Geschichte » Die alte Post in Lermoos



list zurück zum Themenschwerpunkt




question_answer live_help

Die alte Post in Lermoos



Ausferner Bote vom 18. März 1926
Nächst der Pfarrkirche steht ein stattliches, festgebautes Gebäude mit eisernen, ornamentalen Fenstergittern des Straßeneckzimmers. Das Posthorn in der Mitte der Gitterverzierung zeigt noch von der einstmaligen Bedeutung des Gebäudes als Posthaus. Der Inhaber der Post war hier auch gleichzeitig Salzfaktor. Dieser war ein landesfürstlicher Beamter, der die Uebernahme und Abgabe der Frachten, sowie die Auszahlungen und Einnahmen für Frachtlöhne, so auch die Unterbringung der Pferde zu besorgen hatte. Mit dem Amte des Salzfaktors war auch der Gafthausbetrieb verbunden. Dieses Amt konnte in der Familie weiter vererbt oder mit dem Gasthausbesitz verkauft werden. Bekanntlich waren in Lermoos, Bichlbach und Reutte Salzstädel. In Lermoos stand der alte Salzstadel im Unterdorfe, wahrscheinlich auf dem Platze außerhalb des Dorfes, der aber von einem Hochwasser fortgerissen und übermurt wurde. Der neue Salzstadel, wovon noch ein Teil besteht und heute als Remise des Posthotels dient, wurde 1679 fertiggebaut. Diese Zahl ist im Giebelgebälke noch ersichtlich. Der Salzstadel war eine Station für die vom Lande bestellten Fuhrwerke, welche dort Ware, hauptsächlich Salz, Wein, Obst, Getreide und Südfrüchte abgaben oder Ware übernahmen und weiter beförderten. Oft wurden die Fuhrwerke durch Umspannung anderer Pferde weitergeführt. Bei solchem Betrieb kann man sich beiläufig vorstellen, was für ein Fuhrwerksverkehr in Lermoos geherrscht haben muß. Es kam häufig vor, daß über 100 Pferde in Lermoos und ebensoviele in Biberwier einquartiert waren. Die Fuhrleute von Zwischentoren, welche bis Reutte fuhren, führten auf dem Rückwege Scheiterholz von Rieden auf den Fernpaß, wo es hinter dem alten Ferngasthaus in den Bach geworfen und von dort bis Hall geschwemmt wurde.

Vor 200 Jahren herrschte hier ein großer Wohlstand. Wirte, Schmiede, Waqner und Sattler hatten damals goldene Zeiten. Das Stübchen mit dem dunklen Getäfel, wo der Salzfaktor amtierte, ist im alten Posthause noch unberührt erhalten. Ja sogar das kleine Schubfensterchen im mittleren Fensterstocke gegen das Spritzenhaus, durch das der Salzfaktor die Frachtenanweisungen entgegennahm oder an die Fuhrleute ausfolgte, ist noch zu sehen. Als Salzfaktoren wirkten hier in letzten Jahrhunderten die Sterzinger und die Herren von Dietrich. Der letzte Dietrich hieß Johann Nepomuk von Dietrich zu Roßenbach, der 1870 hier starb. Sein Vater gleichen Namens war Salzfaktor, im Jahre 1809 Hauptmann der Lermooser Komp. und Defensionskomissär für die Verteidigung des Landes. Da die Dietrich keine Nachkommen hinterließen, wurde das große, schöne Anwesen versteigert. Die alte Post samt Stallungen und Leite erwarb Fräulein Aloisia Jäger, die Großtante der heutigen Besitzer. Schon anfangs des 19. Jahrhunderts kaufte Johann Georg Jäger, der Urgroßvater des verstorbenen Herrn Engelbert Jäger und der Geschwister Jäger des Hotels "3 Mohren" von Dietrich die Post- und Gastwirtschaftsgerechtsame ab. Johann Georg Jäger besaß das Gasthaus "zum Adler", oder den heutigen Gasthof "zur Post" und bekleidete das Amt eines Anwaltes. In Lermoos, Bichlbach und Reutte gab es Anwälte . Der Anwalt war gleichsam der Ableger der Behörden. Die behördlichen Aufträge mußte der Anwalt in den Gemeinden hier, Lermoos, Ehrwald und Biberwier durch die Gewalthaber der Gemeinden, heute Bürgermeister zur Ausführung bringen. Er mußte die Käufe schreiben, das Grundkataster führen, Verlassenschaftsverhandlungen leiten, Streitigkeiten schlichten Robot für das Schloß Ernberg stellen und Abgaben einheben. Der Anwalt war auch Marschkommisär und hatte viel zu tun bei Durchzügen der Kriegsheere, indem er für Einquartierungen und Verpflegung der Truppen zu sorgen und die Requirierungen, ähnlich wie die Stellungen an Vieh, Heu und Futter, im letzten Kriege, durchzuführen hatte. Während des Winters mußte er die Straßen offen erhalten. Auch das Polizeiwesen lag in seinen Händen. Als praktische Ausbildung praktizierte der Anwaltswerber ein halbes Jahr im Pfleggerichte. Mit der Anwaltschaft war auch der Besitz eines Gasthauses verbunden. Vor den Jägern fungierten die Kramer als Anwälte in Lermoos. Der schon erwähnte Anwalt Herr Joh. Georg Jäger übertrug die gekaufte Postgerechtsame auf die Adlerwirtschaft und diese führte von nun an den Titel "zur neuen Post". Die Anwaltschaft des Adlerqasthauses und die erworbene Wirtschaftsgerechtsame der alten Post wurde auf das damalige Privathaus, wo heute das Hotel "3 Mohren" steht, übertragen, welches heute noch "beim Anwalt" heißt. Der eine Sohn besaß dann die neue Post und der andere das Gasthaus "3 Mohren" mit der Anwaltschaft. Herr Johann Georg Jäger, der Vater der Geschwister Jäger war der letzte Anwalt. Die Anwaltschaft wurde 1860 allgemein aufgehoben.





list zurück zum Themenschwerpunkt





Kommentare



Kommentar eintragen



(falls Rückantwort erwünscht, bitte unbedingt Mail-Adresse mit angeben!)



*  










...vielleicht auch interessant:

Die Tiroler Zugspitzbahn / (Geschichte)
Die Aschauer Alpen / (Geschichte)
Die Enge / aus vergangenen Tagen (Geschichte)