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Flachsanbau und Leinweberei

im Außerfern und dem Allgäu





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Flachsbearbeitung um 1910 - Brecheln, Schwingen, Hecheln, Spinnen
Flachsbearbeitung um etwa 1910 - Brecheln, Schwingen, Hecheln und Spinnen

Brechelmaschine
Abbildung einer mechanischen Brechelmaschine von 1850
Das vom Klima nicht gerade begünstigte Außerfern hatte in alten Zeiten stets den Ruf eines "harten und rauchen Landes". Über weite zeitliche Abschnitte wirtschafteten die Bewohner am Rande der existenziellen Not, was letztlich eine Menge Kreativität und den Mut zum Risiko forderte.

So wurden bald erste Flächen zum Anbau von Flachs verwendet, einer der ältesten vom Menschen genutzten Kulturpflanzen zur Gewinnung von Naturfasern. Von den Niederungen des Unterallgäus über das Ober- und das Ostallgäu gelangte die blau blühende Pflanze schließlich auch in die Gegend des Reuttener Beckens und sogar in das Tannheimer Tal.

Die Darstellung aber, nach der sich das Allgäu einst als ein von einem blauen Blütenmeer überzogener Landstrich gezeigt haben soll, gilt inzwischen als überholt und unwahrscheinlich. Er dürfte vielmehr der romantischen Phantasie des Schriftstellers Peter Dörfler entlehnt sein und sich durch fleißiges Abschreiben nachfolgender Autoren schließlich zu einer vermeintlichen Wahrheit etabliert haben. Dennoch ist der Anteil an Einkünften aus dem Anbau der Pflanze sicher nicht zu unterschätzen, denn in vielen Urkunden welche beim Verkauf von bäuerlichen Anwesen aus der Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts niedergeschrieben wurden, ist in der Auflistung des Inventars immer wieder auch von Flachsdörren die Rede.

Die Anbauflächen dürften sich Forschungsergebnissen zufolge auf etwa 5 bis 8% der agrarisch nutzbaren Böden erstreckt haben, da die übrigen Äcker dringend für die wenigen Sorten an winterhartem Getreide, Kartoffeln und Gemüse zur Selbstversorgung gebraucht wurden. Im Außerfern ist im Allgemeinen lediglich im Gemeindegebiet von Höfen von einer größeren Menge an angebautem Flachs auszugehen. In den übrigen Gebieten scheint Flachs tatsächlich nur eine eher unbedeutende Rolle gespielt zu haben. Flachs war nicht das Haupt-, sondern nur ein Nebenprodukt eines bäuerlichen Hofes. Die Erzeugung von Leinwand aus Flachs bestand zudem aus vielen Arbeitsgängen und lastete eine Bauernfamilie bereits mit einer Flachsanbaufläche von 1/4 Tagwerk völlig aus.

Ernte und Verarbeitung


Im Frühjahr wurde der Leinsamen ausgesät. Während des Pflanzenwachstums musste das Feld durch das sogenannte Jäten sorgfältig von Unkraut befreit werden. Etwa im August ging man an das Raufen, das heißt die Pflanze wurde mitsamt der Wurzel aus dem Boden gerissen. Das war notwendig, da durch ein Abmähen der Pflanze die eigentlichen Pflanzenfasern zerstört würden.

Durch Schütteln befreite man die Wurzeln von der anhaftenden Erde und legte die Flachsstängel danach stets in eine Richtung zeigend ab. Im nächsten Arbeitsgang band man die Stängel in Bündeln an einen Pfahl, hängte sie an den sogenannten Huanzen auf oder auch in die in der Nähe der Häuser aufgestellten Flachsdörren, wo sie für etwa zwei Wochen verblieben. Während dieser Trocknungszeit riss die verdickte Zellaußenwand auf, woraufhin Mikroorganismen in die Pflanze eindringen konnten.

Nach diesem Trocknungsprozess wurde die Pflanze geriffelt. Das heißt, die Pflanze wird durch eine Art von Kamm gezogen, sodass die Samenkapseln abfallen und aufgefangen werden können um daraus später Leinöl zu gewinnen.

Die Flachsbüschel legte man für einige Tage in Gumpen und Wassergräben (Flachsrotte) ab um sie zu "rösten". Der Begriff rösten leitet sich in diesem Fall von dem germanischen Wort reuta (rotten) ab, was so viel wie verfaulen bedeutet. Tatsächlich bewirken die Mikroorganismen in den Gumpen und Gräben einen Fäulnisvorgang, eine Art der Fermentierung, welche die Pektine (faserverbindende Substanz) im Stängel auflöst und so die Fasern freigibt.

Im nächsten Arbeitsschritt wurden die Bündel wieder in der Sonne ausgelegt, damit die Fasern weiter an Elastizität verlieren um für den nächsten Arbeitsgang wieder besser verarbeitbar zu sein. In der Flachsbreche brach man die Pflanzenstängel durch knicken und pressen unter hohem Druck auf. Die spröden und holzigen Anteile fielen großteils ab und übrig blieb die weichere Faser.

Beim sogenannten Schwingen wurden letzte Verunreinigungen mit dem aus Buchenholz bestehenden Schwingmesser von den Fasern geschlagen. Beim Hecheln zog man schließlich den Flachs durch ein mit mehreren eisernen Zinkenreihen besetztes Hechelbrett. Zuletzt folgte das Ribben, das die Fasern durch ständiges darüberstreichen mit dem Ribbeisen noch weicher werden ließ. Damit waren die aufwändigen und kräftezehrenden Vorarbeiten abgeschlossen und wen wundert es, wenn es da in einer alten Volksweisheit heißt: "Neunmal durch des Menschenhand geht der Flachs."

Linum usitassimum, Gemeiner oder gewöhnlicher Lein

Spinnen


Vorzugsweise in den Wintermonaten ging man daran, die Wocken genannten Flachsballen mit Hilfe des Spinnrades zu Garn zu spinnen. Dies geschah häufig mit mehreren Spinnrädern gleichzeit und nicht selten ergab sich daraus ein gemütliches Beisammensein in der bäuerlichen Stube, dem sogenannten Huagart (Heimgarten), bei dem auch gesungen und musiziert wurde.

"Spinnen und Weben sind fast allgemeine Hausbeschäftigungen. Flachs und Schafwolle wird von den Bauern für ihre Leinwanden und Loden selbst gesponnen. Baumwollspinnereien bestehen nur in Vorarlberg, welches schon 1828 deren 11 besaß, davon eine in Feldkirch mit 11000 Spindeln, und eine in Dornbirn, welche 100000 fl. an Arbeitslohn bezahlt; im Ganzen zählte man 227 Maschinen..."
Tirol und die Tiroler. Ein Handbuch für Freunde dieses Landes und ein Wegweiser für Reisende; Schmidl Adolph (1837)

Leinweberei


Gleich wie schon bei den Alamannen oder gar Kelten zuvor, stand in einem kühlen und feuchten, meist etwas in das Erdreich eingelassenen Raum oder Halbkeller des Hofes der Webstuhl. Die Frühjahrssonne ausnutzend legte man die Leintücher schließlich in der Buand aus um sie zu bleichen.

Ende des Flachsanbaues


Ab 1830 wurden dann immer größere Mengen an Baumwolle aus den USA eingeführt und das zu wesentlich günstigeren Preisen als es bei dem heimischen Flachs oder Hanf der Fall gewesen wäre. Mit dem Niedergang dieser Nebenerwerbsmöglichkeit kam auch die Not in viele Häuser zurück.
Daran konnte auch das Werk des Dr. Johann Dosch aus dem Jahr 1850 nichts mehr ändern, das gleich einem verzweifelten Hilferuf den Titel "Flachs und Hanf-Bau wie er ist, sein könnte und sollte" trug.





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