Samstag - 07. Dez. 2019


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Die glühende Sennin




Eine Landecker Gerichtsalpe liegt im Alperschontal. Üblicherweise verteilt der Richter die Almtriften zur Hut an die berechtigten Gemeinden des Stanzer Tals und des Landecker Gerichtsbezirks im Wechsel, auch ist bei dieser Hut den Sennern und Sennerinnen von Alters her gestattet, einiges an eigenem Vieh, Kühe, Schweine oder Schafe, mit aufzutreiben, es droben mit auf die Weide gehen zu lassen und es dann im Herbst zu ihren Gunsten zu verkaufen. Nun war auf der Alm Alperschon eine junge, leichtsinnige Sennin, die trieb einige Schweine mit auf, die ihr selbst gehörten. Sie sorgte für dieselben aber gar zu mütterlich, denn sie fütterte diese vom Gut der Gemeinde mit Schotten und Zieger (eine Art Topfen), dass sie fett und rund wurden. Die anderen Schweine aber bekamen dürftiges Käswasser zu schlucken, welches nicht anlegt. Dabei war die Sennin stets wohlauf, munter g'spassig, sang die schönsten Lieder, war von allen gern gesehen und niemand dachte daran, das sie eine unredliche Almdiebin sei. Häufig kamen ein paar Enziangräber aus Schnann, dem Heimatdorf der Magd, zur Almzeit hinauf zur Alperschonalpe und blieben auch einmal länger droben, nachdem die Alpfahrt bereits erfolgt war. Sie brauchten die leere Thaie als Trockenplatz und Niederlage für ihre Wurzelbürden.

Als die Männer nun herab ins Tal und nach Schnann kamen, vorerst nur mit einem Teil ihres Enzianvorrats, so vernahmen sie mit Verwunderung, dass die junge hübsche Sennin verstorben war und sie gerade noch recht kämen um zu ihrem Begräbnis zu gehen. Das taten sie dann auch mit echter Trauer und erst einige Tage später stiegen sie wieder zur Alpe auf, den noch dort oben gelassenen Enzian herab zu holen. Fast war es schon Nacht, als die beiden Männer droben ankamen, da hörten sie, wie sie der Sennalpe sich näherten, wie Schweine zum Freßtrog gelockt wurden, und zwar ganz mit der vertrauten Stimme der verstorbenen jungen Sennin. Und wie sie näher kamen, erblickten sie dieselbe leibhaftig, einen Eimer voll Käswasser in den Händen, aber dabei über und über glühend, in der Thaie herumfahren. Bestürzt standen die Männer und seufzten, da rief ihnen der Geist zu: "Ja, seufzt nur über mich! Ich muss glühen und brennen, bis mein unredlicher Frevel abgebüßt ist bis auf den letzten Heller!" Und verschwand vor ihren Augen mit Geheul und Brandgeruch.
Mythen und Sagen Tirols - Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg (1850)





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