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Das Handelsgeschlecht der Falger



reutte falger gasthof gemse


Auszug aus den Innsbrucker Nachrichten vom 14. August 1930



Ein altes Ausferner Handelsgeschlecht.


Beitrag zur Geschichte von Reutte.
Von Franz Wörle



das einstige 'Gasthaus zur Gemse'
"Im Verkehrszentrum des Marktes Reutte, gegenüber der historischen Linde, dort, wo die Reuttener Hauptstraße ins Lech- und Tannheimertal abzweigt, steht ein großes zweistöckiges altes Patrizierhaus. Es ist dies das Kaufhaus Falger, das Stammhaus jenes Geschlechtes, das durch Jahrhunderte ein maßgebender Faktor in der Entwicklung Reuttes war. Die Geschichte dieses Geschlechtes ist eng mit der des Marktes Reutte und seiner Umgebung verbunden. Die Falger waren es, die den Markt belebten, Industrien ins Leben riefen und vieles andere leisteten, was zur Hebung des Ortes beitrug.

Die Familien Falger waren ein altes Handelsgeschlecht mit Adelsprädikat. Die geschichtlichen Ueberlieferungen berichten von zwei Geschlechtern und zwar von einem mit dem Falken und vom anderen mit dem Löwen im Wappen. Geschichtlich werden die Falger zum erstenmale um das Jahr 1500 erwähnt, zu welcher Zeit ein Falger ein maßgebender Faktor im Fugger'schcn Handelswesen war. In den späteren Jahren machten sich die Falger im oberen Lechtale seßhaft und betrieben von dort aus den Handel. Um das Jahr 1600 betrat der erste Falger Reuttener Boden. Dieser gründete zu dieser Zeit in Pflach unweit der Hüttenmühle, ungefähr dort, wo die heutige Schretter'sche Feigenkaffeefabrik steht, eine Leinölmühle und -Presse und machte sich schon damals die Wasserkraft des Archbaches zunutze. Diese Leinölmühle und -Presse, die an die Martin Strigl'sche Hammerschmiede angrenzte, verlor nach und nach ihre Bedeutung und wurde im 17. Jahrhundert eingestellt und dem Verfalle preisgegeben, bezw. zum Wohngebrauche umgestaltet.

Ein beliebter Handelsartikel in den Falger'schen Handelsunternehmungen, der in aller Herren Länder geliefert wurde, war damals selbstgebleichtes Leinen.
Für die Tuch- und Leinenbleiche eigneten sich insbesondere die Wiesen im Falger'schen Eigentume am Säuling. Dort wurde von Karl Josef Falger, dem erhöhten Bedarfe entsprechend, auch eine eigene Bleichanlage mit Bleicherhaus errichtet, (1774). Diese Bleichanlage bestand genau 100 Jahre und wurde im Jahre 1874 abgebrochen. Ueberreste der Umwallung des einstigen Wasserbehälters sind heute noch deutlich erkennbar.

Die mit bedeutenden ausländischen Handelsfirmen angebahnten Handelsbeziehungen erforderten bald die Errichtung eines Handelshauses in zentraler Lage in Reutte. So baute der Vater des Karl Josef Falger d. Aeltere das heute noch im Falger'schen Besitze befindliche Kaufhaus und Stammhaus der Familie gegenüber der Linde. Unter Kaiserin Maria Theresia erhielten die Falger auch die Berechtigung, in diesem Hause die Weinwirtschaftsgerechtsame auszuüben: dieses Haus führte mit Rücksicht auf die Eigenschaft des Ignaz Falger als Postmeister den Namen "Postwirtschaft zum Goldenen Greifen". Heute ist von einem Gastwirtschaftsbetrieb nichts mehr zu sehen, lediglich die radizierte Gastwirtschastsgerechtsame weist auf den ehemaligen Bestand hin.

Karl Josef Falger selbst hat gegenüber dem Gerichtsgebäude jenes Haus erbaut, das unter dem Namen Schönerhaus allgemein bekannt ist. An dieser Stelle stand ehemals ein kleines Häuschen, das jedoch dem großen Brande 1703 zum Opfer fiel. Auch dieses Haus wurde später zum Gastbetrieb umgestaltet und war unter dem Namen "Gasthaus zur Gemse" bekannt. Karl Josef Falger, der Jahre hindurch auch Bürgermeister von Reutte war, starb im Alter von 85 Jahren im Jahre 1775.
Er hinterließ ein umfangreiches Besitztum in Reutte, Pflach, Weißenbach und Kempten, das sich auf den ungefähren Wert von 100.000 Gulden bezifferte und auf zwei seiner Söhne namens Karl Josef und Ignaz Dominikus Falger überging. Der Sohn Christian Falger wurde Weltpriester. Zwei Töchter verehelichten sich mit den Handelsherren Baptist de Crignis und Anton Schwarzhueber. Andere Töchter gingen ins Kloster, während Maria Josefa den Handelsherren Karl Josef von Strelle zu Löwenberg und Strahlenburg, Ritter des hl. römischen Reiches und Umgeldseinlanger zu Ernberg ehelichte. Durch diese Ehe wurden die Handelsbeziehungen zwischen den Familien Falger und derer von Strelle, welch letztere ein weitverzweigtes Besitztum, das sich auf Reutte, Pflach, Musau, Pinswang, Heiterwang, Lermoos, Bichlbach, Biberwier und das Blei- und Silberbergwerk Silberleithen erstreckte und einen Wert von 400.000 Gulden hatte, besaßen, enger verbunden.

Die beiden Brüder Karl Josef Falger (verehelicht mit Maria Anna Bauer, einer Tochter des Gerichtsschreibereiverwalters Johann Konstantin Bauer) und Ignaz Dominikus (verehelicht mit der Tochter des Gutsbesitzers Christof Zeiller, Katharina Zeiller) erweiterten den väterlichen Betrieb dadurch, daß sie in den Jahren 1774 bis 1776 am Fuße des Zwieselberges eine Papierfabrik, auf deren Mauern nach mehr als einem Jahrhundert das Elektrizitätswerk der Marktgemeinde Reutte erstanden ist, und eine Gipsmühle erbauten.

Zur Freude der Reuttener Bürger kam Josef, der Sohn der Kaiserin Maria Theresia und spätere Kaiser Josef II. nach Reutte. Er übernachtete damals in der Nacht vom 28. auf 20. Juli 1777 im Gasthause zur Krone im Obermarkt, das dem Johann Paul Teutsch gehörte. Auch im Falger'schen Hause kehrte Kaiser Josef auf kurze Rast ein. Ignaz Dominikus Falger, der damals Postmeister war, begleitete Kaiser Josef bei seinem feierlichen Abzuge aus Reutte bis Heiterwang und erreichte anläßlich dieses Rittes von dem zukünftigen Herrscher, daß die Hauptpost, die damals aus Sicherheitsgründen im Dorfe Heiterwang war, nach Reutte kam. 1780 übernahm Kaiser Josef II. die Regierung, die Einziehung der Kirchengüter veranlaßte damals den Papst Pius VI., nach Wien zu reisen. Auf seiner Rückreise schlug der Papst den Weg über Tirol ein. Am 7. Mai 1782 zog Papst Pius VI. mit großem Gefolge in Reutte ein. Von der Altane des Falger'schen Gasthauses "Zur Gemse" (heutiges Schönerhaus) erteilte der Hl. Vater den päpstlichen Segen. Wieder begleitete Ignaz Dominikus Falger den hohen Gast ein Stück des Weges.

Die Zeit der Franzosenkriege, der Freiheitskämpfe und der darauffolgenden Hungersnot (1816) sind auch an den Falqer'schen nicht spurlos vorübergegangen. Durch die Unruhen und den Krieg waren alle mühsam angebahnten Handelsbeziehungen plötzlich abgeschnitten. Zahlreiche Firmen, die tief im Falger'schen Buche standen, fallierten, der Absatz stockte und große Außenstände wurden uneinbringlich. So kam es auch, daß die Brüder Karl Josef und Ignaz Falger in Zahlungsschwierigkeiten gerieten. Der große Falger'sche Besitz mußte nach und nach verkauft werden und nur mehr ein verhältnismäßig kleiner Teil, nämlich die Papiermühle, die Gipsmühle, das Gasthaus zum "Goldenen Greifen" und das zur "Gemse" blieb im Falger'schen Besitze.

Anton Falger, der älteste Sohn des Karl Josef Falger, betrieb mit seinem Vetter Josef Anton, einem Sohne des Ignaz Dominikus Falger, die Papier- und Gipsmühle weiter. Dank der guten Qualität des Falger'schen Papieres deckte selbst das Provinzialstempelamt in Innsbruck, sowie auch die übrigen Aemter, Behörden und Büros durch Jahrzehnte hindurch ihren Bedarf aus der Falger'schen Papierfabrik. Die Papiermühle blieb bis zum Jahre 1856 im Falger'schen Besitze, wurde dann aber an den Papierfabrikanten Josef Mark aus Wattens verkauft. Nach mehrmaligem Besitzwechsel ging die Fabrik samt der Sägemühle, Gipsmühle, dem Stauwehr, Rinn- und Wasserwerk, der Behausung und den Russenstädeln (diese haben den Namen von der Einquartierung russischen Militärs während der Franzosenkriege um 1800) im Jahre 1901 auf die Marktgemeinde Reutte über, die darauf das heutige Elektrizitätswerk erbaute.

Anton Falger nahm die von den Vätern angebahnten Handelsbeziehungen teilweise wieder auf und verlegte sich insbesondere auch auf den Speditionsbetrieb. Gemeinsam mit Kaspar von Strelle und den Firmen Max Rist & Co. in Kempten, Wangen und Heimkirch unternahm er z.B. um 1840 große Gütertransporte nach Frankfurt a. M., bis nach Triest und Genua.

Anton Falger war es auch, der das Gasthaus zum "Weißen Haus" an der tirolisch-bayerischen Grenze, bei Pinswang, das bekanntlich die Franzosen im Oktober 1809, als sie von den Tirolern über den Kratzer zurückgedrängt wurden, in Flammen aufgehen ließen, wieder aufbaute. Nach seinem Tode ging das Gasthaus zur "Gemse" auf die Kinder seiner mit Georg Jäger verehelichten Schwester Maria Anna über. Mit Anton Falger starb der letzte männliche Nachfolger des Mitgründers der Papierfabrik Karl Josef Falger. Nachkommen aus der Linie des Ignaz Dominikus Falger führen heute noch das alte Handelsgeschäft im Stammhause weiter.
Die Familie Falger zählt zu den ältesten Geschlechtern von Reutte: ihr Name bleibt ein Denkstein in der Geschichte des Marktes."





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