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Ein Eisenhammer in Tirol

die Hammerschmiede bei Lermoos






Aus: Illustrirte Zeitung vom 3. März 1866
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die Hammerschmiede bei Lermoos
Der donnernde Lechfall ruft uns seinen Scheidegruß nach, wenn wir bei Füssen die Grenze überschreiten, um in die Tiroler Berge zu wandern. – Haben wir den Wasserfall bei Reute gesehen und dann die Straße eine Zeit lang zwischen hohen Bergen verfolgt, so stehen wir plötzlich, nach Ersteigung eines mäßigen Hügels, erstaunt vor einer Gebirgsscenerie, die sich wie durch Zauberschlag vor unsern Augen öffnet.

Ein ungeheuerer einzelner Bergriese, dessen Haupt silberglänzende Schneestellen zieren, und dessen Fuß auf einer goldgrünen, sumpfigen Thalebene ruht, steht in luftigen blauen Massen vor uns. Seine ganze Größe können wir erst ermessen, wenn wir an seinem Fuße die Ortschaft Ehrwald und deren Heustadel im Moos, zu kaum erkennbaren Punkten, wie kleine Spielzeughäuser schwinden sehen.

Fragen wir einen Vorübergehenden nach dem Namen des Berges, so hören wir ihn den Wetterstein nennen. In Wahrheit ist es aber der Zugspitz, vor dessen schmaler Seite wir stehen, während wir ihn bisher von München aus stets von der langen Seite sahen, welche gegen Westen schroff abfällt.
Wir schreiten, den imposanten Berg immer neben und über uns, fort und gelangen bald nach Lermos, wo wir vor dem Wirthshause ein Lager von Bleiplatten finden, welche aus den umliegenden Bergen gewonnen sind. Man hat sie sorglos an der Straße aufgeschichtet, denn sie haben ein solches Gewicht, daß es wenige Menschen geben wird, die im Stande wären ein solches Stückchen Blei mitgehen zu heißen.

Von Lermos aus bildet die steigende Straße eine Art Engpaß, insofern nämlich auf der rechten Seite steile Felsen und auf der linken ein tiefer Abgrund Gelegenheit genug zum halsbrechen bieten. Ein befestigtes Thor sperrt den Weg auf dem höchsten Punkte, von wo es abwärts nach Nassereuth zu geht. – Im Grunde sieht man hier ein paar kleine grüne Seen mit Inseln, auf denen Ruinen liegen.
Durch die Stille der Berge hört der Wanderer hier und da ein entferntes dumpfes Pochen, welches aus verschiedenen Schluchten hervorschallt, wo wasserreiche Bäche und dichter Hochwald der Anlage von Eisenhämmern oder Bleischmelzen günstig sind. – Hat der Reisende Bergkenntniß genug, um dem Klange nachgehend einen dieser Eisenhämmer aufzufinden, dann wird er einen so pittoresken Anblick haben, wie wir ihn in unserm Bilde mit dem Stift wiederzugeben versuchten.

Am ungezähmten Wildbach, dem man ein nothdürftiges Wehr eingezwängt hat, liegt ein zusammengewürfeltes Bauwerk von Holz und Steinen, dessen Material, der Baustelle entnommen, den Dienst zwischen Feuer und Wasser theilt.
Ueber das malerische, bemooste Krappelwerk der Räder braust der schneeweiße Wildbach und stürzt sich dann tosend unter der halsbrechenden Brücke durch, nachdem er den riesigen Hammer zu wüthenden Schlägen auf das glühende Eisen gebracht hat, welches ein paar Cyklopen auf den Ambos geschwungen.
Im Hintergrunde des Eisenhammers glänzt rother Feuerschein, während schwarzer Dampf den verräucherten Essen entqualmt.

Ungemein komisch und doch grausig sieht es aus, wenn die Schmiede an einer Kette ein glühendes Stück Eisen von mehren Centnern vom Feuer auf den Ambos schwingen und dann den Schutz aufziehen, worauf das Rad, vom frischen Wasserdruck herumgerissen, den ungefügen Hammer mit wuthiger Eile, wie ein grimmiges Thier auf das Eisen loshacken läßt, bis er nach und nach ruhiger wird und in gemessenerm Tempo fortpocht.

Den großartigsten Eindruck machen diese Hammerschmieden jedoch des Nachts, wo sie vom Feuer erglühen und aus den hohen Essen spitze Flammensäulen schlagen, während im Hause die gigantischen Hammerschmiede in der Glut umherschaffen, um bald Schicht zu machen und nach dem Wirthshause hinabsteigen zu können, denn

Es wird bei der Hitz'n recht durstig der Schmied,
Im Bach ist zwar Wasser, doch mag er dies nicht.
Er steigt, ist des Abends die Arbeit vorbei,
Zum Wirthshaus hinunter und singet dabei:
"Wir sind doch die lustigen Hammerschmiedsg'sell'n
Könn' fortgehn, könn' dableib'n, könn' thun was wir wöll'n,
und hab'n wir des Sonntags a alles verthan,
Was gehts denn dem Meister und der Meisterin an".





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