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Losfuir - Kreidefeuer - Notfeuer



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Bild von adrian schüpbach auf Pixabay



s' Losfuir


- so bezeichnete man in ältester Zeit den Übergang am Fernpass. Dort, wo einst die Trasse der Römerstraße ihren Lauf über die Anhöhe genommen hatte und heute als Teil des Wander,- Rad- und Forstweges genutzt wird.

Ein spannender Ort mit uralter Geschichte, befand sich doch in unmittelbarer Nähe zur Zeit der Römer - und wohl auch im Frühmittelalter - im direkten Umfeld ein Opferplatz, an dem zum Dank an die Götter zahlreiche Votivgaben - etwa für die gut überstandene Reise über den gefährlichen Pass - deponiert wurden.

Spätestens ab der Mitte des 17. Jahrhunderts ist die Geschichte der Anhöhe als Örtlichkeit für das Losfuir historisch gesichert - als Teil einer ganzen Kette von Signalfeuern, welche als schnelle Kommunikationsmöglichkeit die Innertiroler Mannschaften vor anrückender Gefahr warnen sollten. Auch bei den Freiheitskämpfen 1809 ist von diesen Feuern die Rede, welche letztlich aufgrund eines Gelöbnisses als sogenannte Herz-Jesu-Feuer die Zeit überdauert haben und inzwischen als Attraktion von den Jungen der jeweiligen Ortschaften alljährlich am Herz-Jesu-Sonntag auf den Anhöhen über den Tälern abgebrannt werden.

Gelten diese Herz-Jesu-Feuer heutzutage als freudiges, archaisch erhabenes Ereignis, lehrte der Abbrand dieser sogenannten Kreidefeuer[*] die damaligen Menschen eher das Fürchten. War damit doch angezeigt, dass sich der Feind - und damit auch die Zerstörung und Gewalt - einem nähert. So schreibt beispielsweise Beda Weber - Schriftsteller, Theologe und Tirol-Kenner - Mitte des 19. Jahrhunderts:


"Hoch auf dem Thurme flammte mit flatternder Lohe das Nothfeuer blutig roth in die Nacht auf, und kündete dem Vaterlande die dringende Noth, zu Schutz und Trutz aufzuheben Schild und Speer, zu ziehen in Kampf und Tod. Die Hauptburg Tirol steckte im nämlichen Augenblicke das schreckliche Flammenzeichen an die Spitze des Vorthurmes, und Passeier fuhr vom Schlafe auf, und Vinschgau erhob seine Banner, die Edlen von Völs und Hauenstein faßten Schwert und Lanze, und sandten den Bewohnern der Rienz und des Eisaks den hellauflodernden Bothen. Enn und Kaldif, und wetteifernd mit ihnen die Leuchtenburg, verkündeten die Gefahr der Heimath dem Nachbarvolke, das eine fremde Zunge spricht. Alle Helden diesseits des Brenners sind in kampflustiger Bewegung, reisiges Volk zahllos mit ihnen, sie alle warten auf das Morgenroth, mit Ritterthat zu lieben das heilige Vaterland, zu brechen jeden Trotz des Tirannen, und sich Freiheit im Gebirge zu erstreiten. Da brich durch, fremder Sklaventroß, und stoß dir die Hörner ab, wenn dich gelüstet! Klar, heller und herzerfreulicher steigt deine heilige Flamme himmelan, o Siegesfeuer! ich hab dich auf unseren Bergen als Knabe gesehen, wenn mein Vater aus Kampf und Noth heimkehrte; ich konnte die Inbrunst meines Herzens nicht verbergen, ich rang meine Hände nach deiner lieblichen Gluth, ich küßte mit Andacht den freien Boden, und hielt mich fest am freien Vaterlande!"



Ursprünglich überspannte ein ganzes Netzwerk von Kreidefeuern als Feuerlinien die Länder Vorarlberg, Nord- und Südtirol, man kannte diese Art der Signalfeuer aber wohl in allen Gegenden, welche im Gebirge lagen. Vor allem aus dem Vinschgau haben sich dazu zahlreiche Spuren und historische Belege erhalten. Die Handhabung war mit eigenen Kreidefeuerordnungen geregelt und gibt uns heute einen Einblick in jene Zeit. So vermitteln diese Zeilen unter anderem, wie angespannt etwa die Situation am Beginn des 16. Jahrhunderts wegen kriegerischer Auseinandersetzungen und befürchteter Überfälle durch feindliche Gruppierungen tatsächlich war. Die Posten an den Feuerstellen waren 1507 Tag und Nacht zu besetzen und mit mindestens acht Klafter Holz zu versehen, was in etwa 15 bis 16 Raummetern entspricht.

Bei dem Entzünden der Feuer wurde zum sogenannten Sturmstreich gerufen. Jeder - ob Edler oder Bauersmann - hatte sich zu bewaffnen und gegen den Feind zu ziehen.

Neben den Hauptfeuerlinien im "Etschland" und dem Eisacktal, werden in einer Kreidefeuerordnung des Jahres 1647 auch Linien "gegen Triendt" und dem "Welschland" mit den jeweiligen Feuerplätzen aufgeführt. Auch für unser Gebiet werden diese Örtlichkeiten zum Abbrennen der Feuer aufgelistet:

Vom Schloß Ernberg.
Katzenberg.
Auff der Lenn.
Lermoß.
Piberwier.
Alten Fern.
Teges oder Schmelzhütten.
Tormitz in Perg.
Nasereith.
Auffm Wald gegen Stambs.


Als weiterführende Linie gegen Innsbruck werden folgende Punkte genannt:

Auf dem Kapff gegen Telffs.
Flaurling.
Schloß Fragenstain zu Zirl.
Velenberg der orth Nasen genandt.
Schloß Ambras.


Dr. Hermann Meynert weiß 1859 davon ebenfalls zu berichten, wenn er in seiner Abhandlung "Das Kriegswesen Oesterreichs im dreißigjährigen Kriege" schreibt:

"...die Kosten, welche das Aufgebot und die Schanzarbeiten an den Grenzen verursachten, sollten von der Kriegsteuer bestritten werden, zu welcher jedes Haus 15 Kreuzer beitragen mußte. Die Stände über ihr Gutachten befragt, baten, daß unter die Aufgebotenen auch ordentliches Militär eingetheilt werden möge. Dies geschah. Sobald Kanonenschüsse, Glocken oder Kreidefeuer das Volk auf die nahe Gefahr aufmerksam machen würden, sollten die Aufgebotenen an die ihnen angewiesenen Plätze eilen..."

War vorangegangener Textauszug einem geschichtlichen Werk in Friedenszeiten entlehnt, besprechen die Zeitungen in Südtirol von Anfang Juni des Jahres 1866 das Thema als Mittel eines in dieser Zeit gegenwärtigen Konfliktes, welcher das Etschland augenscheinlich von Norden bedroht:

"...sollte es aber der Feind, wenn die blutige Kriegsflamme aufflackert wagen in das obere Etschthal einzudringen, so wird er vor einem Heerlager vom Neumarkt bis Finstermünz stehen, wo das gesammte wehrhafte Volk mit Ingrimm zu dessen Verderben auf den ersten unheimlichen Klang der Sturmglocke sich zusammenschaart. Wohin der Telegraph nicht wirkt, werden auf den alten historischen Stellen die Kreidefeuer die Tausende zu den Waffen rufen und allsogleich werden die Sturmcompagnien in den Gemeinden versammelt sein und nach dem Orte der Gefahr hineilen..."

Wie alt mag aber der Brauch, Feuer an den Anhöhen zur Sonnenwende zu entzünden, wirklich sein. Ignaz Vinzenz Zingerle schreibt in seinem Buch "Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes" im Jahr 1857:

"...wenn es donnert, brummt der alte Gott oder führt Garben über die Himmelsbrücke. Ein Baum, der in hohem Ansehen steht, ist nach ihm noch benannt und Hunderte von Frühlingsfeuern, die auf den Bergen Tirols flammen, mahnen an den verschollenen Gott..."

Noch viel früher, in der Mitte des 8. Jahrhunderts, sind sogenannte Notfeuer ('Nodfyr' bzw. 'Notfyr') bekannt, welche ursprünglich dann angezündet wurden, wenn eine Seuche um sich griff. Daraus entwickelten sich der Überlieferung nach alljährlich wiederkehrende Ereignisse zum Beginn des Sommers, an denen die Feuer entzündet wurden - die Johannisfeuer.

Woher aber stammt die Bezeichnung 'Losfeuer' selbst? Im mittelhochdeutschen Wortgebrauch etwa, kennt man 'losen' im Sinne von 'befreien'. Kann damit also möglicherweise auch das Ablegen der Anspannung, etwa nach Erreichen der Anhöhe, verstanden werden?



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