Montag - 16. Sep. 2019


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Die Christnacht-Erscheinung




Einst ging in der heiligen Christnacht, als schon tiefer Schnee lag, ein Mann von Unterjoch her, der Wartacherbrücke zu. Wie er dieser nahe kam, so hörte er plötzlich aus allen Zweigen, in allen Hecken und Büschen, und auf allen Bäumen und Sträuchern einen wunderbaren Vogelsang aus tausend Kehlen, wie am schönsten Frühlingsmorgen; dabei konnte er die Vogelarten, Lerchen, Amseln, Buchfinken und Meisen deutlich unterscheiden. Das Alles, wie begreiflich, erfüllte den Mann mit mächtigem Staunen; denn er sah nichts als blätterloses, mit Schnee bedecktes Gezweig in heller Mondnacht. Auf einmal ließ sich von Ferne wunderbares Schellengeläute vernehmen, und blitzschnell kam es heran — ein Schlitten war's, welcher gold- und silberfunkelnd daher fuhr, mit zwei Riesenhirschen bespannt und mit silbernen Schellen (Rollen) behangen, die ausnehmend lieblich klingelten. Im Schlitten aber saß ein hagerer blasser Mann, mit kreuzweise übereinander geschlagenen Armen, der auf dem Haupt ein Barett trug und schwarz gekleidet war. Der Michl, so hieß der Mann, der in Höfen daheim war, konnte kaum Alles anschauen; denn im Nu war Alles vorbei, und verschwunden war der Glanz und verstummt war der Vogelsang. Und wenn der Michl nicht so sehr gefroren hätte, er würde alles für einen Traum gehalten haben, weil auch kein Schlittenbahngeleise und kein Fußtritt der Hirschen zu sehen war, sie waren über den Schnee nur hingeflogen. Jetzt gedachte der Michl, dass der Sang der Vögel vielleicht dem neugeborenen Weltheiland gegolten habe, aber den Schlitten, die Hirschen und den blassen schwarzen Mann, die wusste er nicht zu versorgen, will sagen, zu deuten. Er eilte so schnell er konnte heim, und kam just an, als die Christnacht-Mette begann. Auch Andere haben in der heiligen Christnacht in jener Gegend ähnliche Erscheinungen wahrgenommen.
Deutsche Alpensagen - Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg (1861)





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