlich immer Luft mit durch die Presse gedrückt wird, dürfte in diesem besonderen Falle durch einen Zufall gerade das für eine Explosion günstige Mischungsverhältnis zwischen Benzindämpfen und Luft vorhanden gewesen sein. Die feuchte und kältere Temperatur der letzten Tage (es regnete zur Zeit der Explosion in Strömen) schuf weitere für die Explosion günstige Umstände. Der durch seine genagelten Schuhe geerdete Mann brauchte also nur mit einem eisernen Instrumente beide verschieden geladenen Leiter zu verbinden, um eine Entladung unter Funkenbildung zu verursachen.

Eine andere Erklärung ist unter den obwaltenden Umständen nicht gut möglich und es wird Aufgabe der Oelfachleute sein, an Versuchsreihen diese theoretische Erklärung die für die Sicherheitsmaßnahmen gegen Oel- und Benzinbrände von größter Bedeutung ist, zu erhärten.
Chemiker Dr. Heinz Falser, Tiroler Oelwerke, Reutte.


Die Verlegung der Tiroler Oelwerke in Reutte

Innsbrucker Nachrichten vom 23. Apr. 1928
In der kommissionellen Verhandlung wegen des Wiederaufbaues, die unter Leitung des Bezirkshaupt mannes Attlmayr stand, wurde von der Leitung der Tiroler Oelwerke erklärt, daß die Herstellung, bezw. Fabrikation des technischen Produktes, das für einen bestimmten Zweck im Ausland verwendet wird, in Reutte in Zukunft nicht mehr erfolgt, da die laufenden großen Bestellungen auf dieses Produkt die Unterbringung der Fabrikation in einem befreundeten reichsdeutschen Werk zur Bedingung gemacht haben. Viel zu dieser Verlegung haben die Zoll-, Fracht- und Steuerverhältnisse beigetragen, die gerade im Bezirk Außerfern sehr ungünstig sind. Für die Zukunft wäre daher nur die Destillation geringer Mengen Schieferöl in Frage gekommen, die nur für medizinische und pharmazeutische Präparate benötig werden, sodaß man nach Ansicht der Werkleitung lediglich mit einer viermaligen Destillation im Laufe eines Monats ausgereicht hätte. Der zur kommissionellen Verhandlung beigezogen Universitätsprofessor Dr. Liebert aus Innsbruck hielt den von der Werkleitung gemachten Vorschlag für durchaus ausreichend, um eine Geruchsbelästigung der Umgebung vollkommen auszuschließen, besonders, wenn die beabsichtigten Destillationen an Tagen durchgeführt werden, an denen es regnet. Er selbst sah keine technischen Möglichkeiten, die bei der Destillation von Tiroler Schieferöl entstehenden eigenartig riechenden Destillationsgase zu absorbieren, so daß nur der von der Werkleitung vorgeschlagene Weg günstige Ergebnisse erzielt hätte. Dieser Vorschlag der Werksleitung wurde jedoch von den anwesenden Anrainern und Interessenten für nicht diskutabel gehalten, im Gegenteil wurde sogar von dem Vertreter des Heimatkundevereines die Forderung erhoben, das ganze Werk, von dem sich ja ein Teil unversehrt im Betrieb befindet, vollkommen abzutragen und irgendwo anders zu errichten.

Um der sich ins Uferlose ziehenden Debatte bei der Kommissionsverhandlung ein Ende zu machen, hat sich die Werkleitung entschlossen, im Einvernehmen mit Bürgermeister Turri die Verlegung der Destillationsanlage in das Zwieselbachtal vorzuschlagen, lediglich aus dem Grunde, um das am Bahnhof stehende halbabgebrannte Gebäude bis zur Fremdensaison wieder nach außen hin aufzubauen.


Verlegung des Hauptbüros nach Wien

Allgemeiner Tiroler Anzeiger vom 1. Sep. 1928
Die Tiroler Oelwerke verlegen am 1. Oktober ihr Hauptbüro von Reutte nach Wien und errichten zugleich in München eine Zweigverkaufsstelle. Die Fabrikationsabteilung bleibt in Reutte.

Auflösung der Alpinen Pharmazeutica AG

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Innsbrucker Nachrichten vom 25. Sep. 1931
Wie aus München berichtet wird, fand die Generalversammlung der Alpinen Pharmazeutica A. G. München statt. Die G. V. genehmigte die Bilanz 1930, die einen Verlust von 24987 Mark ausweist. Da dieser Verlust rund die Hälfte des Grundkapitals von 50.000 Mark beträgt, wurde beschlossen, die Gesellschaft aufzulösen. Nach dem Geschäftsbericht ist der Verlust im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß infolge der allgemeinen Absatzkrise in der pharmazeutischen und kosmetischen Branche, die zur Deckung der Unkosten nötige Absatzhöhe nicht erreicht werden konnte. Es wurde daher die Erzeugung und der Vertrieb bereits mit 1. Oktober 1930 eingestellt. Die Alpine Pharmazeutica A. G. wurde bekanntlich vor Jahren von Rechtsanwalt Dr. Stern ins Leben gerufen. Sie war die Mutteranstalt der ebenfalls von Dr. Stern gegründeten Tiroler Oelwerke, Ges. m. b. H., deren Fabriksgebäude sich in Reutte befand und vor ungefähr zwei Jahren in das Eigentum der dem Schwager Dr. Sterns gehörenden Außerferner Buchdruckerei, Ges. m. b. H., überging. Als Liquidator der Gesellschaft wurde der Vorstand Dr. Stern bestellt. Die Gläubiger seien, wie es heißt, im Wege von Ratenzahlungen bereits größtenteils abgedeckt; die Abdeckung des Restes sei gesichert. Ob für die Aktionäre eine Ausschüttung möglich werden wird, hänge von dem Erlös aus dem Verkauf des Fabriksgebäudes in Pfronten ab.

Mit Beschluss der Generalversammlung vom 30. Juli 1931 hat sich die Tiroler Oelwerke Ges. m. b. H. aufgelöst und ist in Liquidation übergegangen. Trotzdem wird die Produktion unter dem Geschäftsführer Kurt von Barisani in Innsbruck weiter betrieben (Thiosept Ges. m. b. H.).
Barisani war bereits seit 1923 Mitglied der SA und ab 1926 auch der NSDAP. Das zur Gewinnung des Steinöls verwendete Ammonium-Dynamit (kurz Ammonit) wurde schließlich zu nationalsozialistischen Sprengstoff-Anschlägen missbraucht. Barisani kam deshalb 1933 zwar in Untersuchungshaft, wurde im Prozess jedoch freigesprochen.

Innsbrucker Nachrichten vom 13. Jan. 1933
"...da die Tiroler Oelwerke in der Gegend von Reutte Schiefersteinbrüche haben und dort wiederholt Sprengungen vorgenommen wurden, so war das Werk für Sprengstoffe bezugsberechtigt..."

Bei dem medialen Rummel um die "Thioseptgesellschaft" als Nazi-Sprengstofflager, kam auch der Inhaber - Dr. Hermann Stern - nicht gut weg. Wurden doch dessen "Affären um den Zugspitzbahnskandal" wieder neu aufgewirbelt.

1934 wird nahe Reutte das Ölschiefer zwar noch abgebaut und zur Erzeugung des Mittels Sulfosept verwendet, die Fördermengen sind aber stetig rückläufig und so stellen die Tiroler Oelwerke Ges. m. b. H. infolge beendeter Liquidation den Betrieb ein und das Gewerbe wird gelöscht.





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