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Eine Adlerjagd in Tirol



adler steinadler
Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay
Im sogenannten 'Sachsen-Gwänd', einer fast senkrecht aufgethürmten Felsenwand bei Elbigenalp, nisten die Adler mit besonderer Vorliebe und gründen sich im unzugänglichen Horst ihr Familienglück. Aus diesem hohen Ansitze sind schon sieben Adler von kühnen Jägern geholt worden und jetzt, nachdem das Adlernest nach zweijähriger Auflassung wieder bewohnt wurde, ist abermals und zwar die 8 Fuß in den ausgestreckten Schwingen messende Adlermutter mit ihrem noch unerzogenen Knirps abgefangen worden. Am 13. d. M., wo bekanntlich die Welt mit Mann und Maus hätte untergehen sollen, begab sich der Büchsenmacher und Jäger Ant. Knittel von Elbigenalp mit seinem guten Spitzkugelstutzen ins 'Sachsen-Gwänd', um wenigstens am Raubritter und seiner Familie den Untergang in Erfüllung gehen zu lassen. Den ganzen Tag über, bis halb neun Uhr Abends stand er mit seiner Büchse auf geeignetem Posten auf der Lauer, als endlich bei einbrechender Dämmerung die Adlerin ins Nest zu ihrem Jungen flog. Obwohl wegen Dunkelheit kaum noch sichtbar, fiel sie doch als Beute der sichern Kugel, die dem edlen Thiere durch den Hals fuhr. Ein Paar Flügelschläge und die todte Mutter streckte zum letzten Male ihre Flügel über ihr Junges. Des andern Tages galt es nun, beide aus ihrem verhängnißvollen Neste zu holen. Zu diesem Zwecke verfügte sich Büchsenmacher Knittel mit seiner 15 Jahre alten Tochter und dem Schützenmeister David Günther an den bezeichneten Ort; da wurde nun die kecke Büchsenmacher-Maid an einem Seile 90 Fuß tief über die Felsenwand hinab zum Neste gelassen, welches etwa 4 Fuß tief im Felsen steckte. Nun wurde zuerst der riesige Adler an ein Seil befestigt und so hinaufgezogen, dann wurde der junge Adler von dem Mädchen in einen Sack gesteckt, welchen sie über den Rücken warf. Die beiden Schützen aber hatten ihre Gewehre zur Hand, um nöthigenfalls den Adlervater abzuwehren, wenn er den Mord und Raub in seinem Hause bemerkend dahergestürmt und das Mädchen bedroht hätte. Als diese aber ihre verwegene Arbeit vollendet hatte, zogen die beiden Männer das Seil an, leider so stark, daß es das Mädchen aus dem 4 Fuß tiefen Adlernest weit in die Luft hinaus riß, und dann wieder an die Felsenwand zurückprellte. Ohne jedoch bedeutend verletzt zu werden, gelangte sie glücklich mit dem zappelnden Adler auf dem Rücken aus der Tiefe an. Sie hatte nur den Moment etwas kitzlich gefunden, wo sie die Felswand mit ihren Händen nicht mehr erreichen konnte und frei in der Luft, 100 Klafter hoch vom Fuße und 90 Schuh vom Scheitel der Felswand entfernt, schwebte.

aus: Fremden-Blatt (Fr. 26. Juni 1857)





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