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Die Pest - Der schwarze Tod

Sterbläufe, Seuchen und Pestkapellen im Außerfern



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Pieter Brueghel der Ältere - Triumph des Todes (1562)


Wiederholt wütet die Pest im 16. und 17. Jahrhundert in Europa und dem Außerfern. Bereits kurz nach Ausbruch der Seuche folgten Panik und Hysterie. Man traf Vorkehrungen, sie erst gar nicht in die eigenen Territorien eindringen zu lassen. An den Grenzen wurde die sogenannte 'Sterbhut' eingerichtet, den Untertanen wurde beispielsweise verboten in vermeintlich verseuchtes Gebiet zu reisen. Auch den durchreisenden Kaufleuten wurde vielerorts die Durchfahrt versagt. In Pinswang etwa wurde die Bruder-Ulrichs-Brücke mit einem versperrbaren Tor versehen und unter Wache gestellt [1].

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der Brotlaibstein am Fernpass
An der Anhöhe des Fernpasses bestand am Verlauf der Strecke das Gegenstück zu jenem Sperrwerk an der Ulrichsbrücke. In einem Artikel in den Innsbrucker Nachrichten vom 14. Juli 1922 lesen wir dazu in einem Beitrag von Karl Deutsch: "...dann treffen wir wieder ein Denkzeichen, das an eine Zeit schwerer Bedrängnis erinnert. Im Felsen zur Linken - nahe an der Grenze zwischen den Bezirken Imst und Reutte - ist ein runder Laib ausgehauen. -- Als die Pest das letztemal unser Vaterland heimgesucht hatte, blieben wohl die Leute vor dem Fern davon verschont, aber umso ärger hauste sie im Außerfern. Um sie von unserer Gegend fern zu halten, war an dieser Stelle ein Wachposten aufgestellt, der niemand herein oder hinaus ließ, bei dem jedoch die vom schwarzen Tod heimgesuchten Außerferner Lebensmittel erhielten, um nicht auch noch neben der Seuche der Hungersnot preisgegeben zu sein weil sie von jedem Verkehr mit der Welt abgeschnitten waren. Und daran, daß sie hier mit Lebensmitteln, besonders mit Mehl und Brot, beschenkt wurden, soll der in dem Stein ausgemeißelte Brotlaib erinnern...".

Außerdem sollte, um Gottes Zorn abzuwenden "die Hurerei, der Ehebruch, das Gotteslästern und das Zutrinken unterlassen, während des Mittagläutens knieend gebetet" und zu dem Kreuzgang, der jeweils am Freitag zur Fernhaltung der Pest in allen Pfarreien angeordnet worden war, aus jedem Haus einen Mann geschickt werden.

Das Jahr 1635 gilt als das an Menschenleben verlustreichste aller Pestjahre. Vom Tannheimer Tal beispielsweise erfahren wir, dass mindestens zwei Drittel aller Einwohner den "Schwarzen Petetschen" - wie die Seuche landläufig genannt wurde - zum Opfer gefallen sind. In Lumberg bleibt gerade mal ein einziger Bewohner am Leben.
Die Tannheimer Pesttoten werden auf Dungwagen geladen und über den 'Schinderwinkel' nach St. Leonhard verbracht, wo sie in Massengräbern begraben werden [2].

Von den Geschehnissen des Jahres 1635 in Tannheim berichtet ein Eintrag des Pfarrers Georg Kotz in der Pfarrchronik: "...von besonderen civilischen Anstalten und medizinischen Vorkehrungen ist nichts bekannt, als daß Totengräber aus der Pfarre Wertach berufen und besoldet wurden, die Toten zu begraben. Weil aber diese Männer von so wenig Zartgefühl waren, daß sie mit den wirklich Toten auch schon Halbtote auf den Totenwagen luden und dem Gottesacker St. Leonhard zufuhren, wie noch bisher von einer starken ledigen Weibsperson erzählet wird, daß sie jammernd unter den Toten lag und ihre starken Haarzöpfe über den Wagen hinaushängte, sind sie abgedanket worden, und die Inwohner übernahmen selbst die Mühe, ihren unglücklichen Mitbrüdern den letzten Liebesdienst der Beerdigung zu erweisen..." [3].

Ein weiterer Ausbruch der Pest fand ab 1708 statt, in unserem Gebiet allerdings nur in geringem Ausmaß. Der Schwerpunkt dieser Pestepidemie lag vor allem in Nord- und Osteuropa, wurde aber wohl über die Handelswege auch bei uns in Einzelfällen eingeschleppt und registriert.




Pestfriedhöfe im Außerfern


Elbigenalp

  • Obergrünau (etwa 150m nordöstlich davon)

  • Grän

  • in der Nähe des Ortsteils Haldensee wird eine im Jahr 1642 errichtete Kapelle erwähnt, 1703 bittet man um Erlaubnis, diesen kleinen, dem hl. Jakob geweihten Kapellenbau zu verlegen. Man möchte sie "...an einem bequemen Ort auf Gemeindegrund im Dorf erbauen... [...] ...Die bei 14 Schuh lange Kapelle soll abgetragen werden, da sie durch etliche böse Leute und das Vieh leidet, auf moosigem Grund steht und nicht viel besucht wird..."

  • Namlos

  • Tottarfald (westlich des Orts)

  • Pflach

  • siehe bei Reutte

  • Reutte

  • Pestkapelle am Steineberg - Hüttenmühle - wohl auch von Pflach genutzt (Pflacher Gemeindegebiet)

  • pestkapelle hüttenbichl reutte pflach


    Schattwald

  • Friedhof bei der Kirche St. Wolfgang - dadurch, dass die Kirche früher frei im Feld stand, scheint der Pestfriedhof mit dem heutigen Friedhof gleich zu fallen

  • Tannheim

  • Totenacker bei der Leonhardskapelle (halbwegs zwischen Untergschwend und Berg)

  • Weißenbach

  • im krummen Ried (an der historischen Salzstraße zwischen Weißenbach und Gaicht)




  • Auszug aus der Sammlung "Oesterreichischer Gesetze und Ordnungen" von 1738


    Wie sich der Beginn der Krankheit abzeichnet


    degenhart hägerau pestkranke pesttote
    die Pestbeulen wurden früher landläufig 'Schwarze Petetschen' genannt
    "...diese höchst gefährliche Krankheit zeiget sich bey seinem Eintritt durch ein Fröstlein und Schauer, worauf gleich Hitze, Kopfwehe, Durst und Drucken um die Brust folget; nach welchen den ersten, anderten, auch dritten Tag an unterschiedlichen Orten als in der Biegung des Unter-Leibes neben der Scham, und den Achseln, oder hinter den Ohren ein, zwey, auch mehrere schmerzhafte länglichte Beulen oder Drüsen mit brennen sich äussern, so zum öftern von Tag zu Tag zuzunehmen pflegen...

    ...dann ein schwarz-brandiges Fleisch zu finden, so nach und nach in Grösse zunimmet, bis es endlich durch Hülf der Natur und Mittel zur Absonderung und Ausfallung gebracht werden könne...

    ...erscheinen vielfältig rothe, aschenfarbe oder schwarze Petetschen, welche ganz kleine rund und ebene Flecklein vorstellen, aus solchen entspringen hernach jene grosse schwarze Flecken...

    ...alle aber beklagen sich über die ungemeine Mattigkeit, mit welcher sich öfters gleich zum Anfang ein starkes Nasenbluten und feurige Augen vereinigen; wo hingegen manche mit starkem Erbrechen oder Durchfall, mit Reissen in den Gliedern, Trockne der Zunge, und unauslöschlichem Durst..."


    Wie sich die Krankheit verbreitet


    "...daß dieses Übel von Zeit zu Zeit, nach gestalt der Witterung und der Winde, die Leute mehr und weniger ergreiffe...

    ...daß aber dieses Seuch-Übel die Menschen so unterschiedlich, und durch so widerstrebende Zufälle angreiffe, ist der Eigenschaft der Natur, dererselben Geblüt und Säften zuzuschreiben; indem ein jeder durch vorhergehende Lebens-Art an Luft, Speis, Trank, Bewegung und Gemüths-Anliegenheiten, gleich in den Lebens-Geistern..."


    Wie man sich vor der Krankheit schützen kann


    "...auch zu vermeiden, durch Speiß und Trank, weder an derselben Eigenschaften, noch an Uberfluß einen Fehler zu begehen...

    ...anbey ist der Leib, wo nicht täglich, doch wenigstens über den anderten Tag, in Ansehen der zu sich genommenen Nahrung, genugsam offen zu halten...

    ...nebst diesen müssen alle Gemüths-Beschwerden hindann gesetzet, hingegen aber eine trostreiche und Hofnungs-volle Frölichkeit gepflogen werden...

    ...es können auch hierzu dienen einige in Pest-Eßig gebeizte Wacholder- oder Kranabet-Beeren...

    ...hingegen erachtet man alle [...] Speisen und Getränke, als da ist vieler und starker Wein, Brandwein, Rossoli, Caffee, Gewürz, Knoblauch und Zwiebel, oder auch Arzneyen von dergleichen Würkung höchst schädlich. Ausserlich aber, besonders da man mit angesteckten Personen umzugehen hat, ist gut die Pulsen mit Pest-Eßig und ein wenig Kampfer-Geist zu bestreichen, auch kan man solches, um es öfters vor die Nasen zu halten, in einem Schwämmel bey sich tragen...

    ...die Zimmer können zum öftern des Tages mit Wacholder-Holz, ein wenig Schieß-Pulver oder auch Pest-Eßig beräuchert werden; nicht weniger kann auch das hellbrennende Feuer in den Caminen seinen Nutzen verschaffen...

    ...endlich wird für die beste Bewahrung die Entfernung und Absonderung angesehen, womit man nicht allein die angesteckten Menschen, Kleider und Gift fangende Waaren und Haus-Geräthschaft, sondern auch die von der Seuche schon angegriffenen Oerter selbst nach Möglichkeit und Zulassung der Umstände fliehe; und ist mithin nicht genug, die Kranken aus dem Haus zu bringen, sondern solle ein jeder Vorsichtiger, und für seine Gesundheit Sorgender ein solches Haus selbsten meiden, und jenes, bis es nicht der vorgeschriebenen Ordnung nach gereiniget worden, nimmermehr betreten..."







    Von Hans von der Trisanna

    Im 14. Jahrhundert wurde Europa vom „schwarzen Tod" heimgesucht und es sollen der furchtbaren Gottesgeißel etwa 25 Millionen Menschen erlegen sein. Auch in den folgenden Jahrhunderten wurden die europäischen Länder von diesem Würgengel wiederholt arg bedrängt. Das Volk stand in ohnmächtiger Verzweiflung diesem fürchterlichen Feinde gegenüber. Allgemein wurde die schwere Heimsuchung als eine Strafe Gottes angesehen und man nahm zu den überirdischen Gewalten seine Zuflucht. Dies äußerte sich in den sogenannten Flagellantenzügen (Geißlerfahrten), verschiedene Heilige wurden als Pestpatrone angerufen, Bittgänge und andere Gelübde wurden gemacht, um den erzürnten Gott zu versöhnen, der nach der Meinung des Volkes die giftbringenden Pfeile aus den Wolken schleudere. Zahlreiche Votivtafeln bringen diese Volksmeinung zum Ausdruck, Den Pfeil als Symbol einer Seuche finden wir schon im altgriechischen Heldengedicht Ilias. Die Menschen versahen sich mit Amuletten, Sebastianspfeilen und gedruckten Pestschutzbriefen, veranstalteten Pestprozessionen und errichteten Kapellen und Bildstöcke zu Ehren der Schutzheiligen gegen die Pest. In den Alpenländern verehrte man bis zu 60 Pestpatrone. Im Oberinntal und im übrigen Tirol wurden als solche besonders der hl. Sebastian, Rochus und Pirmin um Hilfe angerufen.

    Im Oberinntal und Außerfern wütete die Pest am heftigsten zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Spanische Kriegsvölker zogen durch das Oberinntal und über den Fernpaß nach Deutschland, im Oberinntal und Vinschgau lagerten viele Truppen und durch sie wurde die Krankheit eingeschleppt. Im Jahre 1611 und 1612 trat in dieser Gegend die Pest da und dort auf, aber ungleich stärker wütete die gefürchtete Seuche 1634 bis 1635. Die Erinnerung an sie hat sich bis heute im Volksbewusstsein lebhaft erhalten und wir finden in der Nähe der Ortschaften noch viele Denkmale, die an diese grauenvolle Zeit gemahnen. Es sind dies Kapellen, Pestfriedhöfe und Bildstöcke.

    Südöstlich vom alten Knappendorf Biberwier, im Waldesdunkel, steht auf einer kleinen Anhöhe die zu Ehren des hl. Sebastian und hl. Rochus geweihte Kapelle „auf der Geißel". Sie wurde nach der Pest des Jahres 1611 erbaut und 1625 geweiht. Kennzeichen des Kirchleins ist der nördlich angebaute Turm, der schon im untersten Geschoß ins Achteck übergeht und durch eine Haube bekrönt wird. Unter der Josefinischen Regierung wurde das Kirchlein gesperrt und an einen Privaten verkauft. Anfangs des vergangenen Jahrhunderts durfte es wieder geöffnet werden. Nach dem Kriege wurde es stilgerecht renoviert.

    In dem im weiten Talkessel gelegenen Ehrwald soll 1634 die Pest arg gehaust haben. Die Dorfbewohner wollten damals einen Bittgang zum Gnadenorte Seefeld unternehmen. Die Leutascher erfuhren davon und wollten die Einschleppung der gefürchteten Krankheit mit allen Mitteln verhüten. Als die Ehrwalder durch das Gaistal zogen, stellten sich ihnen die Leutascher bewaffnet entgegen und wollten ihnen den Durchzug verwehren. Es wäre bald zu einer blutigen Auseinandersetzung gekommen, wenn nicht der Seelsorger von Ehrwald seine Pfarrkinder zur Umkehr bewogen hätte. An dieser Stelle erbauten dann die Ehrwalder die durch die Erzählung unseres heimatlichen Schriftstellers Praxmarer „Die Pestkapelle im Gaistals" berühmt gewordene Kapelle. Die vorerwähnte Begebenheit zwischen Ehrwaldern und Leutaschern ist durch ein altes Bild in der Pestkapelle dargestellt. Das Heiligtum ist 1929 über Anregung des Vereines für Heimatschutz in Tirol vor dem Verfall gerettet und sein Altarbild, das den so jäh unterbrochenen Wallfahrtszug darstellt, durch Professor F. Burger ausgebessert und aufgefrischt worden.

    In Lermoos soll die Pest auch ihre Opfer gefordert haben. An sie erinnert die Stelle eines ehemaligen Pestfreithofes im Oberdorf mit einer Kapelle aus Holz. In der Nähe des stattlichen Marktes Reutte befindet sich auf dem Wege nach Breitenwang die den Heiligen Sebastian und Rochus geweihte sehenswerte "Feldkapelle". Die Zeit ihrer Erbauung ist nicht genau bekannt. Über der Tür ist die Jahreszahl 1526 eingemeißelt. In ihrer jetzigen Gestalt stammt sie aus dem 17. Jahrhundert. In der Gegend von Reutte herrschte der "schwarze Tod" besonders stark im Jahre 1611. Die Gemeinde Reutte machte das Gelöbnis, die schon bestehende Kapelle umzubauen, zu vergrößern und den genannten Pestheiligen zu weihen. Dies geschah im Jahre 1619; Turm und Glocken erhielt das Kirchlein 1672. Die Gemeinde beschloss als zweites Gelöbnis, alljährlich eine Wallfahrt nach dem berühmten Kloster Ettal zum Danke für das Erlöschen der Seuche zu unternehmen. Sie stiftete für die Abteikirche zwei große, prachtvoll gearbeitete Messingleuchter. Bei Aufhebung des Klosters kamen diese wieder nach Reutte zurück und wurden in der Pfarrkirche zu Breitenwang aufgestellt. Später unterblieb die Wallfahrt, wurde aber vor einigen Jahren wieder aufgefrischt. Die an der Pest Verstorbenen brachte man in die Nähe der "Hüttenmühle" am Steineberg, zwischen Reutte und Pflach. Hier bestand einstmals, als der Bergbau am Säuling blühte, ein Schmelzwerk. Später entstand an dessen Stelle eine Mühle, daher ihr Name. Hier wurde der Pestfriedhof angelegt und es heißt dort heute noch "d' Freithöfle". Die Ruhestätte wurde mit einer Kapelle versehen und mit einer Mauer eingefriedet. Als im Jahre 1832 die Cholera Europa heimsuchte und auch in Tirol da und dort austrat, ließ die Pfarrgemeinde Breitenwang die Kapelle durch einen Anbau vergrößern.

    Auch das Tannheimer Tal weist zwei Erinnerungsstätten an die Pestzeit auf, nämlich die Sebastianikapelle im Weiler Berg und die 1635 nach einem Gelöbnisse der heiligsten Jungfrau geweihte Kapelle in Oberhöfen, beide im Gemeindegebiet von Tannheim.

    aus Innsbrucker Nachrichten, vom 26. September 1936

    Einzelnachweise


    1. | 900 Jahre Pinswang - Das Dorf an der Grenze (S. 88)
    2. Geschichte der Pfarre Tannheim - Alfons Kleiner (S. 26)
    3. Geschichte der Pfarre Tannheim - Alfons Kleiner (S. 86)


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