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Am Frauensee

Erbauliches und anderes aus der Sommerfrische von Friedrich H. Hacker






frauensee

frauensee gasthaus jugendherberge
Ausferner Bote vom 13. August 1925
"...weil ich aber schon einmal von verbundenen Augen rede, muß ich doch sagen, daß ich schier zehn Jahre mit verbundenen Augen im Allgäu herumgelaufen und gefahren sein muß, denn sonst hätte ich doch eher die Stätte meiner heurigen Geruhsamkeit: den Frauensee finden müssen. Ist's nicht zum Lachen, daß man erst von Kempten nach Augsburg reisen muß, um sich von dem Dasein des Frauensees erzählen zu lassen. Einen Entschuldigungsgrund könnte ich schließlich geltend machen: Der Frauensee liegt nämlich grad jenseits des Striches, der das Allgäu umgrenzt. Wenn man aber ein gelehriger Schüler eines großen Meisters ist, dann kommt man eben mit der Zeit auch auf den Grundsatz: Was nicht Allgäu ist, geht mich nichts an.

Diesmal bin ich aber einmal glücklich durch die Maschen geschlüpft und das freut mich, früher sagte man: "königlich", jetzt muß ich sagen "republikanisch", "denn ich stelle mich auf den Boden der gegebenen Tatsachen". Das ist umso leichter, als ja auch das "heilige Land Tirol" republikanisch regiert wird. Das habe ich gleich bei der Zollrevision in Pfronten gemerkt. Denn die alten k. k. Finanzer mit ihrer von Geschlecht zu Geschlecht vererbten hochgiebeligen "Kappn" tragen jetzt eine Mütze und eine olivengraugrüne, — andere meinen: eine lehmfarbige — Uniform, die mich lebhaft an die Zeit erinnert, da wir noch russische Kriegsgefangene machten...

[...]

Der österreichische Zöllner erkundigte sich nämlich sehr teilnehmend darnach, ob wir nichts Rauchbares bei uns hätten. So was hat es doch im k. k. Oesterreich nicht gegeben. Was hab ich doch als kleiner Bub für meinen tabakschmauchenden "Vetter" Ordinari - und Dreikinitabak über die Grenze nach Bayern schmuggeln müssen! Allerdings immer nur ein verdorbenes Packl, aber mit der Zeit sind es halt doch viele geworden. Jetzt scheint man in Oesterreich die deutschen Tabaksfabrikate höher zu schätzen, was einen rechten Reichsdeutschen mit Genugtuung erfüllen muß. Selbstverständlich hatte ich nur soviel dabei, als man für den kurzfristigen Sommeraufenthalt eines kleinbürgerlichen Kopfarbeiters braucht, womit sich der Menschenfreund zufrieden gab. In Reutte angekommen, fiel mir zunächst die lebhafte Werbetätigkeit für einen See auf, an den ich qar nicht wollte, und das war der Urisee. Im Laufe meines Sommeraufenthaltes hatte ich Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, daß der Urisee in des Wortes verwegenstem Sinne dem Frauensee nicht das Wasser bieten könne.

Nu, Nu, wird sich der verehrte Leser denken, da muß er wohl in ein Paradies gelangt sein? Ist er auch!
Denn, wo, frage ich, gibt es eine "Insel der Seligen". Nur am Frauensee. — Zu einer Insel gehört zwar sonst, daß sie ringsum von Wasser umgeben ist. Uns haben anderthalb Seiten auch genügt, selig war es doch! Nun muß ich aber noch den Weg in dieses Paradies beschreiben. Ja, Freunderl, das ist nicht so einfach; eigentlich sollt' ichs gar nicht sagen. Denn ein bekanntes Dichterwort lehrt, daß die Welt schön ist überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual. Aber ich hoffe, wenn du dich einmal aufraffst, dahin zu kommen, läßt du deine "Qual" zu Hause und darum will ich den Weg oder die Wege verraten. Der gefährlichste ist der von Pflach aus, denn dieser führt unmittelbar neben der Haltestelle, gleich durch das Wirtshaus hindurch und selbige Tatsache ist, wie der Chronist vernimmt, schon manchem zum Verhängnis geworden, sodaß er den Frauensee überhaupt nicht oder nur "nebelig" fand. Zum Glück hält in Pflach der "Beschleunigte" nicht. Von Reutte aus aber gehts zunächst über die Brücke nach Lech-Aschau. Der kürzeste Weg zweigt vom "Mohren" ab. Ei, hätt' ich doch den "Mohren" nicht genannt! Denn da ist schon wieder ein Baum der Versuchung. Soll ich, soll ich nicht — es nämlich sagen, daß man dort verständigem Schmunzeln begegne, wenn man einen "Draht um den Hals" verlangt? Probier's es soll dich nicht gereuen! Im Vertrauen gesagt, wenn du genügend Selbstbeherrschung hast, kannst du noch warten bis zum Frauensee, denn der "Hans!" hat sich auf dringliches Zureden Sachkundiger entschlossen diesen Tropfen auch in seinen Keller zu legen. Also nach Lech-Aschau müssen wir alle. Dort hast du die Wahl zwischen drei Wegen: Wenn du so einfältig bist, wie ich zum erstenmal war, dann nimmst du den mittleren durchs Dorf, um später wieder auf den kürzesten zu kommen. Sonst empfehle ich dir, gleich an der Brücke rechts abzuschwenken und aus einem freundlichen Wiesensträßlein Hinterbichl anzustreben. Der linke, auch markierte, führt' dich über die kleine Martinswand zum Ziel. Doch da ich in dir die Veranlagung zur Bequemlichkeit verspüre, nehme ich dich mit über Hinterbich. Die rote Markierung läßt nicht aus. Bei der Kapelle, oder meinetwegen beim Schuster von Hinterbichl, wo der Hansl sein Bier und seine Weinfäßlein einstellt, geht das Steigen an. Ja, ja, glaub mir's nur; denn, wenn Reutte 854 m hoch liegt und am Frauensee 966 m gemessen wurden, dann bleibt dir gar nichts übrig als ein wenig zu steigen, zumal dem Hansl der Esel — oder soll das ein Gaul gewesen sein? den er vor sechs Wochen gekauft hat, am andern Tag wieder durchgebrannt ist. In 25 Minuten läßt sichs übrigens auf schattigem Waldweg leicht schaffen und unvermutet stehst du vor der "Pension und dem Alpenkaffee Frauensee", damit aber zugleich auch schon am See selbst.

Manche Menschen, die sich vom Frauensee erzählen ließen, sind enttäuscht worden. Die haben dann meist allzu große Erwartungen und Vorstellungen mitgebracht oder haben überhaupt wenig Natursinn. Natürlich darf man Frauen und Plansee nicht miteinander vergleichen. Oder, wenn schon einmal, dann darf ich an den berühmteren Kurplätzen die Unannehmlichkeiten nicht unterschlagen, die mit in Kauf zu nehmen sind. Dazu rechne ich aber große Menschenansammlungen mit sehr vielerlei Sprachen und Mundarten, von denen selten eine die einheimische ist.
Am Frauensee gibt es überhaupt nur zwölf Betten und das ist sehr schön. Natürlich will ich das Holzhaus am Frauensee nicht mit einem Hotel messen. Den Luxus eines Schrankes zum Beispiel kennt man dort nicht, dafür haben die vier Holzwände deines Schlafzimmers soviel Nägel, daß du jedes Kleidungsstück extra aufhängen kannst, was vom hygienischen Standpunkt nach ärztlichem Gutachten sogar als das Gesündere gilt. Bäder und laufendes Wasser im Hause gibt es nicht. Aber ist es nicht schöner, du springst morgens aus dem Bett in deinen Badeanzug und mit diesem in zwei Sätzen in den See? Selbstverständlich ist frisches Trinkwasser zu haben, aber das läuft dir nicht in der Wasserleitung zu, sondern da steigst du in den Kahn und gondelst schnurstracks selbst zur Quelle, wenn die Frauenseenixe, genannt Sepherl, etwa gerade verhindert sein sollte. Elektrische Beleuchtung ist gewiß etwas praktisches, aber 2 bis 3 Wochen wieder einmal mit dem Kerzenleuchter herumzuspazieren und in der Wirtsstube bei Petroleumbeleuchtung sitzen, hat, besonders, wenn die Lampe wirklich brennt und nicht bloß riecht, auch seine Reize.

Alleweil redet man von der guten alten Zeit, da hast dus — jetzt freu' dich dran!

Uebrigens wären wir ohne diese großväterliche Beleuchtungseinrichtung wohl um eins unserer schönsten Frauensee-Erlebnisse gekommen. Allabendlich saßen wir auf dem Balkon; als Beleuchtungskörper bevorzugten wir den Mond und die Sterne. Die hatten manchmal Ausgang und dann war es ziemlich dunkel. Ist auch ganz hübsch wenn Lieder und Worte, ernste und heitere, als selbständige Wesen durch die Nacht streichen, ohne daß man ihren Schöpfer sieht. Aber hie und da braucht man ein Liederbuch, ein lustiges Geschichtenbüchlein oder - einen neuen Schoppen, und dann stellt der kulturbehauchte Mensch das Verlangen nach Licht. Aber ja kein großes!...

[...]

...furchte dann gar noch ein Kahn, aus dem liebe alte Volkslieder mit der Laute zusammenklangen, durch das nächtliche Dunkel, dann wurden wir ganz still und etwas wie Andacht und Ehrfurcht vor unsagbar Schönem überkam uns...

[..]

...warst du denn überhaupt nur zur Nachtzeit am Frauensee? Fast möchte man's meinen und doch habe ich gar herrliche Sonnentage dort verlebt, habe geschwommen und gerudert und bin gewandert.

Freilich, auf hohe Berge bin ich nicht gestiegen. Aber wenn je, gilt hier das Wort: "Wozu doch in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah". Ich war's zufrieden, wenn mich das Rauschen der Tannen vor meinem Fenster weckte, wenn mir die Geren- und Blachenspitze zum Frühstück ihren Morgengruß bot, wenn ich nur ein paar Ruderschläge zu machen brauchte, um den Säuling im Alpenglühn zu schauen, wenn ich stundenlang das Versteckenspielen beobachten durfte, das der Thaneller mit den Wolkenkindern trieb. Und wenn schon einmal gewandert sein mußte, so tat es auch der Geisklumpenkopf mit seinem Kränzlein aus Steinrosen, allwo es sich in lieber Gesellschaft so mollig ruht und plaudert, wo der Frauensee mit seiner Herberge so putzig klein erscheint, wo das Auge sich satt trinken kann an dem Gebirgspanorama, das den freundlichen Markt Reutte einschließt, wenn es nicht gerade abgelenkt wird durch ein vorsichtig äugendes Reh oder durch eine kleine Vorstellung auf der Birkhahnwiese. Willst du aber einmal die Vorlage zu dem schönen Liede "Droben stehet die Kapelle, schauet still ins Grab hinab" finden, so kannst du sie gleichfalls vom Frauensee in dreiviertel Stunden erreichen und wenn du deiner Andacht Genüge getan, magst du dich aus die Brüstung setzen und hinabschauen auf Wängle und fort, fort, hinaus und hinein ins Lechtal und die Lechtaler Berge. Auch einen prächtigen Erdbeerplatz könnt ich dir verraten, aber das ist für heuer schon zu spät, und bis zum nächsten Jahr hast du's vielleicht schon vergessen.

Ja, sagst du, das mag alles ganz hübsch sein bei schönem Wetter, aber wenn es regnet? — Ja nun, da mußt du fürs erste Geduld lernen. Ein oder zwei Tage Regenwetter darf dich nicht umwerfen. Selten im Leben freut man sich nämlich über die blauen Flecklein am Himmel so kindlich, als in einer verregneten Sommerfrische. Aber selbst wenn die "Blauen" gar nicht kommen wollen, gibt es immer noch schönes wahrzunehmen. Es hatte auch seinen Reiz, den Frauensee einmal so dicht von Nebeln umsäumt zu sehen, daß er überhaupt nicht mehr als Bergsee zu erkennen war.

Heller freilich jubelt das Herz auf, wenn nach stundenlangem Regen sich im Westen die Wolken teilen, die Abendsonne goldig hervorbricht und einen prächtigen Regenbogen vom Säuling bis zum Thaneller spannt. Das ist tausendmal schöner als ewiger Sonnenschein.

Aber auch ansonsten ist für Kurzweil gesorgt. Zum ersten habe ich schon angedeutet, daß der Herr Wirt, genannt Hansl, für trefflichen Stoff in Weiß- und Rotweinen gesorgt hat, zum zweiten weiß die Frau Ida, das ist die Wirtin — miteinander heißen sie Scheucher, wie ein etwas wackeliges Taferl am Bahnhof Reutte erkennen läßt — also fürs zweite weiß die Frau Wirtin eine gute Mahlzeit zu bereiten. Endlich ist es uns durch vereintes Zureden auch gelungen, sie davon zu überzeugen, daß sich die Begeisterung für den Tiroler Volkshelden nicht unbedingt in ausgiebigster Verwendung von Andreas Hofers Feigenkaffee bekunden muß, und seitdem gibt es, wie es sich für ein richtiges Alpenkaffee gehört, am Frauensee auch einen richtigen duftigen Bohnenkaffee nach dem Muster einer erstklassigen Kempter Caffestube. Nun kann man allerdings nicht den ganzen Tag essen und trinken, obgleich der Herr Hansl grade das letzte nicht ungern sehen täte, und er versichert, es ließe sich durch Uebung immerhin eine Steigerung der angeborenen Fähigkeit erzielen. Etwas freilich muß jeder der eine Zeitlang in die Berg- und Seeeinsamkeit gehen will, mitbringen, das ist neben der Naturfreude eine Portion Sinn für Humor und Mutterwitz. Wer ein sonniges Gemüt hat, stand kürzlich in der Zeitung, der kann sich schließlich auch bei Regen über jeden Dr... freuen. Wohlgemerkt Dr... ist hier nicht die Abkürzung für Doktor.

Und so haben wir's gehalten und gut hat es uns bekommen. — Wir? Uns? fragst du, verehrte Leserin. Natürlich waren unser mehr, was zum mindesten daraus hervorgeht, daß ich am Frauensee mit Blumen überschüttet und beglückwünscht von der Frauenseegemeinde den Abschluß des sogenannten siebenjährigen Krieges feierte. Aber wenn du die Namen der anderen wissen möchtest, dann verweise ich dich aus Paul Kellers Roman "Ferien vom Ich". Wer an diesen Kurort ging, erhielt einen neuen, einen ganz anderen Namen. Das "Ich", Amt, Würde, gesellschaftliche Stellung mußte er zurücklassen, er durfte nur Mensch sein, der wirklich Ferien machen wollte. Wenn Paul Keller den Roman nicht schon geschrieben hätte, tät's ich vielleicht probieren unter dem Titel "Ferien am Frauensee" und dann könnte ich auch die Namen nennen. Weil ichs aber nicht besser kann als der schlesische Dichter, unterbleibt der Roman und unsere Namen versinken in den Fluten des Frauensees. Nur die Erinnerung, die wollen fest wir halten."

"Und kommt die Zeit
Und kommt die Stund
Wo wir uns Wiedersehen,
Und alle noch im frohen Bund
Als treue Brüder stehen.
Dann schwingt zum höchsten den Pokal
Und laßt uns freudig danken:
Es war doch nicht das letzte Mal,
Daß wir zusammen tranken!"





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