Sonntag - 17. Nov. 2019


FAQ | IMPRESSUM | DATENSCHUTZ
Geschichte » Anton Spiehler - Das Lechtal

Infos oder Fragen zum Thema?



Anton Spiehler - Das Lechtal




Wanderung durch das Tal (1882)

Gleich oberhalb der Weißenbacher Brücke, die uns ans rechte Ufer leitet, beginnt ein ausgedehntes Lechgries, das die ganze Talsohle einnimmt. Die Straße, welche gegen die von Reutte nach Weißenbach führende allerdings sehr unvorteilhaft absticht, schmiegt sich ängstlich an den Talrand und sucht die Höhe, was der unterspülte und zum Teil abgerissene alte Straßenkörper, der tiefer unten sichtbar ist, wohl begründet erscheinen lässt. Doch bald wird es ihr gestattet, sich wieder in die Talsohle hereinzuwagen. Wir wandern über die durch die Pioniere der Vegetation, Wacholdergestrüpp und krüppelhafte Föhren, zum großen Teil eroberte Geröllfläche, die allmählich in eine von Gersten- und Kartoffeläckern durchsetzte Au übergeht, auch welcher auch das Dörfchen Forchach Platz gefunden hat. Einen auffälligen Wohlstand haben wir hier nicht zu erwarten, weit eher das Gegenteil eines solchen prägt


Anton Spiehler
sich im Aussehen der Häuser und des alten Zopfkirchleins aus, welch letzteres jedoch in seinem Innern zwei hübsche Seitenaltarblätter von Deschwanter aufzuweisen hat...

Gleich ober Forchach dehnt sich das öde Lechgries wieder mächtig aus. Die Straße ersteigt für kurze Zeit die Höhe einer alten Flussterrasse, die nunmehr längere Zeit in deutlicher Ausprägung am rechten Talrand hinzieht. Nach 1 Stunde erreichen wir das größere und auch wohlhabendere Dorf Stanzach, dessen Häuser unter und auf der Flussterrasse, die hier von dem aus dem Seitental Namlos hervorkommenden Bach durchbrochen wird, erbaut sind. Es erscheint fast rätselhaft, wie die Leute sich bei Hochwasser des Bachs, dessen Bett zum Teil höher liegt als die angrenzenden Häuser, zu erwehren vermögen.

Zwei Stunden im genannten Seitental aufwärts trifft man die kleine Ortschaft Namlos und auf dem niedrigen Übergang von Namlos ins Rotlechtal das Örtchen Kelmen. Südlich von Namlos zweigt das mit zahlreichen Alphütten übersäte Seitental Fallerschein ab...

Von Stanzach an hält sich die Straße wieder lange Zeit mit häufigem Niveauwechsel hoch über der hellen Fläche, in welcher der Taltyrann, verstärkt durch den gegenüber mündenden Hornbach, ungebändigt schaltet... [...] ...der bewaldete Felskopf, welcher sich Stanzach gegenüber erhebt, heißt der Beichlstein und soll früher ein Schloss getragen haben. Gleich ober Stanzach führt eine erst im vergangenen Jahr errichtete Brücke über den Lech, die nunmehr den Hornbachern gestattet, die Talstraße nach Weißenbach zu benützen, statt ihres am linken Ufer hinabziehenden für den Fahrverkehr stellenweise mehr als bedenklichen Weges. Von Vorderhornbach aufwärts nach Häselgehr führt am linken Ufer nur ein Fußsteig. Wo bei der kleinen Kapelle die Talstraße sich wieder senkt, leitet ein gar häufig unpraktikabler Steg über den Fluss zu dem Weiler Mortenau, dem Schauplatz des [...] Kampfes gegen die Schweden...

Wir gelangen in einer Stunde nach Elmen, dessen Aussehen in Folge der am 26. Dezember 1881 stattgehabten großen Feuersbrunst, der beinahe der ganze Ort zum Opfer gefallen wäre, sich wesentlich verändert hat. Trotz der geringen Versicherungssummen erheben sich, da die gegenseitige Unterstützung in solchen Fällen sehr energisch ist und das Holz von der Gemeinde unentgeltlich angewiesen wird, rasch eine Anzahl von Neubauten, die in mancher Hinsicht Fortschritte bekunden. In der kleinen, innen hübsch gemalten Kirche begegnen wir abermals, wie in den meisten Kirchen des Tals den wackeren Leistungen des schon genannten Malers und seines mehr im Dekorationsfach tätigen Bruders Stefan Kärle, beide von Hinterhornbach gebürtig und in Vorderhornbach wohnhaft. [...] In der Hochmulde östlich von Elmen liegt die Stablalpe, auf deren Triften vor grauen Zeiten das Vieh romanischer Sennen weidete, wie der Name dartut, der auf ein dem lateinischen stabulum, Stall entsprechendes romanisches Wort zurückzuführen ist.

Kurz ober Elmen sehen wir jenseits des Flusses, eng zwischen diesem und dem hochaufragenden Gebirge eingeklemmt, den Weiler Klimm, dessen Benennung offenbar von seiner Situation entnommen ist. [...] ...ruhig der Straße zu dem mit alten Erdschanzen umsäumten Hochufer des hohen Rain weiter folgen... [...] ...von Osten her ein Seitental mündet, in welchem man nach zweistündiger Wanderung die Ortschaft Bschlabs und nach einer weiteren Stunde noch die Ortschaft Boden trifft, die ihrerseits noch hoch gegen den Hochtennpass hin eine Kolonie von meist nur im Sommer bewohnten Häusern entsendet...

Es entspricht sowohl der natürlichen Sachlage als auch dem anderwärts geübten Verfahren des alamannischen Volksstammes, dem die Bewohner des Lechtals zuzurechnen sind, wenn wir annehmen, dass die ersten Ansiedlungen nicht in geschlossenen Ortschaften, sondern in zerstreuten Einzelhöfen erfolgten, die sich erst viel später zu Gemeinden vereinigten. Daher auch im Haupttal die Erscheinung, dass diese Gemeinden alle aus einer Anzahl größerer oder kleinerer, selbständig benannter Weiler und Einzelhöfe bestehen und dass es dem Uneingeweihten oft unmöglich ist, des Übergangs von einer Gemeinde zur anderen gewahr zu werden. So zerfällt auch die Gemeinde Häselgehr, die wir zunächst treffen, in eine Anzahl von Häusergruppen... [...] ...Wenn wir auch von Elmen bis zur Kirche in Häselgehr wieder eine Stunde rechnen, so erreichen wir doch schon vor halbweg den einsam an der Straße stehenden Rautherhof, der zu dieser Gemeinde gehört; er gilt als das älteste Haus des Tals... [...] ...der Bach, der durch Luxenach fließt, heißt allerdings gegenwärtig der Tuoserbach, d. h. der Tosende.

Die Kirche in Häselgehr darf wegen ihrer in echt rustikalem Geschmack durchgeführten Dekoration und teilweise eigentümlichen, mit Harmonie nicht verwechselbaren Farbenwirkung nicht übersehen werden. Wie aus den Einwohnerzahlen der bisher durchwanderten Ortschaften hervorgeht, nimmt die Bevölkerung an Dichte talauf zu und ähnlich verhält es sich im allgemeinen mit dem Wohlstand. Wir treffen hier schon eine Anzahl jener schmucken Häuser, die uns weiter oben noch viel zahlreicher entgegentreten werden. Zu ihnen gehört auch das Bräuhaus, das älteste und lange Zeit einzige des Tals, das 1780 gegründet wurde.

Die Talstraße tritt nun für längere Zeit ans linke Ufer über und weicht damit zugleich dem Otterbach aus, der aus dem Seitental von Gramais kommt... [...] ...auch der Lech selbst, obgleich im oberen Tal so ziemlich gebändigt, wird hier zeitweise sehr ungefüge und hat die noch zu Menschengedenken mit dichtem Wald bedeckte Talstrecke in ein Gries verwandelt, in welchem die Vegetation nur mühsam wieder zu ihrem Recht zu kommen sucht. Auf dem flachen Geröllkegel des Griesbachs liegen die Häuser von Griesau; in einem Lärchenwäldchen versteckt trifft man die aus dem 17. Jahrhundert stammende Pestkapelle und den Pestfriedhof.

Wenn man die Straßenhöhe erreicht hat, den Scheidbach überschreitend, aus dem Wald wieder hervortritt, sieht man eine weite grüne, mit Feldern durchsetzte Talfläche vor sich, auf welcher sich vereinzelt, nur von zwei stattlichen Pfarrhäusern begleitet, eine Kirche mit außerordentlich schlankem Turm erhebt. Rechts zieht sich, in mehreren Gruppen abgeteilt, eine längere, hellblinkende Häuserreihe gegen eine Anhöhe hin, den Ölberg, die durch eine Wallfahrtskapelle gekrönt ist... [...] ...jedermann wird das stattliche Aussehen der Häuser auffallen. Die dem heiligen Nikolaus geweihte Kirche entstand 1664 bis 1674 an Stelle der älteren, im Anfang des 16. Jahrhunderts erbauten, von welcher noch der Turm zu stammen scheint. Die kleine und mittlere Glocke wurden 1655 und 1684 von Ernst in Memmingen gegossen. Neben der größtenteils neuen Ausstattung enthält das Innere ein älteres Deckengemälde von Zeiler und einen interessanten alten Taufstein von 1411. In der Sakristei zeigt man auch einen kostbaren Rauchmantel, Geschenk und ehemaliger Brautmantel Ihrer Majestät der Königin-Mutter von Baiern. Auf dem Kirchhof finden wir neben Erinnerungen an andere Lechtaler Berühmtheiten auch das Grabmal von Anton Falger; das gleiche gilt auch von der in einer Ecke des Kirchhofs stehenden alten Martinskapelle und dem darunter befindlichen Beinhaus, in welchem tausende von Schädeln und anderen Skelettresten einer anthropologischen Untersuchung entgegen sehen.

Gleich ober Elbigenalp mündet von Norden das Bernhardstal mit seiner durch abenteuerliche Schichtenverkrümmung ausgezeichneten Klamm... [...] ...auf dem Gieblerberg, an dessen Fuß die noch zu Elbigenalp gehörigen Weiler Unter- und Obergieblen liegen, kennt man etwa ein halbes Dutzend tief in's Innere eindringende Spalten, die die Klingellöcher genannt werden. In eine derselben fiel eine Kuh, die man nicht mehr aufzufinden vermochte, obgleich sich Leute an Seilen weit hinabliessen... [...] ...Büchsenmacher Knittel in Untergieblen gehört zu jenen vielgewandten Persönlichkeiten, wie sie gerade das Gebirge mit Vorliebe hervorbringt. Die glückliche Begabung scheint hier Familienerbteil zu sein. Der Vater war durch seine mechanische Erfindungsgabe im ganzen Tal berühmt und verschiedene Angehörige der Familie sind als Künstler in größeren Städten tätig und erfreuen sich eines geachteten Namens. Der freundliche Besitzer zeigt dem Fremden gern seine kleine Kunstsammlung. Unter den Gemälden seiner Schwester ist besonders die Aushebung des Adlernestes hervorzuheben; die Künstlerin schildert eine Episode aus ihrer eigenen Jugend, wie sie im Madauertal in der Nähe der Saxeralpe am Seil über eine gewaltige Felswand zum angegebenen Zweck hinabgelassen wird. Zu beachten ist dabei die treue Wiedergabe des Gebirges, namentlich der Seekogelpartie.

In Obergieblen steht das Geburtshaus eines Mannes, den die Kunstgeschichte rühmend nennt. Joseph Anton Koch wurde hier am 27. Juli 1768 in Armut geboren. Während seiner Schulzeit in Elbigenalp wurde er durch Kosttage erhalten; zum Dank schrieb er als dreizehnjähriger Knabe jedem seiner Gönner ein künstlerisch ausgestattetes Kreuzwegbüchlein, in welchem sein Talent sich schon zu erkennen gibt. Nach vorbereitendem Aufenthalt in Augsburg und an der Hohen Karlsschule in Stuttgart verbrachte er sein Leben hauptsächlich in Rom, wo er am 12. Januar 1839 starb. Er zeichnete sich namentlich in der Landschaftsmalerei und durch Verbindung derselben mit der Historienmalerei aus. Berühmt ist unter Anderem seine Landschaft mit dem Opfer Noahs in der Neuen Pinakothek in München. Ausgezeichnetes leistete Koch als Radierer; er lieferte u. A. viele Blätter zu Dante und zu den Werken A. v. Humboldts. Mit Schiller stand er in freundschaftlichem Verkehr. - Wer das Reliefbrustbild sehen will, mit dem das Bauernhäuschen geschmückt ist, muss statt der Straße den sie nahe begleitenden Feldweg nehmen, gegen welchen die Häuser ihre Front wenden.

Lend, Bach und Stockach folgen mit geringer Unterbrechung aufeinander und gehören zu der aus 11 Ortschaften bestehenden Gemeinde, welche die Gesamtbezeichnung Bach führt... [...] ...von der entgegengesetzten südlichen Seite mündet das Tal von Madau, das sich in vier Äste, Griesel-, Alperschon-, Parseier- und Röttal spaltet... [...] ...Madau wird gegenwärtig nur als Alpe bewirtschaftet. 1679 wurde dort eine Kapelle gestiftet und bei dieser Gelegenheit erfahren wir aus einem Bericht des Elbigenalper Pfarrers an das Bistum Augsburg, dass Madau 8 Häuser zählte, wovon 5 im ganzen Jahr, die andern nur im Sommer bewohnt wurden. 1756 sollte dort sogar eine Kaplanei gegründet werden; es kam aber nicht dazu. Das Volk erzählt sich von 7 Höfen mit je 7 Kühen. Einem Bauer seien durch eine Lawine seine Kühe getötet worden; da habe jeder Nachbar dem Unglücklichen eine Kuh geschenkt, so dass alle wieder gleich viel hatten. (Ob gegenwärtig im ganzen Lechtal 7 Bauern mit je 7 Kühen aufzufinden wären?) Auch einiges Fabelhafte wird dem Ort nachgesagt; er soll auf einer goldenen Säule stehen, vielleicht eine Erinnerung an den früher in Alperschon betriebenen Bergbau...

Gleich ober Stockach mündet das Sulzltal... [...] ...nachdem die Straße wieder an das linke Ufer übergesetzt ist, erreicht sie Holzgau. Der Teil des Ortes, der sich um die Anhöhe gruppiert, auf welcher Kirche und Pfarrhof erbaut sind, macht einen fast noch stattlicheren Eindruck als Elbigenalp. Auch hier verrät die Bauart und Verzierung der Häuser einen Wohlstand, der in den Hilfsquellen der Gegend keine Erklärung findet... [...] ...eine gewisse Rivalität zwischen dem reichsten Ort des Tals und Elbigenalp, das sich den ältesten nennen darf, ist unschwer zu erkennen. Während das erstere sich zugleich für das schönste erklärt, muss es sich bei seiner von den Bergen beengten Lage die Spottrede gefallen lassen, dass im Winter keine Sonne und im Sommer kein Mond hineinscheine. - Die Kirche ist im byzantinischen Geschmack von den Gebrüdern Kärle hübsch ausgestattet. Das Altarblatt ist von Jehle in Innsbruck, der neue Hochaltar nach einem Plan von Knabel in München von Einheimischen geschnitzt. Die schönen Glasmalereien sind von München. Das Missionsbild in der Vorhalle verdient auch als Kostümbild Beachtung. Zwei Glocken sind laut Inschrift aus dem 15. Jahrhundert. Die Kinder singen von ihnen:

Johanna, Susanna
Musst immer da hanga,
Musst immer da bleiba,
Musst's Wetter vertreiba.


Die gotische Sebastianskapellen nebenan ist jetzt renoviert, aber mit anerkennenswerter Schonung der drei auf das Leben des Heiligen Bezug habenden sehr alten Fresken. Im Chor findet man oben die Jahrzahl 1482. Das gewölbte Beinhaus, der sogenannte Kerker, enthält neben massenhaftem anthropologischen Materials links einen gemauerten Altar und rechts auf einer Säule eine Art Laterne, mit einem Steinkreuz gekrönt, wohl ein "ewiges Licht". In diesem Raum dürfen wir die älteste Kultstätte des Tals erblicken.

Die den kurzen schluchtartigen Seitentälern entstammenden starken Geröllkegel schieben nun den Lech von einer Talseite zur andern. Das hinter den malerischen Hütten von Dürrnau aufsteigende schluchtartige Miltal ist nebst einem ähnlichen steuerfrei. Man erzählt, als Kaiser Max in der Martinswand sich verstiegen hatte und durch Boten im ganzen Land zur Rettung aufgefordert wurde, seien auch von hier die besten Steiger ausgerückt. Obgleich sie schon auf dem Joch die Nachricht von der Befreiung erhielten, seien sie durch obige Vergünstigung belohnt worden. Unter den Ortsnamen deutet nur Walchen auf Wälschtum. Wir passieren Hägerau und erreichen nach einer Stunde Steeg, wo die Straße ans rechte Ufer tritt und alsbald endet...

Durch den Querriegel des Burkopfs gesperrt, erweitert sich das Tal nochmals zu der grünen Fläche, auf welcher die Weiler Vorder- und Hinterellenbogen liegen. Dann beginnt die große Lechklamm. Der Saumweg dringt in den Wald und sucht am entgegengesetzten Ufer die Höhe. Der Volkswitz nennt diese Gegend "der Bettler Umkehr".

Verkehr

Die Ortschaften der Seitentäler sind, da Saumtiere nicht vorkommen, mit Ausnahme etwa von Hinterhornbach, nur dem Fußgänger erreichbar; die Pfade steigen durchweg vom Haupttal eine halbe bis eine Stunde steil an, um die Klamm zu vermeiden und ziehen dann ohne bedeutende Niveauunterschiede weiter. Von diesen Seitentälern kommt entweder regelmäßig allwöchentlich ein Bote zum nächsten Postort oder die Leute besorgen ihre Sachen nur gelegentlich. Im strengen Winter ist manchmal der Verkehr auf Wochen abgeschnitten, oder nur mit außerordentlichen vereinten Anstrengungen zu erzwingen. Auch von Steeg nach Lechleiten geht zweimal in der Woche ein Bote.

Über die Verkehrszustände in früheren Zeiten fehlen genauere Anhaltspunkte. Die Post geht erst seit 1861. Dass auch in alten Zeiten zusammenhängende Wege das Tal durchzogen haben, beweist schon der alte Elbigenalper Taufstein, der jedenfalls auf der Axe transportiert werden musste. Wie aber diese Wege gewesen sein mögen, kann man aus dem Umstand entnehmen, dass noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts über den Scheid- und Bernhardsbach bei Elbigenalp keine Brücken führten. In diesem Sinne wird es auch zu verstehen sein, wenn die Lechtaler in einer Urkunde von 1482 ihre Gegend als "ein hört, schwer und winterig, auch weit und unwegsam gebirg und land" bezeichnen. Uralt scheint der Verkehr über den Hochtennpass zu sein; man hat denn auch schon wacker die Römer darüber marschieren lassen, ist aber den Beweis schuldig geblieben. Die Lage des Rautherhofs fordert die Vermutung heraus, dass der Passweg früher auf der linken Seite der Klamm zum Lechtal mündete...

Geschichte des Tals

Wann empfing das Lechtal seine ersten Ansiedler? Welchem Volksstamm gehörten dieselben an? Welche Zustände fanden sie vor, welche Kultur brachten sie mit und wie wirkten sie verändernd auf ihre Umgebung ein? Folgten auf die ursprünglichen Einwohner im Laufe der Zeiten Angehörige anderer Nationen und welche Erscheinungen begleiteten die Vorgänge?

Das Dunkel, welches dem wissbegierigen Frager anderwärts bei derartigen Nachforschungen statt geschichtlich beglaubigter Tatsachen entgegenzutreten pflegt, empfängt uns auch hier in tiefster Qualität und begleitet uns bis herab in's 14. Jahrhundert. Erst von dieser Zeit an spenden einige Urkunden ein zunächst noch recht schwaches Licht. Spärlich sind auch die sonstigen Anhaltspunkte, aus welchen auf früher Zeiten zurückgeschlossen werden könnte. Man wird aus den natürlichen Verhältnissen folgern dürfen, dass das in alter Zeit mit Urwald bewachsene, schwer zugängliche, aber wildreiche Gebirgstal zuerst nur Jäger zum Besuch und zur mehr oder weniger dauerhaften Niederlassung anlocken konnte. Allmählich rekognosziert (bedeutet erkundet; Anm. d. Redaktion) zeigte das Tal wohl damals schon Gegenden, die eine alpenmäßige Bewirtschaftung lohnten und durch menschliches Dazutun noch bessere und umfassendere Ausnützung gestatteten. Große Unsicherheit der Zustände im vorgelagerten Flachland, unaufhörliche Kriege, mögen diesem geschützten Gebirgswinkel manchen neuen Bevölkerungszuwachs zugeführt haben. So war denn, wie auch der allgemeine Volksglaube annimmt, das Lechtal zuerst eine Alpe. Darauf deutet auch der Name Elbigenalp. Diese Ortschaft hat nicht nur sicher die älteste Seelsorge des Tals, sondern ist auch jedenfalls eine der ältesten Niederlassungen, gewiss wenigstens die erste, die sich zu einem Dorf ausbildete, denn man nennt heute noch Elbigenalp im oberen Lechtal schlichtweg "das Dorf" und seine Bewohner die Dörfler.

Mit Beginn des 15. Jahrhunderts bestehen im Lechtal bereits zwei Pfarreien, die älteste und lange Zeit einzige in Elbigenalp und die 1401 neu errichtete in Holzgau. Die Existenz einer Anzahl von Ortschaften und Weilern, mithin das Vorhandensein einer nicht unbedeutenden Bevölkerung, kann um diese Zeit als sicher angenommen werden. Das älteste noch erhaltene sichere Kunstdenkmal ist der in der Elbigenalper Kirche befindliche Taufstein mit der Jahreszahl 1411 und einer lateinischen zum Teil unleserlichen Inschrift. Das nachweislich älteste Gotteshaus im Lechtal ist die St. Martinskapelle auf dem Gottesacker in Elbigenalp, die schon 1399 erwähnt wird; sie zeigt gotische Formen; unter dem alten Wandgemälde hinter dem Altar findet man die Jahrzahl 1489, die sich wohl
auf eine Renovierung beziehen wird. Für noch älter gilt der kellerartige Raum unter dieser Kapelle, der jetzt als Gebeinhaus benützt wird. Ob wir in ihm, wie angenommen wird, einen noch älteren, zu Kultzwecken benützten Raum, oder ob wir einen alten Sennkeller vor uns haben, lässt sich heute kaum mehr entscheiden. Die dem Eingang gegenüber liegende Wand trägt eine altersverblichene Inschrift, in welcher sich mit ziemlicher Sicherheit die Zahlen 954 und 1104 erkennen lassen.

Die sonstigen Antiquitäten sind bald aufgezählt. An einem Schupfen fand man, in einen Balken eingeschnitten, die Zahl 1414, ein alter Kasten in Seesumpf trägt sogar die Jahrzahl 1001 und dieselbe Zahl war auch in einem alten Häuschen in Elbigenalp zu sehen. Im Jahr 1868 fand man in dem zu Elbigenalp gehörenden Untergieblen Nr. 18 beim Brunnengraben 16' tief einen Pfannenstiel und 1856 am Elbigenalper Pfarrhaus bei ähnlicher Gelegenheit in einer Tiefe von 30' Kohlen und einen Kienstock am Boden stehend. Weisen uns diese wenigen Anhaltspunkte schon weit hinter die Zeit der ältesten Urkunden zurück, ohne uns jedoch eine sichere Zeitmarke nach aufwärts zu liefern, so zwingt uns das Vorhandensein der schon früher aufgeführten romanischen Ortsnamen im Verein mit den sonstigen Erwägungen zu der Annahme, dass das Lechtal schon zur Zeit, als die Römer ihre Herrschaft über Rhätien ausübten, bewohnt gewesen sein müsse. Diese Schlussfolgerung ist unabhängig von den einzelnen, mehr oder minder gewagten Auslegungsversuchen besagter Ortsnamen, wenn nur ihr romanischer Ursprung sicher steht. Es muss völlig der Phantasie überlassen bleiben, sich die näheren Verhältnisse dieser romanischen Bevölkerung auszumalen. Obgleich uns über das eigentliche Lechtal bis in das späte Mittelalter herab alle geschichtlichen Nachrichten fehlen, wird es gestattet sein, die Geschicke der Lechtaler als eng verknüpft mit denen der benachbarten Gegenden, namentlich des Vorlandes vorauszusetzen. Aus den keineswegs reichlich und ganz lauter fließenden Quellen lässt sich ungefähr folgendes Bild gewinnen:

Unser Lechtal bildete einen Bestandteil des großen Gebirgslandes Rhätien, das sich über den nordwestlichen Teil der Alpen erstreckte. Wie das dem Gebirge nördlich vorgelagerte Flachland Vindelicien, die jetzige schwäbisch-bairische Hochebene, war auch Rhätien von einer keltischen Bevölkerung bewohnt. Ob es die Licates, ob es die Focunates waren, die den Lech hinauf bis zu dessen Quellen saßen, lassen wir unerörtert, wie die Keltenfrage überhaupt, über welche die Gelehrten heute weniger als jemals einig sind. Sicher ist, dass im Jahre 13 vor Christus durch des römischen Kaiser Augustus Stiefsöhne Drusus und Tiberius die beiden genannten Länder der römischen Herrschaft unterworfen wurden und während der folgenden Jahrhunderte unter dieser Herrschaft verblieben. Wie anderwärts, so hatte auch hier die Berührung mit der höheren Kultur allmählich die völlige Romanisierung der Bevölkerung zur Folge. Man bezeichnet bekanntlich die so entstandene Mischbevölkerung als Rhäto-Romanen; ihre Sprache, eine Tochtersprache des Lateinischen, wird noch in einigen Gebirgsgegenden gesprochen. Im Lechtaler Gebiet sind noch einzelne Ortsbenennungen als Denkmäler jener Periode übriggeblieben; auch der Sprachschatz enthält einige Worte, die wahrscheinlich aus jenen Zeiten überkommen sind. Greifbare Spuren von der Anwesenheit der Römer im Lechtal, auch wenn wir dasselbe bis Füssen ausdehnen, hat man bis jetzt noch nicht aufzufinden vermocht. Allerdings stammt eine Anzahl Römermünzen aus der Umgegend von Reutte und auch im eigentlichen Lechtal kommen sie ab und zu in den Opferstöcken zum Vorschein, eine Beweiskraft kommt ihnen aber um so weniger zu, als über die Auffindung selbst gewöhnlich gar nichts bekannt ist.

Keine Schanze, kein Gebäude, kein Stein kann den Römern zugeschrieben werden. Für die Existenz einer Römerstraße über den Fernpass nach Reutte und Füssen, für den römischen Ursprung der Feste Ehrenberg fehlt jeder Beweis. Dennoch erscheint es aus inneren Gründen kaum zweifelhaft, dass die Straße, durch welche 1137 ein deutscher Kaiser (Lothar II.) zog, und die seit 1154 so manchen Römerzug sah, dass militärische Positionen, die später Jahrhunderte hindurch hohe Bedeutung besaßen, auch zur Zeit der Römer schon vorhanden waren und Beachtung fanden, wenn sie auch wegen ihrer damals mehr sekundären Bedeutung in den auf uns gekommenen Verzeichnissen nicht aufgeführt sind. Sehr wahrscheinlich dürfte wenigstens für die Mitte des 5. Jahrhunderts zutreffen, in welcher Zeit die Römer durch das ungestüme Andrängen germanischer Völkerschaften sich gezwungen sahen, die Rhaetia secunda aufzugeben, wodurch die Reichsgrenzen an den Rand des Gebirges rückten. Die Zeit der sinkenden Römerherrschaft war eine traurige für die Gegenden zwischen der Donau und den Alpen. Seit der Mitte des 3. Jahrhunderts setzten namentlich die Alamannen immer wieder von neuem über die Donau und drangen verheerend vor, trotz häufiger Niederlagen, die ihnen von den Römern bereitet wurden. Bedenkt man diese endlosen Kriege und Einfälle, die Flut der Völkerwanderung, die sich auch über Rhätien ergoss, andererseits die sinkende Macht Westroms, dessen Kaiser nicht einmal Italien, geschweige das entlegene Rhätien zu schützen vermochte, so werden wir uns die einst so blühende Provinz zum größten Teil verwüstet, die romanische Bevölkerung stark reduziert, die Kultur fast vernichtet, jedenfalls nur auf die Nähe der befestigten Orte beschränkt denken müssen. Von 476 an beherrschte Odoaker als König von Italien auch Rhätien, von 493 - 526 Theoderich der Große. Der Gothenkönig bestellte als militärischer Statthalter Rhätiens einen gewissen Servatus und befahl ihm, eifrig die Grenzen zu begehen und bei den dieselben bewachenden Soldaten strenge Mannszucht zu halten. In einem andern Schreiben an den Praefectus Praetorii Faustus gibt er diesem den Auftrag, für die "in Clausuris Augustanis" liegenden 6000 Mann Besatzung gehörig mit Proviant Sorge zu tragen, denn "es sei Pflicht für die Verpflegung des Soldaten zu sorgen, der für die allgemeine Ruhe an den Grenzorten die Einbrüche der Barbaren gleich am Tore der Provinz abwehrt". Unter den Clausuris Augustanis sind wohl alle am Gebirgsrand und im nächsten Vorland gelegenen festen Punkte zu verstehen, welche die nach Augsburg führenden Straßen und Wege schützten; nach der oben ausgesprochenen Vermutung mögen auch die Pässe bei Reutte und Füssen sich unter dieser Zahl befunden haben.

Unter Theoderichs Regierung erfolgte die für das schwäbische Alpenvorland und die zu diesem ausmündenden Flusstäler so hochwichtige schwäbische Einwanderung. Die kriegerischen Alamannen, die sich selbst jedoch Schwaben nannten, hatten sich auf Kosten des zusammenbrechenden Römerreiches von ihren ältesten Sitzen zwischen Elbe und Oder weit ausgebreitet und saßen im 5. Jahrhundert von der heutigen deutschen Schweiz rheinab bis zur Mosel. Ihr stetes Vordringen am Mittelrhein abwärts musste sie in feindliche Berührung mit den Franken bringen. 496 wurden die Alamannen von dem Frankenkönig Chlodwig entscheidend geschlagen, und alles schwäbische Land bis an die Oos, den mittleren Neckar und den Wernitz-Ursprung kam unter fränkische Gewalt. Wer sich nicht knechten lassen wollte, musste südwärts ziehen. Der große Gothenkönig gestattete gerne den geschlagenen Alamannen, sich in dem westlich des Lech gelegenen Teil Rhätiens niederzulassen; er erreichte damit mehr als einen Zweck: Durch die Einwanderung der Alamannen wurde das fast verödete Land neu besiedelt, den alamannischen Einfällen war für immer ein Ende gemacht und die früheren Angreifer waren jetzt in Verteidiger der Grenze verwandelt. So erhielt dieser Teil Rhätiens eine überwiegend schwäbische Bevölkerung unter ostgothischer Schirmherrschaft, welche aber nicht nur die eingewanderten Schwaben, sondern das ganze schwäbische Land, soweit es von den Franken unabhängig geblieben war, umfasste. Diese Schirmherrschaft ließ übrigens den Schwaben unter ihren Herzögen völlige Freiheit.

[...]

Zu dieser Zeit (um 750) vollzogen sich auch die für die Kulturzustände der Lechanwohner äußerst wichtigen Ereignisse, welche sich um die sagenverherrlichten Namen des hl. Magnus gruppieren. Die neuesten kritischen Studien über die Magnuslegende liefern uns in Kürze etwa folgenden historischen Kern: 725 reist ein Mönch vom Kloster St. Gallen, Namens Magnus, über Kempten nach Epfach, wo er eine Begegnung mit dem Augsburger Bischof Wichpert hatte, und ging von hier den Lech hinauf bis zum heutigen Füssen, baute daselbst eine Zelle und eine Kirche, sammelte Genossen, bekehrte die Bevölkerung, kultivierte das Land, eröffnete sogar den Eisenbau am Säuling und starb nach 25jährigem segensreichen Wirken am 6. September 750. - Die Legende erzählt unter Anderem auch von einer Schenkung, welche (König) Pippin auf des Augsburgers Bischof Bitte dem hl. Magnus gemacht habe. Es betrifft das... [...] ...die spätere Herrschaft Aschau, die sich am linken Ufer des Lechs von Musau bis hinauf nach Hornbach im Lechtal erstreckte. Dem hl. Magnus oder seinen unmittelbaren Nachfolgern wird die Gründung einer großen Anzahl von Seelsorgen zugeschrieben. Hier mögen nur erwähnt werden: Aschau, ungefähr in der Mitte des soeben angeführten Landstriches und in dessen fruchtbarstem Teil gelegen, der breiten Talerweitung, die wir heute nach dem viel später entstandenen Markt Reutte zu benennen pflegen; ferner Breitenwang am rechten Ufer, nahe bei Reutte, endlich im eigentlichen Lechtal Elbigenalp. Die ganze Gegend, auch das Lechtal, unterstand in kirchlicher Beziehung damals und herab bis zum Anfang unseres Jahrhunderts (19. Jahrhundert; Anm. d. Redaktion) der Diözese Augsburg. Politisch dagegen gehörte es, als im 7. Jahrhundert die unter fränkischer Herrschaft stehenden Gebiete in Gaue abgeteilt worden waren, zu dem alamannischen Gau Keltenstein oder Geltenstein... [...] ...1094 wird Breitenwang zum erstenmal urkundlich erwähnt: Breitinwanch. Bald darauf sollte dieses entlegene Gebirgsörtchen weltbekannt werden durch eine traurige Veranlassung. Kaiser Lothar II. kehrte schwer erkrankt von seinem Römerzug über Vinstgau, Oberinntal und den Fern zurück; er starb am 3. Dezember 1137 in den Armen seines Schwiegersohns Heinrich des Stolzen. Apud Breduwan villam in faucibus Alpium oder In sylva, quae est inter Oenum et Licum, sub vilissima casa, wie die Chronisten melden.





...vielleicht auch interessant:

Der Bärenmoosmann im Achenthal / (Sagen)
Ludwig Schmid-Reutte / (Schmid-Reuthe) (Geschichte)
Die Saligen Fräulein am Gachtberg / (Sagen)