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Tiroler Orts- und Flurnamen aus Pflanzenbezeichnungen

von Professor Dr. Helmut Gams



Aus: Innsbrucker Nachrichten vom 27. Nov. 1937
"...wie in allen Waldländern ist auch in Tirol ein großer Teil der Orts- und Flurnamen von Pflanzennamen, besonders von Baumnamen abgeleitet. Bei ihrer Deutung begegnen uns neben den durch die Ueberlagerung verschiedener Sprachschichten entstandenen Schwierigkeiten noch die weiteren, daß viele der verbreitetsten Pflanzen selbst in der gleichen Sprache und Mundart verschiedene Namen tragen, während umgekehrt derselbe Name (wie Faulbaum, Moosbeere, Speik, Gamskreß) in verschiedenen Gegenden für ganz verschiedene Pflanzen gilt. Die Umformunq geht oft so weit, daß selbst gewiegte Sprachforscher nicht entscheiden können, aus welcher Sprache die betreffenden Namen stammen. Viele solche Sprachrätsel können nur in gemeinsamer Arbeit von Sprach-, Geschichts- und Naturforschern gelöst werden. Festen Boden gewinnen wir erst, wenn neben Karten der Orts- und Flurnamen auch solche der heute noch lebenden Sachwörter wie auch der heutigen und früheren Verbreitung der betreffenden Lebewesen vorliegen. Aus dem übergroßen Material, das sich schon heute aus den Alpenvereinskarten und Flurnamensammlungen entnehmen läßt, kann hier nur eine ganz kleine Auswahl geboten werden.

Von der Fichte und Tanne sind nicht nur Namen wie Feuchten, Fiecht und Tannheim abgeleitet, sondern auch solche wie Rontal und Durrach, sind doch Ronen und Durchen (Durren) alte Namen für Baumleichen. Besonders viele Namen haben die Föhrenarten: So heißt die Waldföhre Forche, Ferche (daher Forchet, Forchach), Kiene (daher Kienleiten, aus Kienföhre, Kiefer), die aufrechte Bergföhre Spirke, die Legföhre im Westen Arle (daher der Arlberg), im Osten Lecker und Latsche. Dazwischen haben sich vorrömische Namen erhalten: Zunter (Zunterköpfe, Zunterkampl, usw.), Zetten und Zotten, im Außerfern und Allgäu Taufern, im Pustertal Reischen, in den Dolomiten Migen (ital. mughi, daher Mugoni). Auch die Zirbe (Zirme, Zirsche, Cembra) und Lärcha (Larix) tragen vorrömische, in vielen Ortsnamen enthaltene Namen.

Neben vorrömischen und deutschen Namen finden sich in fast allen Teilen Tirols auch Reste der romanischen: so als Ableitungen von Pinetum (Forchet) Pine, Pineid und Panid, von Laricetum und Laricinum (Larchet) Laret, Larsec und Larein, von Roburetum (Eichat) Rovereto, Rafreid usw. Manche solcher Namen sind in Form ladinischer Hof- und Familiennamen nach Nordtirol gekommen, so Pitscheider (Feichter), Ladscheider und Lardschneider (Lärchwalder, Larchwieser), Vieider (Buchholzer). Die Zirbe, Tanne, Eibe, Buche und Eiche sind in vielen Alpengegenden stark zurückgegangen, so daß von ihnen abgeleitete Namen auch Orte bezeichnen, wo sie heute nicht mehr oder nur noch vereinzelt wachsen. Der größte Teil des Absamer Eichat ist heute Föhrenwald. Von den Buchen, nach denen der Berg Isel einst Mons Fageti genannt wurde, sind nur noch spärliche Reste erhalten: die Tannen des Paschbergs, an die Tantegert (wohl Tannet-Egart) erinnert, sind ganz verschwunden.

Oft entstehen aus verschiedenen Wurzeln ganz ähnliche Namen. So steckt in Nassereit am Fern ein alter Eibenname, in Nasserein am Arlberg eher Acerinum = Ahornbach. Bei den vielen Aschau und Aschbach ist zu prüfen, ob sie von der Eiche oder Asche kommen, bei den Birbergen und Bierbichlen, ob Birken oder Birnen drin stecken. Aspach am Höttinger Berg kommt von Asp-Buech. In den verschiedenen Karneid und Garneid steckt teils ein Cornetum (Hartriegel- oder Gurnellengebüsch), teils ein Carpinetum (Hagebuchen oder Hopfenbuchen).

Die häufigen Alber-Namen, wie Alfreid, Alpreid, Alfarei und so weiter sind zumeist von Pappeln abgeleitet. Weiden heißen Wied, Salche (die größeren, breitblättrigen) und Felbern (die schmalblättrigen), daher das Felbertal mit dem Felbertauern. Besonders viele Namen gehen auf die Hasel zurück, neben Haslach, Haselstauden auch viele Ableitungen der beiden alten Namen, welche die wissenschaftliche Bezeichnung Corylus avelanna abgegeben haben; zu Corylus oder Colyrus gehören Glurns und Goldrain im Vinschgau. Kollreid im Pustertal, Coldred bei Kals, zu avelanna Vilneid, Valneid usw.

Die noch verbreiteteren Erlen haben nicht nur Erlauen und Erlspitzen, sondern auch Ellböden und Oelgruben den Namen gegeben. Die Grün- oder Almerle heißt vielfach Laub schlechthin, in den Westalpen Trose, Druse (daher die Drusenfluh), in den Ostalpen Lutern (daher die Lottergrube im Voldertal) und Abfaltersstauden (daher wohl Abfaltersbach). Ihr keltischer Name verne ist häufig in den Westalpen, aber auch in Süd- und Osttirol vertreten.

Die vielen Rosengarten sind nur zum Teil von Hecken- oder Alpenrosen abgeleitet; manche erinnern an früheren Bergbau oder an Schlachten. Die Eberesche, Vogel- oder Faulbeere heißt auch Mostbeere und in Südtirol Moschen, was mehrfach als Bergname auftritt. Namen wie Elexen, Alexen (in den Westalpen Aletsch, daher der Name des längsten Alpengletschers) bezeichnen die Traubenkirsche, Elzenbaum, Elsbaum usw. wohl zumeist die in Südtirol weit verbreitete Elsbeere. Nicht alle Baumgarten (Bangert, Pongert usw.) tragen oder trugen Obstbäume und auch die von solchen abgeleiteten Namen sind oft nicht sicher zu erkennen, da der alte Name des Apfelbaums Apfalter besonders in Osttirol auf die Grünerle übergegangen ist und die Birnnamen oft nicht von Birkennamen zu unterscheiden sind. Die Birnlücke gehört nicht dazu! Eindeutig sind dagegen die Kirschennamen: Kirschental, Kerschbaumen usw. Von Pfirsich und Marille, Nußbaum und Kastanie (Kesten oder Keschten) abgeleitete Namen sind natürlich besonders in den Südalpen zu suchen. Weinberge und Hopfgarten sind auch in den Nordalpen sehr verbreitet und an vielen Orten Zeugen verschwundenen Anbaus.

Unter den Heidesträuchern sind die Wacholderarten in Tirol besonders häufig, wie die verschiedenen Kranebitten und Sefenwände, Sefelkogl usw. bezeugen. Schon Kaiser Max nennt solche vom Hechenberg und aus der Umgebung Landecks. Aus einem Sevischrofen in Vorarlberg hat ein Topograph Seefisch-Schrofen gemacht! Im Osten heißt der Sevenstrauch auch Sensten, welcher Name auf die ähnliche Besenheide übergegangen ist. Meist wird diese nicht von der winterblütigen Erika unterschieden. Für beide gelten Hoadn, Hoadara und der keltische Name Bruech, der nicht nur in den Süd- und Westalpen bis Vorarlberg sehr verbreitet ist, sondern auch in Kärnten, Ost- und Nordtirol (so über Mühlaa) als Flurname erhalten ist. Von den vielen verschiedenen Namen der kleinen Beerensträucher ist Granten als Flurname besonders häufig. Auch das Martelltal ist nach der Preißelbeere benannt. Die Alpenrosen haben viele Namen mit anderen Klein- und Zwergsträuchern gemein. Almrausch und Rauschkraut (daher der Rauschbrunnen) ist meist die behaarte Alpenrose. Immergrün schmückt viele Hügel des Unterinntals, so die Singrünburg im Vomperloch und den Singrünbühel bei Mühlau.

Für Wiesen gibt es vielerlei Namen, wie die vom altgermanischen Wang und vom lateinischen Pratum abgeleiteten. Den vielen Reut-, Raut-, Ried-, Schwend- und Brandnamen schließen sich auch die Issen an. Von den vielen Wiesengräsern oder Schmelchen werden nur wenige besonders hervorgehoben, wie die Kühschmelchen oder Ritsch und gewisse Hainsimsen oder Marbl.

Die niedrigen Alpengräser heißen einfach Graslen (so die Hintergraslen auf Gletscherinseln des obersten Oetzales) oder Fax, eines der berüchtigsten Weideunkräuter Bürstling, welcher Name an nur allzuvielen Bergweiden haftet wie auch das entsprechende Setole in Welschtirol. Die verschiedensten Schmetterlingsblütler, wie sie in den Zentralalpen besonders auf besseren Böden auffallen, werden als Klee zusammengefaßt, daher die Kleegrube im Zillertal, der Kleesattel in Schnals usw.

Ueberdüngte Weideböden erscheinen als besonders fett, daher die Geil- und Feistalmen, Kot- und Schmalzgruben. Die auf ihnen wuchernden großblätterigen Hochstauden heißen im Westen Blaggen (Blackenwaid am Arlberg), sonst Pletschen, Bletzen, weiter östlich Blotschen, Blutschen. Die wichtigste Art ist der Alpenampfer, die Butter- oder Fobispletschen oder Foißn. Von seinem antiken Namen Iapathon leiten sich viele Welschtiroler Namen wie Lavazzi und Lavazze ab, vielleicht auch Lafatsch, ähnliche Namen auch von Kletten (lappa) und Disteln. Auf die an ähnlichen Orten wuchernden Brennesseln gehen die verschiedenen Nößlach und Nesselraine, sowie die ladinschen Ortise und Ortisei (St. Ulrich in Gröden) zurück. Die "Farbentäler" des Gnadenwaldes und andere "Farmtäler" sind natürlich Farntäler, ebenso Filisun bei Flirsch und Folgaria (Filicaria). Die in den Nordalpen so zahlreichen Ramsauen haben ihren Namen vom Bärlauch, manche ähnliche Namen der Zentralalpen dagegen von Geröllhalden.

Von den vielen allgemein bekannten Alpenpflanzen kommen auffallend wenige in Orts- und Flurnamen vor, am häufigsten wohl der Speik. Die Speikböden der Tiroler Zentralalpen sind durchwegs nach dem blauen Speik, die der Niedern Tauern dagegen nach dem echten oder gelben Speik benannt. Die meisten Edelweißnamen sind wohl ganz jung. Das zum Lechtal mündende Madautal hat seinen Namen wohl vom Madaun oder Mutternkraut.

Nicht alle Rohrorte tragen Schilfrohr, so der Obernberger Rohrsee nur Blasenseggen. Im Süden entsprechen den Rohrnamen Cane, Canezei usw., den Riedern und Lieschen (Cariceta) Cares und Carezza (Karersee?). Als Kressen werden nicht nur scharfschmeckende Kreuzblütler, wie Brunnenkresse und bitteres Schaumkraut (daher Krößbach im Stubai und Kressenboden am Arlberg), sondern auch Hahnenfußarten bezeichnet (Gamskreß).

Kulturgeschichtlich besonders interessant sind viele Felder- und Campusnamen, von denen manche an längst verschwundene Kulturen erinnern, so Gampelegann in Hötting und Dinkeleben bei Kals an den Dinkel oder Emmer, Sirchhof bei Bozen an den Sirch (Mohrenhirse), Linsegg bei Kitzbühel und Entiklar bei Kurtatsch an die Linse. Wie der Majoran (Gaßlaun, Faßlsun) auf die Seiseralm (Faßlsun-Schweige) gelangt ist, ist ein Rätsel.

Von blütenlosen Pflanzen kommen am häufigsten Moose in Ortsnamen vor. Von Torfmoosen werden sogar bestimmte Arten unterschieden (Rotmoos, Knotenmoos am Salten). Manche Rot- und Faulmoose, Tuftbachlen und Blutseen sind sogar nach noch unscheinbareren, aber bei massenhaftem Auftreten auffallenden Algen und Bakterien benannt..."





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