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Lose Beiträge zur Heimatkunde von Außfern

Zusammengetragen und verfasst von dem Historiker und Gymnasialprofessor Dr. Karl Lechner



Entnommen aus einer Reihe des Allgemeinen Tiroler Anzeigers (1925 und 1926); zusammengetragen und verfasst von Dr. Karl Lechner

"Wenn wir zu Fuße über den Vern (ich schreibe mit Absicht so) durchs sogenannte 'Zwischentoren' nach Reutte wandern, fällt vor allem auf, daß ganz im Gegensatze zu dem sonstigen Burgenreichtum Tirols hier jede Spur von einer Burg fehlt, (denn Ernberg war nicht eine Burg, sondern eine Veste) und doch wären passende Oertlichkeiten hiefür vorhanden gewesen. Das mußte seinen Grund haben und den sehe ich darin, daß zwischen Vernstein und Ernberg, also 'Zwischen den Toren' für einen Raubritter nicht mehr viel herausschaute, da das Gebiet in älterer Zeit naturgemäß viel dünner besiedelt und eben deshalb eine Burg schwerer durch Robotleistungen zu erbauen und zu erhalten war.

Rücksichtlich der Siedelungen haben wir es hier ausschließlich mit Namen deutscher Herkunft zu tun (obwohl verbissene Keltomanen sogar Büchelbach als keltisch zu erklären sich erkühnten) und ist daher das Alter der Dorfschaften ein relativ geringes; vorrömische und römische Ansiedlungen sind bis jetzt nicht gefunden, wohl aber haben die Römer der Kaiserzeit eine Straße in diesem Gebiete nach Augsburg gehabt.

Und weil es heute nicht mehr allgemein bekannt sein dürfte, mag nebenbei erwähnt sein, daß bis weit ins 18., zum Teil sogar ins 19. Jahrhundert, die kirchliche Zugehörigkeit eine andere war als heute, wo das ganze Gebiet zum Dekanat Breitenwang gehört, während früher Biberwier, Lermoos, Erwald, Berwang und Nambles, von mir absichtlich so geschrieben, zum Dekanat Imst zählten. Kirchliche Zugehörigkeit ist stets aus alter Zeit und man geht daher in der Annahme nicht fehl, daß dem Vorstoß der Besiedler vom Lech her ein Gegendruck vom Inntal her sich entgegenstellte, weshalb der Vern auch in gewissem Sinne, eine Scheidelinie bildet zwischen ehemals romanischer und deutscher Besiedelung, allerdings mag daß jetzt ungefähr anderthalb Tausend Jahre her sein.

Daß Namen von Ortschaften in dieser Gegend uns entgegentreten, dürfte erst um das Jahr 1300 herum der Fall gewesen sein. Biberwier war ein landesfürstlicher Hof, aus dem die Ortschaft späterhin erstand, Erwald finde ich 1317 erwähnt, weil der Richter von Prutz, Rudolf, der damals die Burghut im 'Schlosse' Loch oberhalb Unter-Pinswang inne hatte, für ein ihm auf dem Wege Zugrunde gegangenes Pferd 24 Pfund Berner angewiesen erhielt. Nach dieser Notiz muß man schließen, daß damals der Straßenzug von Biberwier nach Erwald und erst von dort nach Lermoos führte. Noch Jahrhunderte später hieß die Ansiedelung 'im Erwald', so daß kein Zweifel darüber bestehen kann, daß der Name derselben vom Walde, der über den Wiesen auch heute noch an­steigt, den Namen führt. Gleicher Herkunft ist der Name der Veste Ernberg (die Schreibung Ehrenberg ist neuer Herkunft) und des Dörfchens Ernbühel, denn auch die Schreibung Ehenbühel stammt aus später Zeit. Leider habe ich vor zirka 40 Jahren den Namen Erwald auch als Erlenwald zu deuten gesucht, was ich heute als durchaus unrichtig bezeichnen muß. Im bayerisch-österreichischen Sprachgebiete gibt es viele Arnberg, Arnpach, Arntal, Arnfels in Ulten, einen Arwald, u.s.f. Das bayerische a wurde im schwäbischen Dialekte meistens zu e, wie ja der Alemanne Vorarlbergs und darüber hinaus ins schwäbische Sprachgebiet seage = sagen, schleage = schlagen, Endres = Andreas, Bertel = Bartel, Mertl = Martl usw. gebraucht und so wurden die vorstehenden drei Namen zweifelsohne statt eines bayerischen Arwald, Arnberg und Arnbühel, mit dem alten deutschen Worte Ar = Adler im Stamme gleich, weiterhin gebraucht.

Lermoos tritt uns als öfter benützte Nachtstation reisender Fürstlichkeiten jener Tage entgegen, welche die nächste Nachtruhe im Kloster St. Mang in Füssen verbrachten. So wurde z.B. im Jahre 1328 für Auslagen der Gemahlin Heinrichs, Grafen von Tirol, Herzogs von Kärnten und Titularkönigs von Böhmen und Polen, an den Ritter Heinrich v. Starkenberg bei Imst 50 Pfund Berner bezahlt und sie selbst gab dem Ch. von Lermoos 5 Pfund für das Kloster St. Mang in Füssen. Es handelte sich bei solchen Reisen der Fürstlichkeiten nicht immer um geringfügige Beträge. So wurden z.B. im Jahre 1316 für den erwähnten 'König' Heinrich für Auslagen in Lermoos und in Füssen zwei Fuder Wein, und für Kirchenbedürfnisse, Wein und Brot, 12 Mark Berner vergütet, 12 lebende Rinder und 105 Schafe gestellt und im gleichen Jahre wurde einem Bürger Metz in Kempten eine Schuld desselben Landesfürsten von 60 Pfund und dem Heinrich Hirschberg, der Auslagen 'König' Heinrichs bei einem Füssener Bürger Nikolaus Sparhelblinch bestritten hatte, 30 Pfund Berner ausbezahlt.

Auf die zahllosen Bestimmungen wegen des Rodfuhrwerks in diesem Gebiete komme ich vielleicht ein andermal zu sprechen, heute möchte ich nur einige kulturgeschichtliche Angaben mitteilen.

In Biberwier, nichts anderes als eine (schwäbische) Wiere oder(bayerische) Wuhr, in deren Nähe sich Biber aufhielten, mag dieselbe sich wohl dort befunden haben, wo noch vor rund 50 Jahren die Sensenschmiede des 'Schmitte Hens' (nicht bayerisch Schmittehans) mit dem Familiennamen Schönherr stand und heute das Elektrizitätswerk steht. Unser rühmlichst bekannter Dramatiker Karl Schönherr ist zwar als Sohn eines Dorfschullehrers in Axams, Hausnummer 85, geboren, seines Vaters Heimat stand meines Wissens in einem Weiler der Pfarre Obsteig; ob er mit den Trägern seines Namens in Biberwier verwandt ist, weiß ich nicht, aber auffallend bleibt immerhin, daß in einem seiner Stücke die Hauptgestalt den Namen Grutsch führt und Träger dieses Namens Grutsch auf dem Friedhofe in Biberwier ruhen. Dieser Familienname geht übrigens auf ein Alter zurück, um das ihn gar viele Adelsfamilien beneiden dürften, denn schon 1313 tritt uns ein Angestellter des aus dem schwäbischen Lechfelde stammenden und im Lechtal und Oetztale begüterten Rupert Lechsberger des Namens Grutsch entgegen. Es wäre auch einer näheren Untersuchung wert, ob nicht auch die Ahnen des einstigen Archivars und Kunsthistorikers David Schönherr, dessen Geburtshaus, das Kordonistenhaus am Passe Kniebis, längst zerfallen ist, in Biberwier beheimatet waren; der Name Schönherr kommt schon in früheren Jahrhunderten in der Hippacher Pfarre Zillertals, als der von Schmieden vor und das waren auch die Schönherr in Biberwier, deren Vaterhaus später zu einem Gasthause sich erhob. Das Gewerbe, seiner Zeit guten Ertrag und Lebensunterhalt gewährend, ist schon vor Jahren eingegangen wie das des Sensenschmiedes 'Romanes' in Erwald.

Das Dorfbild von Biberwier hat sich trotz eines größeren Brandes in den letzten 50 Jahren nur wenig verändert, aber die weiten Remisen der zwei Gasthäuser stehen heute nur mehr 'en miniature' da, weil der einstige gewaltige Straßenverkehr sehr klein geworden ist und sie daher nicht mehr Verwendung fanden. Da war zuerst das Gasthaus zum Löwen der durch Oberinntal weit verbreiteten, außer in Biberwier besonders noch in Nassereit und Haiming begüterten Familie Sterzinger gehörig, ein viel bekanntes und trefflich geführtes Fuhrmannswirtshaus. Eine Linie der Familie Sterzinger wurde im Staatsdienste geadelt und hatte um die Mitte des 18. Jahrhunderts in dem 'Landes-Protomedikus' (heute würde man Landes-Sanitätsreferent sagen) Nikolaus v. Sterzinger ihren Hauptträger, dessen Sohn Anton Peter Regalat ein halbes Wunderkind gewesen zu sein scheint, denn er wurde schon mit 16 Jahren Doktor der Philosophie, war später Direktor des Mitteschulwesens in Tirol und starb als Dekan und Pfarrer in St. Pauls in Eppan am 4. Jänner 1809. Die Sterzinger waren seinerzeit als Wald- und Holzmeister wie die Hirn zu vermöglichem Wohlstände gekommen.

Das nächste hübsche Bauernhaus besaß laut einer unter dem Dachfirst auf einem Querbalken eingeschnittenen Inschrift ein Seilermeister Roschmann; war auch ursprünglich die Familie aus Schwaben zugewandert, so hatte sie doch in Diensten des alten Kaiserstaates sich in Tirol festgesetzt, hatte im weltlichen und geistlichen Stande ihre Vertreter und war eine Linie im Jahre 1784 in den Adelsstand mit dem Prädikate 'von Hörburg', ihrer ursprünglichen schwäbischen Heimat, erhoben worden.

Weitergehend kam man einst zum Bierwirt, wo vor bald hundert Jahren Nachkommen des in der Totenkapelle zu Breitenwang beigesetzten Zöllners auf Ernberg, Ignaz Pfaundler, hausten, dessen Ahnen einst in Innsbruck als Goldschmiede ansässig waren; auch dieser Familie gehörten rühmlichst bekannte Gelehrte und Staatsbeamte an.

Das Gasthaus am untern Ende des Dorfes war im Besitze einer Familie Luttinger, aus welcher die alten Leuten noch sicher in bester Erinnerung lebende ehemalige Mohrenwirtin in Reutte stammte, deren Nachlaß in größerem und kleinem Silbergelde auf einem Schubkarren ins Steueramt als Depositenamt gebracht wurde.

Die ehemalige Holz- und Beindrechslerei, die Holzpfeifen und Pfeifenspitzen, sogenannte 'Pfeifenbiß', herstellte, scheint ganz eingegangen zu sein.

Die nächste Ortschaft Lermoos wird hoffentlich rücksichtlich des Straßenverkehrs und mit Biberwier rücksichtlich des Bergbaues in einem späteren Artikel zur Sprache kommen; sie hat sich seit ungefähr 50 Jahren mehrfach verändert, aber nicht verschönert, da die Um- und Neubauten wenig in die Landschaft passen; wie prächtig stand das Wirtshaus 'Zum Anwalt' da, das daraus entstandene Hotel 'Drei Mohren' ist vom Standpunkte der Heimatskunst ebensowenig wie das modernisierte einstige Brauhaus dem alten Tiroler Stil gerecht geworden. Zu einer gewissen Blüte dürfte die Ortschaft erst seit der 1569 erfolgten Erbauung eines Salzstadels und damit einer Salzniederlage gekommen sein. Wo sind die Zeiten, in denen die Frächter 'Grießer' und 'Timperle' allwöchentlich aus- und einfuhren? Wie die Familie Sterzinger vor und hinter dem Vern zur Blüte gedeiht, so die der 'Jäger' in Lermoos, als ihr auch der Besitz derer von Dietrich durch Erbschaft zufiel. Lermoos hat auch einen bedeutenden Schulmann aufzuweisen. Es ist das der 1762 dortselbst geborene Ingenuin Koch, Doktor der Theologie und Philosophie, der von 1802 bis 1808 Direktor der tirolischen Gymnasien war, durch die bayerische Regierung als Pfarrer nach Meran versetzt wurde, von wo er wieder als Kurat in sein Heimatsdorf zurückkehrte, um schließlich als Dekan in Fügen am 20. Dezember 1835 um 5 Uhr morgens im Beicht­stuhle, vom Schlage gerührt, sein arbeitsreiches Leben zu beschließen. Heute hat Lermoos wieder einen Schulmann aufzuweisen; das letzte Häuschen rechter Hand ist die Geburtsstätte des Priors Pater Meinrad Bader im Stifte Stams, der sich durch ein Lehrbuch der Kirchengeschichte verdient gemacht hat.

Nun steigt die Straße in einem für die Fuhrleute bösen Stücke Weges bergan zu dem Weiler Gries, vor welchem linker Hand in einer Wiese ein verträumtes Gebäude steht, das sofort nicht als Bauernhaus angesehen wird. Es war ein einst von dem langjährigen verdienstvollen Pfleger zu Ernberg, Georg Gossenbrot erbautes Wildbad, gelegen im 'öden Loch', welches Erzherzog Sigismund demselben am 30. Juni 1496 zu vollem freien Eigentum überließ, 'dieweil solches Pad manigem zu Gut kommen und erschließen mag.' Links oben liegen die Weiler Unter- und Obergarten, eine Unterscheidung, die um 1502 noch nicht gemacht worden sein dürfte. Denn in diesem Jahre erfahren wir, daß König Maximilian I. von den Bewohnern von Lermoos, Biberwier und Garten begehren habe lassen, den Weg 'ab dem Verren biß auff die Laen' herzustellen, und ihnen dafür am 7. April 1502 gegen weitere Einhaltung desselben das Recht eingeräumt habe, ein näher bezeichnetes Weggeld 'auf ewige Zeiten' einzuheben; sollten die Fuhrleute das Weggeld nicht erlegen, so sind ihre Fuhren zu 'verheiften', d.h. in Beschlag zu nehmen. Obergarten war die Heimat des vor wenigen Tagen verstorbenen Nestors der Tiroler Bildbauer, des in Imst verschiedenen Josef Beyrer, und des um das Volksschulwesen des Landes Salzburg sehr verdienten Landesschul­inspektors und Hofrates Fidelis Perktold.

Neben der wild herstürzenden Loisach führt der Weg weiter bergan nach Lähn, wie der Name sagt, durch Lawinen gefährdet, die z.B. 1456 das alte Kirchlein dortselbst zerstörten. Seit alter Zeit mag diese Straßenstrecke viel Mühe und Arbeit gekostet haben, wenigstens stoßen wir schon zu Erzherzog Sigismunds Zeiten auf eine Bestellung von drei seiner Träger aus Lähn, nämlich der Brüder Hans, Mang und Oswald einerseits und des Georg Pröll andererseits, daß sie vom Datum der Ausstellung dieses Auftrages (28. April 1488) fünf Jahre lang den Weg 'ab der Länn nutz auf Kanczenrad in Püchelpacher pfarr' versehen und machen sollen, damit keine Klage entstehe; wäre letzteres der Fall, so soll der, welcher den Mangel des Weges verschuldet hat, entlassen und überdies noch gestraft werden; das eingehende Wegegeld soll zur Hälfte den drei Trägern[*] zur Hälfte dem Pröll gehören, da jeder Teil auch die Hälfte des Weges zu machen habe.

Ueber die kleine Ortschaft Wängle kommen wir nach Büchelbach, an dessen rechtsseitigem Eingang ein altertümliches Haus steht, das wohl einst das Dorfspital gewesen sein dürfte; doch ist diese Annahme vorerst fraglich und kann nur durch ganz genaue Lokalforschung als richtig oder falsch erwiesen werden. Der Winter des Jahres 1569 muß nämlich sehr schneereich gewesen sein, da am Tage des hl. Matthias (24.Februar) eine Lawine das dortige Spital und vier Häuschen armer Leute 'verlähnte'. Ueber eingereichte Bittschriften des Spitalpflegers und der andern Beschädigten stellte die Regierung zu Innsbruck an den Landesfürsten Ferdinand II. am 30. Mai den Antrag, weil in dieser Gegend ohne dies eine große 'Armuetey', sei und die Leute sich ganz 'hörttiglich' ernähren und 'gar schlechtes Gewinnets' hätten, auf gnädigste Bewilligung von 25 fl. für das Spital und von 40 fl. für die andern Geschädigten, die der Pflegsverwalter und Richter zu Ernberg nach dem Grade der Armut und der Größe des Schadens auszuteilen hätte. Dieser Antrag ist auch ohne Zweifel zur Ausführung gelangt. Es muß die vom Mähbherge kommende Lawine also anfangs des Dorfeinganges die genannten Objekte getroffen haben; vielleicht hat dann die Gemeinde das Spital an dem ganz sichern Platze dort aufgebaut, wo es noch heute über dem aus dem Barwangertale kommenden Bache zum 'Doktorhause' heißt, in dem Wohl Dr. Kneringer der letzte Gemeindearzt gewesen ist. Das Gasthaus des ehemaligen Landtagsabgeordneten Gundolf, immer gleich trefflich von ihm geführt, besaß vor vielen Jahren eine Familie Linser, die den Spruch geprägt hatte: 'Mier sein die Linser, 's ganze Dorf keart inser.' Das ist freilich längst nicht mehr wahr. Der Platz, bevor man zur Pfarrkirche hinüber kommt, mag wohl viel Tumult und blutigen Streit erlebt haben, denn da muß einst, das Provianthaus (heute Gasthaus zur Sonne?) gestanden sein, von dem aus die Truppen bei den zahllosen Durchzügen die Lebensmittel faßten.

Die Straße führte seinerzeit bis in die Nähe des Grundbaches und folgte demselben an seinem linken Ufer ein geraumes Stück weit, bis sie schließlich Heiterwang erreichte, wo ihr zur Rechten das einst landesfürstliche Fischerhaus des längst verstorbenen Peter Singer gegenüber der Pfarrkirche steht; von diesem führte ein bedeckter Gang in das erste Geschoß des Kirchturmes, wo ein kleines Oratorium angebracht war, wenn der Landesfürst dem Gottesdienste beiwohnen wollte. Denn der nahe Heiterwangersee wurde von dem jeweiligen Herrn von Tirol gar oft aufgesucht, um dem Fischfange zu obliegen; sind doch viele Urkunden und Erlässe derselben in Heiterwang ausgestellt worden, unter andern auch jene vom 1. September 1569, wonach den Tannheimern, die sich wegen des am 3. September zu Reutte abzuhaltenden Viehmarktes bei Erzherzog Ferdinand beschwerten, für dies einemal gestattet wurde, denselben nicht zu besuchen. Das landesfürstliche Fischerhaus, auch Lusthaus geheißen, war für Erzherzog Ferdinand II. von den Erben des Wolfgang Mosauer (sollte richtiger wohl Musauer heißen) nach mehrfach eingeholten Berichten, welche von dem Pfleger zu Ernberg, Georg Kanz, sowie von Georg Frank, Richter und Salzfaktor zu Reutte, einzusenden verlangt wurden, am 10. Dezember 1573 an Regierung und Kammer zu bezahlen Auftrag gegeben worden. Der Heiterwangersee muß um diese Zeit und wohl noch erheblich später sehr stark mit Fischen besetzt worden sein, denn damals stand noch in voller Geltung der alte Herrenspruch:

Dörrfleisch und Kumpost (= Sauerkraut)
Ist Bauernkost;
Wildbret und Fisch
Ist Herrentisch.


So erfahren wir z.B. zum Jahre 1569, daß über Auftrag des Erzherzogs Ferdinand II. sein Fischmeister Hans Christof Pfadt dem Zöllner an der Vernsteiner Klause Martin Tannheimer den Abschluß eines Kaufes von 6000 Stück zweijähriger Setzlinge Karpfen der schönsten und erlesensten Auswahl von Sebastian Speiser, Bürger zu Füssen, die schon früher bestellt waren, Vollziehen solle; doch spricht sich die Kammer unter dem gleichen Datum (20. September 1569) dahin aus, daß 4000 Stücke eine reichlichere Nahrung fänden und daher mehr heranwachsen könnten. Es muß also eine viel größere Sorgfalt für die Fischzucht angewendet worden sein als heute. Zur Beurteilung des Ertrages derselben mögen nachstehende Angaben dienen. Auf einen eingereichten Bericht des damaligen Fischmeisters Karl Pfadt ließ am 3. September 1619 Regierung und Kammer an denselben den Auftrag ergehen, da der Spiegelfreuder See (bei Tarrenz) schon im sechsten Jahre besetzt sei und genügend Karpfensetzlinge in den Streichweihern vorhanden seien, den See bei guter 'witterlicher' Zeit abzufischen. Schon am 15. Oktober erließ dieselbe Behörde an den genannten Fischmeister den weitern Auftrag, von den aus erwähntem See hierher nach Innsbruck in die Weiher von Mühlau gebrachten 750 Stück Karpfen im Gesamtgewicht von 8 Zentnern und 92 Pfund je 250 Stück den drei obersten 'Wesen' (d.h. den Hof-, Regiments- und Kammerbeamten), wie es auch bis zum Jahre 1615 stets geschehen sei, zu überweisen. Ohne Frage waren aber die aus dem gleichen See am 28. November 1619 der Schwester Erzherzogs Leopold Maria Christina überwiesenen 500 Stücke und die seiner Mutter Anna Juliana überlassenen 500 Stücke die schönern Karpfen.

Der jeweilige Fischer zu Heiterwang hatte auch in der Regel die Aufsicht über den Haldensee in Tannheim und manchmal auch über den See 'am Reschen' auf der Malser Heide. Durch lange Zeit muß dieser Fischerdienst in der Familie Gugele sich vererbt haben. Denn wir erfahren aus einem Gutachten der Regierung an den Hof des Erzherzogs vom 28. April 1576, daß der Heiterwanger Fischer Jakob Gugele gebeten habe, seinem Sohne Jakob zum Studium jene 17 fl. 20 kr. jährlicher Pension, die des letztern verstorbene Großmutter bezogen habe, zu überlassen und ihn hernach in die landesfürstliche Kanzlei zu übernehmen; die Regierung müsse zur Steuer der Wahrheit das Zeugnis geben, daß sich der Bittwerber Gugele senior bisher in seinem Amt, Tun und Lassen stets ehrbar, aufrecht und redlich gehalten und die Fische ohne Bezahlung hieher nach Innsbruck zu des Hofes Notdurft geführt habe, auch seine Voreltern seit Kaiser Maximilians Zeiten hätten je und allzeit mit 'unterthänigstem Willen und Fleiß' gedient, und weil man alte, treue Diener mit Gnaden bedenken solle, schlage daher die Regierung vor, dem Sohne auf 4 Jahre (mehr als vier Klassen hatte damals das Gymnasium in Innsbruck nicht) die vorerwähnte Pension seiner Großmutter zu überlassen und ihm eine schriftliche Zusage der Aufnahme in die Kanzlei auszustellen. Am 6. Juni 1576 rieten Regierung und Kammer dem Erzherzog Ferdinand II., dem 'Seehüter' am Reschen auf Malser Heide, Martin Federspiel, seinen Dienst zu erlassen und am 26. September desselben Jahres geht Regierung und Kammer der landesfürstliche Auftrag zu, daß der (zweite) Sohn Jakob Gugeles als 'Seehüter am Reschen' aufgenommen sei.

Nach dieser Abschweifung gehen wir die Dorfstraße weiter, stoßen rechter Hand über einem geräumigen Vorplatz wieder auf ein großes, aus dem 18. Jahrhundert stammendes Provianthaus und linker Hand auf das einstige Bräuhaus, seit langem als Privathaus im Besitze eines Universitätsbeamten aus Innsbruck, der als Sammler von Siegeln und Wappenschildern sich seine Zeit vertreibt. Im Oberdorf liegt das nach seinen Innenräumen zu schließen auf ein höheres Alter zurückreichende Gasthaus zur Post und auf der andern Straßenseite ein solches zum 'Sack am Bendel' genannt und wenige Schritte weiter liegt das schmucke Haus des ehrsamen Schuhmachers Kramer, der durch das Vertrauen seiner Landsleute eine Reihe von Ehrenämtern bekleidet und Vater dreier Söhne ist, die Priester des Kapuzinerordens sind.

Und weil ich im vorliegenden Beitrag zur Heimatkunde noch eine Mitteilung auf dem Herzen habe, glaube ich sie hier vor Verlassen der Dorfschaft Heiterwang anbringen zu dürfen. Es ist in diesem Blatte vor wenig Tagen Klage geführt worden, es sei das Krippenwesen im Lechtale fast gar nicht ausgebildet, was neben anderm dem Manqel an Bildschnitzern zuzuschreiben sein dürfe. Demgegenüber möchte ich feststellen, daß in Aschau seit mehr als 70 Jahren eine aus Oberammergau stammende Faamilie Lang ganz bedeutende Arbeiten auf dem Gebiete der Holzbildnerei geliefert hat. Und da auch Füssen zum Lechtale gehört, obwohl es außerhalb der Landesgrenze liegt, so darf erwähnt werden, daß die dortige Franziskanerkirche eine prächtige Krippe enthält. Ein Einwohner von Heiterwang, Mosauer, hatte um 1650 eine selbstgefertigte kunstvolle Krippe nach Bernbeuren bei Schongau verkauft und in Reutte baut ein Mann in seiner freien Zeit zwar keine kunstvollen, aber dem natürlichen Empfinden des Volkes recht angepaßte Krippen. Er gehört als Kleinhans mit den Zeiler, Kurz und Tiefenbrunn zu den ältesten in Reutte seit dem 16. Jahrhundert nachweisbaren Familien.

Wir kommen dann auf die Gürt, den höchsten Straßenpunkt. Meinem Dafürhalten nach ist das der am weitesten vorgeschobene Name romanischer Herkunft, denn im Ladinischen ist la cüert (lateinisch curtis) ein kleinerer Hof und ein solcher mag vor vielleicht 1500 Jahren hier oben auch gestanden haben. So gibt es auch im Dorfe Pflach ein Feld Niederhofen geheißen und doch steht auch dort seit Jahrhunderten kein Hof mehr, muß aber dem Namen nach einmal einer bestanden haben. Daher sei allen, die sich für die Kunde der engsten Heimat interessieren, ganz besonders empfohlen, alle Flurnamen mit genauer Beschreibung ihrer Lage zu sammeln, wie das in unserm Nachbarlande Vorarlberg schon seit Jahren geschehen ist.

Auf dem weiteren Wege kommen wir auf der neuen Straße zum Anblick aus die altehrwürdige Ruine der Veste Ernberg und können bald darauf unsern Blick über den landschaftlich überaus lieblichen Talkessel von Reutte schweifen lassen, das sich nach seiner baulichen Anlage unter den Marktflecken Tirols mindestens recht wohl sehen lassen darf.





Bei der letzten Wanderung nach Reutte war der Bevölkerung und ihrer Herkunft nicht gedacht, weshalb einiges hierüber heute nachgetragen sein mag.

An einer zu allen Zeiten stark benützten Handels- und Heerstraße gelegen, haben alle Ortschaften durch beide Eigenschaften des Straßenverkehrs einen oftmaligen Einschlag des Blutes erfahren. Wie viele Tausende von Kriegsleuten mögen, wenn wir schon in frühere Zeit nicht zurückgreifen wollen, seit dem Jahre 1315, in welchem Friedrich der Schöne mit Gemahlin und zahlreichem Tiroler Adel und dessen Hilfstruppen über den Vern nach Aschau und Füssen und von da weiter ins Reich zog, durch 'Zwischen Toren' aus- und einmarschiert sein! Zum letzten Male lagerten in meiner Erinnerung vom Hörensagen her größere Truppenkörper im Jahre 1848/49 in und um Reutte. Aber bedeutend größere Durchmärsche fanden z.B. 1552, 1632 und ganz besonders 1734/35 statt, wo nicht weniger als 6, vielleicht sogar 14 Kavallerieregimenter hinaus in die Marktgrafschaft Burgau und wieder zurückmarschierten nach Italien und außerdem 20000 Mann Infanterie. Man muß sich nur vorstellen, was dieses Pferdematerial brauchte, von der Mannschaft gar nicht zu reden. Es sind daher schon im 16. Jahrhundert eigene Provianthäuser in Biberwier, Lermoos, Büchelbach und Heiterwang errichtet worden, die nach der Zerstörung im Schwedenkriege um das Jahr 1632 im 18. Jahrhundert neuerdings errichtet werden mußten. Nachweislich zogen im Laufe der letzten vier Jahrhunderte durch Zwischentoren hinaus oder herein Italiener, Spanier, Wallonen, Belgier, Reichsdeutsche aus allen Teilen des Reiches und Angehörige aller Volksstamme unserer alten Monarchie und sogar Albanesen. Daß da bei den wilden Sitten des 16. und 17. Jahrhunderts gar mancher Einschlag fremden Blutes sich ergeben mußte, liegt wohl auf der Hand.

Dies sei vorausgeschickt für die Frage nach der Herkunft der Bevölkerung im Mittelalter und in der frühern Neuzeit. Damit soll nicht bestritten werden, daß dem Talweg entlang auch zur späteren römischen Kaiserzeit die eine oder andere Oertlichkeit militärische Stützpunkte erhalten haben mag, wenn auch davon bisher sich keine Spuren fanden. Es darf eben nicht außer Acht gelassen werden, daß im Talkessel von Bozen am Südfuße der Alpenpassage ein uraltes Zwölfmalgreien liegt und an dem Nordfuße die meines Wissens aus elf Frak­tionen gebildete Großgemeinde Pfronten, in älterer Zeit meist Phronta geschrieben, weshalb die Deutung frons (alpium) als Stirnkopf der Alpen wohl nicht glattweg von der Hand zu weisen sein dürfte. Die spätere Zuwanderung brachte zunächst wohl Bayern ins Land; seit aber unser Gebiet zum übrigen Tirol kam und die Habsburger den Besitz antraten, kamen Leute aller Stände aus den sogenannten Vorlanden, besonders aus Ober-Elsaß, den Schwarzwald-Gegenden und dem obern Donaugebiet ins Land herein.

Vielfachen Aufschluß über die in historischer Zeit vollzogene Siedlung einer Gegend geben überall und sohin auch in unserm Falle die Familiennamen, von denen freilich überaus viele als Handwerksnamen in jeder deutschen Gegend vorkommen. Daher ist aus Namen wie Bader, Fässer, Hafner, Koch, Schmid, Schuster, Schneider, Weber und ähnlichen kein Schluß auf ihre Herkunfts-Gegend zu ziehen. Hingegen bietet einige Anhaltspunkte hiefür ein im jetzigen Landesregierungs-Archiv in Innsbruck enthaltener Band mit Verzeichnissen von Feuerstätten und Eigenleuten (d. h. Grundsolden, also unfreien Leuten) aus dem Jahre 1427. Die Bezeichnung 'im Berg' umfaßte damals wie heute die Pfarre Berwang und Nambles. Man stößt da auf einen Hans 'ab dem Perwang', dessen Nachkommen eben Berwanger heißen, ein anderer heißt Wengler, wohl aus Wängle bei Büchelbach, wo damals auch ein Heinz Musauer, also einer aus Musau, hauste, ein Name der durch Jahrhunderte im benachbarten Heiterwang uns als Mosauer entgegentritt, wie sich dort auch Filser (also ursprünglich aus Vils) und Schonger = Schongauer vorfinden. Auffallend bleibt, daß sich der Name Kembter in irgend einer Schreibform meines Wissens nicht findet, der in vorarlbergischen Städten nichts Seltenes ist. In Füssen führte allerdings ein Bürgermeister seinerzeit diesen Namen. Ein Seifrid Landes lebte 1427 als Eigenmann in Heiterwang, ein Name, der sich heute noch in Lermoos findet. Er gehört, wie einige später zu erwähnende, zu den patronymischen Genitivnamen. Hingegen weisen die damaligen Peterli, Mösli, Schwegerli, Hegeli, Werli und auch Peschler (aus Sebastian) auf schwäbisches Sprachgebiet hin und echt schwäbisch ist der 1427 in Lermoos vorkommende Familienname Gernet = einem bayrischen Gar nichts. Wie die vorarlbergischen Vonach (von Ach) gehen auch die in Lermoos, Biberwier, Reutte, Ehrwald auftretenden Schennach auf eine schöne Ache zurück, aber wo ist die zu suchen? Auffallend bleibt auch die Tatsache, daß die bayrischen Pittl und schwäbischen Waibl, die so eine Art Gemeinde- oder Dorfpolizisten waren, so weit ich sehe, hier völlig fehlen. Ein meines Wissens in Biberwier festgesessener Familienname ist der Name Wörz oder Wörtz, dessen Träger in dem seinerzeitigen Bergwerksbetriebe tätig waren, woher eine Linie auch in den Ritterstand erhoben wurde. Die Träger dieses Familiennamens werden heute wohl kaum wissen, daß ihr Name nur ein abgekürzter Vor- oder Taufname ist, und doch ist dies so.

Denn im Jahre 1427 treten uns 'im Berg' entgegen ein Ebertz Perwang und ein Hans und Peter Ebertz. Darnach ist Ebertz zunächst der Genitiv eines Taufnamens gewesen und schon damals Familienname ge­worden. Diese Ebertz sind wie die Herbertz Söhne oder Nachkommen eines Ebert oder Herbert, wie Landes die gekürzte Genitivendung der Nachkommen eines Graland ist. Die erste Silbe fiel bei Kosenamen in der Regel ab, z.B. Mattheus = Theiß oder Heiß, Alexander = Lander, Alexius = Lex, und da b in alter Zeit meist dem w gleich gesetzt wurde (z.B. Balthasar = Walthasar), so wurde aus Ebertz Wertz und Wörtz. Nun ist aber Ebert auch ein Name, der mit Vorliebe in den Vorlanden gebraucht wurde. Nebenbei mag erwähnt sein, daß schon 1427 in Heiterwang eine Els Kramer(in) mit ihren drei Kindern erwähnt Wird, weil dieser Name heute noch dortselbst existiert und sohin auf ein Alter von fast 500 Jahren zurückreicht. Balthasar Radi, der 20 Jahre Pfarrer in Lermoos War, konnte wegen Altersgebrechen seine Stelle nicht weiter versehen und bewarb sich daher um die Frühmesserstelle in Heiterwang, weil auch seine Vorvordern zur Stiftung derselben wesentlich beigetragen hätten und die Untertanen in Lermoos nicht so vermögend seien, ihn zu erhalten. Er erhielt also diese Stelle und weil er schließlich, 80 Jahre alt, dieselbe auch nicht mehr versehen konnte, 1570 eine Gnadengabe von wöchentlich einem halben Gulden. Für uns ist der Name insofern von Belang, als nicht weniger als drei Träger des Namens Radi Pfarrer in Feldkirch und einer Landrichter in Rankweil im Jahre 1497 waren. Mehrere Gersthaber weisen wie der Name zweier Wetengl (auch eine gekürzte Koseform für (Elisa)bets Engelbert) aus Bayern hin, von einem Gagerser läßt sich nicht feststellen, aus welchem der drei Weiler dieses Namens in unserm Lande er herstammte, wahrscheinlich aus dem nächstgelegenen bei Wenns im Pitztale; vor 50 bis 60 Jahren zogen Pitztaler in der Fastenzeit gegen Ostern hin durch das ganze Zwischentoren, Kitze für Innsbruck einzuhandeln; vielleicht geschah solches für den landesfürstlichen Hof auch schon vor Jahrhunderten und blieb so ein Händler schließlich in Heiterwang hängen! Wir haben also hier unzweifelhaft stark schwäbischen Einschlag.

Dehnen wir nun die Frage wegen der Herkunft auch auf die Bewohner des Lechtales und seiner Seitentäler aus, so müssen wir wieder betonen, daß für die Strecke Reutte, Weißenbach, Tannheimertal, Hindelang, Oberstdorf, Simersberg, Bäumle am Bodensee, der Salzverkehr das Wichtigste war und die Bevölkerung überwiegend aus dem Allgäu herüberzog. Und herein lieferten wenigstens seit dem 16. Jahrhundert die Purtscher, die Widmann, die Gebrüder Hohenegg von Hindelang Spieß- und Fußeisen fürs hiesige und noch mehr für das Wiener Zeughaus und bezogen für erstere das Schaftholz (Eschenholz) aus dem Böhmerwalde, zu welchem Bezuge am 6. Mai 1554 die Beamten von Böhmen den Befehl erhielten, das Holz gegen den üblichen Waldzins schlagen und ausführen zu lassen. Es darf auch nicht übersehen werden, daß in den Amtsschriften der Regierung zu Innsbruck die vier vorarlbergischen Herrschaften und die Pflege Ernberg meist im Zusammenhang genannt werden, z.B. durchaus im sogenannten 'Schmalzkriege' vor und nach 1600, so daß man fast den Eindruck gewinnt, als wäre unser Gebiet als ein Annex Vorarlbergs angesehen worden. Es ist daher leicht begreiflich, daß die ersten Ansiedler ins Tannheimertal von Hindelang und Sonthofen kamen, wie Dr. August Kübler, 'Das Tannheimertal usw.", Kempten 1899, S. 10, ganz richtig hervorhebt, wogegen Nesselwängle von Aschau aus, das dem Stift Füssen unterstand, besiedelt worden sein soll. Denn Aschau umfaßte als politische und Kirchengemeinde Oberletzen, Hinterbühel, Wängle, Platte, Höfen und Hornberg, abgesehen vom weiter oben gelegenen Gebiete rechts des Lechs, hatte also wohl Ueberschuß an Leuten, die über die Aschauer Alpe und das Tiefe Jöchl, das wohl in alter Zeit als Saumweg vielfach benützt worden sein mag, leicht nach Nesselwängle hinabsteigen konnten. Geht doch im Volksmunde die Sage, daß dieser Uebergang schon zur Römerzeit benützt worden sei.

Der Weiler Haller am Haldensee soll von einer Familie Haller[*] aus Reutte, die aber fast sicher aus der Salinenstadt Hall stammte, besiedelt worden sein, was auch richtig sein wird, denn die Gründung und Besiedelung desselben hängt sicher mit dem Salztransport zusammen, wozu endlich in Nesselwängle ein Salzstadel errichtet wurde, über den als Salzfaktor oft ein Mitglied der Familie Peintner oder Tauscher stand, welche die Salzverfrachtung für die Speditionsfirma Krenkel in Lindau, nach der Schweiz und dem Elsaß zu besorgen hatten. Von den bei Kübler Seite 16 und 17 verzeichneten Familiennamen sind die Altstätter, Amman, Frick, Gebhard, Geist, Haaf, Hefele, Hörmann, Leising, Meusburger, Pickel, Schedle, Wörle, ganz sicher schwäbischer Herkunft, die Namen Buel, Guem und Pfaundler sind romanischen Ursprungs und die inntalischen Ruef und die Rief im Tannheimer Tale, die als Forstknechte in Diensten standen und 1427 noch nicht vertreten sind, dürften vielleicht gar auf einen aus Savoyen nach Tirol eingewanderten Ruffo zurückgehen, da Savoyer in jenen Zeiten als Hausierer im ganzen Lande überlästig wurden. Die heute überaus zahlreichen Zobl sind als Gründer von Zöblen anzusehen und gehen wohl auf eine Zeit zurück, wo der edle Zobel als schätzbares Pelztier noch in diesen Gegenden hauste. Schon 1427 sind nicht weniger als zehn Familien Zobl (Zobel) mit zirka 30 Kindern erwähnt. Entgegen der Meinung des gewiß hochverdienten Pater Justinian Ludurner sind vorwiegend Schwaben als Besiedler des Tales Tannheim anzusehen.

Gehen wir auf die rechtsseitigen, meist hochgelegenen Seitentäler des Lechtales über, so sind Kaisers, Gramais, Bschlabs, Pfafflar, die einstigen Höfe Madau, die Alpe Stabl, das Dorf Nambles und das ehemalige Dörfchen Fallerschein, der Bergname Tarnelle (kaum Tanelle) und die Gürt romanischen Ursprungs und sind als Niederlassungen vom Stanzertale, bezüglich der Gegend von Imst besiedelt worden, wie ja Kaisers gerichtlich, Bschlabs und Gramais gerichtlich und kirchlich noch zum Oberinntal zählen.

Das untere Lechtal bis in die Nähe der Talstufe vor Elmen gehörte zur Hofmark Aschau und war vom St. Mangen-Kloster zu Füssen mit Leuten stark schwäbischen Einschlags besiedelt worden. Im oberen Lechtal hingegen haben wir es zu einem guten Teil mit einer Besiedlung zu tun, die vom Tannberg, vom kleinen und Wohl auch vom großen Walsertale aus erfolgte. Es ist immer noch viel zu wenig beachtet, daß in alter Zeit Jöcher kein Verkehrshindernis bildeten, sondern das Gegenteil der Fall war. So mag hier erwähnt sein, daß die Regierung zu Innsbruck strenge darauf bestand, daß zu den Viehmärkten in Imst die Tannberger und die Mittelberger des kleinen Walsertales mit ihrem Vieh sich einstellten. Wird doch von ihr am 25. Januar 1572 an den Vogt und die Amt­leute von Bregenz der Auftrag erlassen, einen gutächtlichen Bericht einzuschicken, wie der den Mittelbergern zugestandene Viehmarkt wieder 'abgelegt' und sie verhalten werden könnten, wieder wie in früheren Zeiten den Imster Markt zu besuchen, weil durch dessen Nichtbeschickung der fürstliche Hofhalt in Innsbruck und das Land den größten Nachteil habe. Und dabei handelte es sich doch um das Ueberschreiten von zwei Jöchern um besten Falles mit dem Vieh Imst am dritten Tage zu erreichen.

Man müßte sich daher sehr wundern, wenn die Walser der Gerichte Tannberg und Mittelberg sich im obersten Lechtale nicht ausgebreitet hätten. Sie fehlten auch sicher nicht im Tannheimertale, da 1427 dortselbst auch vier Familien Kappeler erwähnt werden, da Kappele, nicht Kapelle, walserische Betonung ist, wogegen wir im Jahre 1499 auf einen Oswald Kappeller, genant Lechtaler, stoßen. Zu den Lechtaler Walsernamen gehört vor allem der Name Jorg Wüstner aus 1427 und die vielen echt walgauischen Namen, zusammengesetzt mit Sohn, z.B. Elsensun, Herleinssun, Hermanssun, Heleinsun, (Sohn eines Heel), Wetzensun, Oedensun, Gesensun und Christian Hannsensun von Ams, d.h. Ems. Dazu die echten Vorarlberger Namen Strolz, Kunli, Hemerl, Wernli, Frey, Bertsch und Kekch - heute Köck. Und ein Jäkl Antonisun mag wohl in dem aus Weißenbach stammenden ehemaligen Erbauer des Hotels 'Tiroler Hof' in Innsbruck, Bantheson, einen Nachfolger gehabt haben, da sich sprachlich aus obigen Namen leicht ein 'bei Antonson' und weiter Bantheson ergeben kann, wogegen der Name Bailom wohl französischer Herkunft sein dürfte.

Mehrere Namen führen auf eine bestehende Ansiedlung zurück, so der des Hans Klimber auf Klim, doch sind die Wechner dortselbst seinerzeit aus Paznaun eingewandert, wie mir der leider so früh durch einen un­glücklichen Sturz von der Leiter verschiedene hochgeehrte Pfarrer Wechner von Oberperfuß selbst erzählte. Wieder andere haben durch ihre Zuwanderung Anlaß zu Neugründungen gegeben, wie die Krenich zu der von Kreinchen, die Schukg, auch ein Walser Name, zu der von Schicken. Die damaligen Morer und Morher dürgten in ihren Nachkommen noch fortleben, aber die Peham = Beham, Leute aus Böhmen, dürften wohl ausgestorben sein, wie die Raß und Puß des 15. Jahrhunderts. Die Schneller und Schnöller dürften mit den im Fuhrwesen alter Zeit tätigen Schnellern, d. h. Auflegern, nichts zu tun haben, sondern sind Nachkommen eines auch damals angeführten Heinz Schnell, der auch ein Schwabe gewesen sein dürfte. Sonderbarerweise findet sich auch 1427 ein Oswald Schopper, ein Name, dessen Träger auf Zillen oder Plätten Schifferdienste besorgten, also gleichzustellen sind den Schiffer, aus deren Familie ein Jugendfreund sehr verdienter Pfarrer in Wängle war. Ganz verein­zelt begegnen wir einem Jost Sam und einem Jost Chuprian, heute Kuprian geschrieben. Im obersten Lechtale stoßen wir aber auch auf einige Namen romanischer Herkunft. Hieher gehören die Walch aus Kaisers, ein Ruff (= Ruef) in der Dürnau bei Hägerau, die Pitsch, heute durch ganz Vinschgau wie auch die Lechthaler anzutreffen, die Maldoner, früher stets Maldaner geschrieben, die ohne Frage über die Alpe Maldan nach Häselgehr gekommen sind, und die Schkür, heute im Obervinschgau, im Tale Taufers und in Unterengadin nachweisbar. Ein ganz seltener Name ohne nähere Ortsangabe fand sich im Jahre 1427 auch im Lechtale, nämlich Tuderner, dessen Deutung mir völlig fremd war. Durch Zufall fand ich in einem lateinisch-italienischen Wörterbuch, zu Venedig 1786 gedruckt, daß bei Plinius eine in der Umgebung der Stadt Tuder (heute Todi, am linken Tiberufer in Umbrien) vorkommende Traubenart lateinisch tudernis, italienisch tuderne genannt wurde. Es müssen also Leute, die mit solchen Trauben gehandelt haben, zu dem Namen Tuderner gekommen sein. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß Träger des Namens in irgendeiner Handelschaft über den Maloja-Paß ins Gebiet von Davos, von dort ins Tal Montafon und über den Tannberg ins Lechtal gelangt sein mögen. Treffen wir doch von drei bekannten Montafoner Namen Valier, Venier und Vonier den letzten, freilich erst im 19. Jahrhundert, im Dorfe Bach, von wo ein Träger des Namens nach Meran übersiedelte.

Von heutigen Lechtaler Namen sind schon 1427 die Lechleitner, Tengl (heute Dengl und Dengel), Sprenger, Valger (heute Falger, wohl Leute aus dem Walgau, alt Walgew gesprochen), Klotz, Knüttl (heute Knittel), Mark, Pfefferl[*], Scheiber und Schlichthearli (heute Schlichterle) in ihren Ahnen nachweisbar, während die Hindelang wie die Schalmeyer (Leute, welche die Schalmei der Hirten bliesen) Wohl ausgestorben sind. Es mag noch des Berwanger Tales gedacht sein, wo die Wolf, Berktold, Klotz und Hosp zu den verbreitetsten Namen zählen. Ich habe schon einmal den Dorfnamen Namlos als romanisch erklärt und 1427 tritt uns auch ein 'Anthoni von Amles' entgegen, d.h. einem Orte bei den Weißtannen von rhäto-ladinisch ambla = Weißtanne. Daß ich damit nicht fehlgegriffen habe, beweist mir auch das einstige Vorkommen des Namens Tschamp. 1509 war ein gewisser Kaspar Klotz erschlagen worden und nach den zu jener Zeit für Todschlag bestehenden gesetzlichen Sühnen erhielten die Töter, nämlich die Brüder Mathes und Thönig (schwäbische Formen für Matthias und Anton) und Oswald Krewterer (d.h. Kräutersammler)[**] von Rinnen, welch letzterer den Uebernamen Tschamp führte, durch Erlaß vom 7. August 1510 die Begnadigung. Dieser Name findet sich in jener Zeit auch im romanischen Ober-vinschgau. Die zahlreichen Hosp glaube ich als Einwanderer aus dem schweizerischen Hospental ansehen zu dürfen.

Zwei weitere Namen gehören ganz junger Zuwanderung an, das ist der Name Insam, der in Gröden heimisch ist, und Lauggus, der aus dem östlichen Pustertale nachgewiesen werden kann.

Der Talkessel von Reutte hat zumeist Namen, deren Träger oder deren Ahnen aus den Seitentälern des Lechs oder dem angrenzenden bayrisch-schwäbischen Gebiete zugewandert sind, abgesehen von Namen slawischer Herkunft, die durch den Fabriksbetrieb hieher kamen. Für Pinswang finde ich noch 1427 einen Hans Torbeartl = Torwärtl, dessen Name von dem Dienste des damals noch bestehenden 'Schlosses' Loch herzuleiten sein dürfte.





Da man wieder aus den Tagesblättern über Ver­heerungen durch die Pest im Orient und in Rußland erfährt, mag auch auf das Auftreten derselben im Jahre 1566 im Gebiete der Herrschaft Ernberg hingewiesen sein.

Venedig war weit über die Zeit des Mittelalters hin­aus Lieferant nach dem Gebiete von Mitteleuropa aller jener Waren, die aus Vorderosten, Indien und Aegypten kamen und da der Handelsweg von der Lagunenstadt durch unser Land führte, müßte man sich schon sehr wundern, wenn die von den venetianischen Kaufleuten eingeschleppten Krankheiten entlang namentlich der sogenannten 'Obern Straße' über Vinschgau, Oberinntal und dem Vernpaß nach Augsburg nicht auch in Tirol sich ausgebreitet hätten. Vergegenwärtigen wir uns nun, daß es in jenen Zeiten des 15. und 16. Jahrhunderts nur wenig Aerzte und Apotheken (in Nordtirol meines Wissens nur zwei in Innsbruck, eine in Hall und zwei in Schwaz) gegeben hat, deren Besitzer übrigens auch alljährlich ihre Drogen (in ihrer Sprache Simplicia genannt) persönlich in Venedig einkauften, und alle sonstigen Vorkehrungen gegen ansteckende Krankheiten höchst mangelhaft waren, so können wir uns einen annähernden Begriff davon machen, unter welchen Leiden und Entbehrungen jeder Art Hunderte, vielleicht Tausende von Menschen hinwegsterben mußten, wenn in irgend einer Form die Pest auftrat. Die Erinnerung an solche Pestzeiten hat sich ja noch in recht vielen Ortschaften in den Pestfriedhöfen erhalten, die meistens in einiger Entfernung von den Wohnstätten angelegt wurden; nur Thaur hat seinen Pestfriedhof wenigstens noch im 16. Jahrhundert bei der St. Vigilienkirche gehabt, also wohl auch damals noch im unteren Teile des Dorfes selbst. Wegen des in jenen Tagen überaus starken und bei den damaligen Verkehrsmitteln langsam verlaufenden Durchzuges von Leuten und Gütern finden sich daher Pestjahre in unserem Heimatlands gar oft erwähnt; um nur einige hieher zu setzen, sind als solche, in dessen sich die Seuche mehr oder weniger heftig verbreitete, die Jahre 1495, 1507, 1520, 1528, 1544, 1563/64, 1568, 1570, 1571, 1572, später 1611-13, 1632 folgende anzuführen. Die Regierung in Innsbruck suchte wohl deren Verbreitung durch sogenannte 'Sterbhueten' entgegenzutreten, welche Wachten an den Grenzpässen oder anderen vermuteten Einbruchsstellen der Pest errichtet wurden und doch trotz der elenden Entlohnung der Wächter (nebenbei bemerkt, geht unser Familienname Wächter auf jene Zeiten zurück) oft eine für damalige Verhältnisse recht beträchtliche Summe ausmachten, ohne entsprechenden Erfolg aufzuweisen; sie erließ auch unter dem uns heute eigenartig anmutenden Namen 'Sterbordnung' Verhaltensmaßregeln für die Bevölkerung, deren Durchführung die unterstehenden Obrigkeiten zu überwachen Sorge tragen sollten. Es ist mir eine solche als Ganzes bisher nicht vorgelegen, wohl aber kann man aus mehreren Einzelverordnungen entnehmen, daß im allgemeinen die von der Pest Befallenen in ihren Behausungen eingeschlossen und diese durch einen Strohbüschel an einer Stange als verseucht bezeichnet wurden oder aber, daß man einzelne am Ende einer Ortschaft oder außerhalb derselben gelegene Häuser dazu hernahm, um alle Erkrankten dort unterzubringen, mußte nach einer im Jahre 1495 ergangenen Verordnung aufrecht in der Hand einen weißen Stab tragen, damit die Leute sich vor einem Verkehr mit ihm hüten könnten.

Dies mag zur Orientierung des Lesers vorausgeschickt sein für das Auftreten der Pest im Jahre 1566 im Gebiete der ehem. Herrschaft Ernberg, worüber wir leider, wie in den meisten anderen Fällen, nur ganz wenige Nachrichten besitzen. Am 1. September 1566 schreibt der damalige Pflegsverwalter Georg Kanncz aus dem Schlosse Ernberg an die Regierung in Innsbruck, daß vor kurz erschienenen Tagen ein Sämer in des Georg Mosauer Behausung zu Heiterwang 'mit Tod verrukcht' sei, der sich zu Tod 'plüet', d.h. geblutet habe. Darauf sei des Mosauers Sohn und noch zwei Personen 'flugs' nacheinander gestorben und darauf sei ein bei Mosauer aus- und eingehendes und dort arbeitendes Ehepaar nacheinander mit Tod abgegangen und eine Dienstmagd Mosauers liege krank darnieder. Daher sei Mosauer mit Weib und Kind hinweggezogen und sei das Haus gesperrt worden. Weil man nicht wisse, was es für eine Krankheit sei, habe er mit den Untertanen von Heiterwang 'gehandelt', daß sie 14 Tage lang sich in ihren Häusern halten sollten, wozu sie sich bereitwillig erboten hätten, damit man in der Zwischenzeit in Erfahrung bringen könne, was das eigentlich für eine Krankheit sei. Einige Auskunft hierüber hätten wohl nur die nächsten Aerzte geben können, also die Leibärzte der Aebte von Kempten und Füssen, wenn diese von ihren Dienstgebern hiezu überhaupt Erlaubnis erhielten. Er habe sich bei den Leuten, die bei den Verstorbenen gewesen, erkundigen lassen (er zog also eine Erkundigung nur ein, nahm aber keine Besichtigung vor), wonach die Kranken über große Schmerzen im Kopfe geklagt hätten, wie auch die noch krank liegende Mutter der inzwischen verstorbenen Dienstmagd aussage; die Leichen hingegen hätten keine besonderen Zeichen aufgewiesen. Diese Angaben sind nun so unbestimmt, daß man nach heutigen Vorkommnissen bei dem verstorbenen Sämer an eine Verblutung an sich denken müßte, da es nicht heißt, er habe Blut gespuckt, was als charakteristisches Zeichen der Lungenpest zu gelten hat; bei den übrigen könnte man auf den Gedanken einer schweren Kopfgrippe verfallen, wenn diese Todesfälle nicht schon im August eingetreten wären, wo diese Krankheit doch nicht so heftig aufgetreten sein dürfte.

Am 16. September schickt Kanncz neuerdings einen Bericht an die Regierung ein, der den Vermerk: cito (also dringend) trägt, und richtig steht darauf ein Präsentations-Vermerk der hiesigen Kammer vom gleichen Tage, so daß also das Schreiben aus Ernberg in Innsbruck noch am gleichen Tage eintraf, was nur durch eine reitende Extra-Staffette möglich geworden sein kann. Diesem Berichte ist zu entnehmen, daß er schon am 14. September Nachricht gegeben habe, es hätten die Sterbläufe in seiner Verwaltung zu Heiterwang, Forchach und Stanzach eingerissen, doch habe er gute Ordnung getroffen, daß die Krankheit sich nicht weiter ausbreite, aber es sei ihm heute (also 16. September) ein Schreiben der Gemeinde zu Lermoos überbracht worden, daß bei einem dortigen Wirte Peter Wild eine Dienstmagd Tods verschieden sei, weshalb er der Gemeinde sofort zugeschrieben habe, gute Ordnung aufzunehmen und zu halten und dürfe der Wirt und sein Gesinde eine Zeitlang das Haus nicht verlassen u. s. f. Weiter habe die Infektion zu Namels (Namlos) in der Pfarre Berwang, wo ungefähr 4 Häuser[*] seien, in einem Hause 4 Personen dahingerafft, worauf er auch Ordnung gegeben habe, wenn anders dieselbe befolgt werde, aber weil die Stadt Augsburg in dieser Gegend ihre Holzknechte habe, die sich zum Teile verlaufen und hineinwärts in ihre Heimat (also ins Inntal) fliehen, könne die Seuche verschleppt werden. Die beiliegende Kopie des Schreibens der Ge­meinde Lermoos vom 15. September orientiert uns dahin, daß Wilds Magd am 10. September erkrankte und am 14. vormittags 9 Uhr verschieden sei, weder Wild noch der Pfarrer, der schon mehrere an solcher Krankheit Verstorbene gesehen und mit dem Schulmeister die Leiche besichtigt habe, könnten angeben, an welcher Krankheit sie verschieden sei, da man keine besonderen Zeichen derselben gefunden habe. Wild sei noch am 15. gebeten worden, sich zu Hause zu halten, sei aber geflohen, nachdem er vor einigen Tagen ein Kind und am 15. ein weiteres Kind und das 'Kellermädle' fortgeschickt habe.

Am 26. September traf bei der Regierung in Innsbruck neuerdings ein Berichtschreiben des Pflegeverwalters Kanncz aus Ernberg vom 24. September ein des Inhalts, es habe ihm am gleichen Tage sein Richter Georg Frannkh zugeschrieben, daß Lienhard Jungenmann, Wirt zu Reutte, Tags vorher eine Magd aus einem Wagen zu ihrem Vater auf die Letze[*] habe führen lassen, welche ungefähr 10—12 Tage krank gelegen sei und eine andere Magd habe er noch krank zu Hause, von welchen Erkrankungen er bis gestern abends nichts gewußt habe. Jungenmann habe selbst die Anzeige gemacht und wolle mit Weib und Kind davonziehen, das Haus habe er (der Richter) sperren lassen und sei in Sorge, 'die Sachen stehn nit wohl'. Im Berichte des Pflegsverwalters treffen wir auf die weiteren Mitteilungen, daß letzten Sonntag (das war der 22. September) der Meßner zu Berwang auch an der bösen Infektion verschieden sei und zu Namels gehe es übel zu, denn es seien schon bis in 20 Personen mit Tod abgegangen, von denen der größere Teil noch unbegraben liege, denn er habe trotz besten Fleißes bisher niemand bekommen können, der sie begraben wolle.

Auch sei in Lermoos des Peter Wild Hausknecht krank und lägen sonst noch zwei Personen im Hause, doch hoffe man, daß der Hausknecht gesunde und die Seuche nicht weiter greife. Dem Fronboten von Lermoos habe er geschrieben, daß man derzeit die Rodgüter zu Biberwier abladen solle, statt zu Lermoos. In Forchach aber, wo bei zehn Häuser[*] seien, sollen nur noch bei acht Personen am Leben sein und darunter seien nur noch zwei völlig gesund, die andern seien alle gestorben. Ebenso solle zu Stanzach des Augsburger Waldschreibers Gesinde[*] mehrern Teils gestorben sein.

Auch habe man vergangenen Samstag (21. September), zu Füssen einem Bäcker das Haus gesperrt, weil eine Magd desselben gestorben sei. Wenn nun auch im Gebiete seiner Verwaltung schon an sieben Orten die Infektion eingerissen sei, könne er doch, wie die Herrn von der Kammer als 'die Hochverständigen' selber ermessen könnten, da er das Schloß verwahren müsse, nicht selbst an diese Orte hinreiten wolle aber mit größtem Fleiße gerne Verordnung schaffen; was sich ferner zutrüge, wolle er jeder Zeit berichten. Kanncz schließt sein Schreiben mit den Worten: 'Der allmächtige Gott welle seinen Zorn gnädig von uns abwenden.' Unzweifelhaft hat er auch weiterhin berichtet, wie er auch nach der ganzen Geschäftsführung der Kammer sicher einen Schlußbericht einsenden mußte, von denen ich aber bisher nichts vorgefunden habe. Es ergibt sich aber auch weiter ganz von selbst, daß er sich vor jeder Ansteckung und Gefahr scheute, denn der vorgeschützte Grund, das Schloß Ernberg nicht verlassen zu können, war wenigstens damals, weil wir von einer Gefahr für dasselbe nichts hören, jedenfalls hinfällig. Als weitere Folge glaube ich annehmen zu dürfen, daß die armen Untertanen der Ernberger Herrschaft ihrem Pflegsverwalter wohl aus Furcht gehorcht haben mögen, aber zu ihm kein Vertrauen haben konnten, denn es muß doch im Volke noch die Erin­nerung wach gewesen sein, mit welchem Opfermut und treuer Pflichterfüllung 38 Jahre früher (1528) der Bergrichter zu Schwaz Christian Noel, als einziger Beamte neben dem 'Läßl', das heißt Bader und Todtenbeschauer, dem Geistlichen und Todtengräber auf seinem Posten verblieb.





Ein Wildereraufstand


Ueberall und zu allen Zeiten standen Grundherren und Bauern im Streite um die Jagd und blühte das 'Wildpretschiessen', im Gebiete von Außfern (richtiger Ausvern) vielleicht mehr als anderswo, weil hier ein reicher Wildstand war, wie der über dreißig Jahre in seinem Amte stehende Oberstjägermeister Paris Graf von Lodron in einem rechtfertigenden Bericht an die Hofkammer vom 18. Juni 1699 selbst hervorhebt.

Aus dem Grunde gab es damals im Gebiete der Herrschaft Ernberg einen Forstknecht zu Bichlbach (Adam Peter), Erwald (Franz Sambweber), Berwang (Adam Singer), Reutte (Peter Zwerger), Aschau (Andrä Singer), Tannheim (Jakob Rueff) und Lechtal (Christoph Singer), die für Wald und Wild die nötige Obsorge tragen sollten. Ueber den Grund, warum sich um Neujahr 1699 fast in allen Teilen des Landes das Wildern mehr oder weniger stark verbreitete, war sich auch Lodron nicht klar, weil ja eine Fülle von Wild nicht vorhanden gewesen sei, da es ja zur Zeit der letzten Landesfürsten habsburgischer Seitenlinie drei- und viermal so viel Wild gegeben habe; er sieht den Grund in einer allgemeinen Neigung zu Aufständen und darin, daß der Bauer sich 'aus den Schulden gewalzt, seine Güter ausbezahlt und sich noch dazu so reich gemacht habe, daß er den einen oder andern Herrn fragen dürfe, ob er nicht Geld von nöten habe[*]. In unserem Falle mögen aber auch persönliche Momente etwas dazu beigetragen haben. Denn nach allen seinen Berichten an Exzellenz Lodron war der damalige Forstüberreiter[*] Martin Zwer­ger nicht nur ein sehr fähiger, sondern die Interessen des Jägermeisteramts seiner Instruktion nach in erster Linie im Auge haltender Mann, der namentlich die damaligen Anschauungen über Jagd- und Forstschutz strenge durchzuführen suchte und besonders dem Aerar Almen in anfechtbarem Besitze zu sichern trachtete. Und wenn er auch das volle Vertrauen seines Chefs, des Oberstjägermeisters, hatte mußte er dennoch mit einem Jahresgehalt von 57 fl. volle 17 Jahre dienen, bis er von diesem zum Forstmeister vorgeschlagen und ihm zu genanntem Hungerlohn weitere 100 fl. zu geben beantragt wurde, die er bis zu seinem anfangs September 1704 erfolgten Tode noch immer nicht erhalten hatte. (Ein wirklicher Forstmeister der Herrschaft Ernberg hatte schon früher stets 300 fl. jährlichen Gehalt.)

Aus einem Gesuche um Beförderung entnahm ich, daß Zwerger während dieser 17 Jahre rund an 3000 fl Strafgeld hereingebracht und an 130 Wilderer eingeliefert hatte, Grund genug, bei allgemeinem Glimmen der Unzufriedenheit einen Brand zu erregen.

Angefangen hatte das widerrechtliche Wildschießen am 7. Jänner 1699 in Nesselwängle, während die zwei anderen Drittel des Tales Tannheim wenigstens nicht offenkundig wildern gingen; aber über die weitere Ausbreitung der Wilderei in zeitlicher Folge sind wir nicht befriedigend unterrichtet. Aus einem Berichte Martin Zwergers an Grafen Lodron vom 24. Jänner 1699 aus 'Reiti' ergibt sich nur, daß er bereits vor 14 und vor 8 Tagen über die im Gericht Ernberg entstandenen Insolenzien geklagt und die Hoffnung gehabt habe, daß die vom Pflegeamte und von Gerichtsobrigkeit angebrachten Ermahnungen von Erfolg begleitet sein würden. Jetzt sei ihm aber diese Hoffnung entschwunden. Denn es seien der Georg Bairweber, Bäcker, und Georg Weirater, Müller, von den Wilderern in die 'innern Gerichte' abgeordnet worden, sich zu erkundigen, ob die dort sich befindenden Schützen von dem Wildbretfällen nachgelassen hätten oder es weiter fortsetzten. Zurückgekehrt, hätten sie mit Jubel vorgebracht, daß man drinnen dem Wild mit Schießen und Jagen stark nachstelle und daraus hätten sich allein in der Pfarrei Breitenwang bei 120 Wilderer in des Bierbrauers Anton Amann Behausung[*] zu einem Ringe zusammengeschlossen und seien zur Mittagszeit, als viele in- und ausländische Leute auf der Gasse waren, wie die Soldaten gliederweise aus- und ins Gebirg gezogen, hätten ein Stück Wild gefällt und einen Hirschen und zwei Tiere wund geschossen. Seither könne man sie nur als rebellische Untertanen ansehen und seien auch in der Pfarre Tannheim, Aschau, Unterlechtal (soweit ein Rotwild zu spüren), auch Berwang, Heiterwang, Bichlbach und Lermoos täglich ein solches Jagen und Schießen, Zuführen und Schleifen von Wild, daß er es 'nach gniegen nit zu schreiben' wisse. Dazu komme ihnen der fast täglich fallende Schnee sehr zugute, weil das Wild nicht mehr in die Höhe flüchten könne und daher bei soviel Schützen in wenig Tagen sich nicht mehr ein lebendigs Haar erhalten könne.

In einem Schreiben Lodrons an Zwerger vom 28. Jänner 1699 wird letzterer bis zum Herabgelangen einer kaiserlichen Resolution zur Geduld verwiesen. Daß das Wild zum größten Teile abgeschossen worden war, dürfen wir wohl daraus abnehmen, daß Zwerger ob Reiti am 14. Mai 1699 an Lodron vorstellig wurde, die sonst für die Hirsch- und Gems-Sulzen der Herrschaft Ernberg und Vils alljährlich abgereichten 34 Metzen Salz auf 4 bis 6 Metzen zu reduzieren und diese auf Vilsischem Gebiete zu verwenden, da der Ernbergische Wildstand völlig ausgeödet sei und die Sulzen nur zur Heranziehung der Wilderer dienten. Bei der Schreibseligkeit der jenerzeitigen Aemter und der unerreichten Schwerfälligkeit der den einzelnen Aemtern zustehenden Befugnisse erging erst am 4. und 5. April 1700 vom Oberstjägermeisteramte der Befehl an die Forstknechte, alsobald und ohne Verzug (nach Fünfvierteljahren) in aller Stille ganz geheim eine Liste jener Personen anzulegen und einzuschicken, welche in ihren Forsten vergangenes Jahr Wild geschossen hätten mit tunlichster Angabe der Stückzahl und der Rädelsführer.

Es liegt auf der Hand, daß die Wildschützen nicht erst diesen Auftrag an die Forstknechte abgewartet haben werden, sondern sich rechtzeitig aus dem Staube zu machen trachteten. So erfahren wir z. B., daß Josef Stauder, Niederweger auf Quadratsch bei Meran, ein Urheber und Anstifter zum Wildern, sich mit Sack und Pack aus dem Lande zu machen suche und dem wolle Paul Gamper, Bachguter in Algund, Nachfolgen mit dem, was ihm nach Bezahlung seiner Schulden noch übrig bleibe.

Erst im Mischlingsbuch von 1700 findet sich Fol. 171 eine Spezifikation derjenigen Gerichte und Dorstchaften, welche 1699 im Wildern sich vergangen, aber bis dato noch keinen Schein einer Unterwürfigkeit gezeigt hätten. Aus derselben mag für unsere Zwecke herausgenommen sein, daß in der Herrschaft Ernberg deshalb mit Wildern etwas eingehalten werde, weil das Wild hiezu fehle. Die Untertanen dortselbst hätten gleich anfangs des ganzen Auflaufs damit begonnen, dann 5 bis 6 Tage inne gehalten bis zur Rückkunft ihrer Kundschafter, dann aber sei es allgemein losgegangen. Von dem aus sechs Dritteln be­stehenden Lechtale seien allein die Elmer und drei Mann aus dem Häslgehrer Drittel öffentlich wildern gegangen. Während sich das Gericht Imst öffentlich nicht beteiligt habe, seien doch Leute rottenweise in das Gericht Ernberg und besonders in die Pfarre Berwang und Breitenwang auf ein bis zwei Tage gegangen und hätten dem Verlauten nach einmal 17 Gemsen mit sich fortgetragen; wer sie gewesen, wisse das Amt nicht, sondern nur, daß sie in der Pfarre Berwang am Rotpach übernachtet hätten[*]. Dennoch muß der dortige Forstknecht Adam Singer fleißig seines Dienstes gewaltet haben, denn es wurden ihm nach und nach 75 fl aus Strafgeldern angewiesen[*].

Im Markte Reutte war auch bei nächtlicher Zeit ein 'hochsträfliches' Edikt angeschlagen worden, das ich mir nicht versagen kann, teilweise hieher zu setzen. Es ist in Abschrift durch Zwerger an Lodron geschickt worden mit dem damals üblichen dreifachen Vermerk: cito, d. h. eilends. 'Lost auf ier herrn deß Rots und all diejenigen, die so um die Jägerei annehmen, wie es dergleichen Fuxschwenzler, Frößnarn, gerichtsverdörber und hundezsid gibt wie der Richter Jörg, Herr Metzger, Jacob Linder, Johann Paul boter, Georg Leuprecht, gewester Mayr in der Aschau und andere dergleichen, die man nit nennen will, die müessen geleitert, geringet und gebuezt werden, der Deiffl bues sie dann dreifach, es soll kein Roß, kein Kue, Stadl noch Hey sicher sein, schießen, schlagen, sengen, brennen, alles was übles ist, denjenigen zuefügen, die wöllen das Land oder das Gericht die Freiheit helfen vergöben, wie sie meinen etc.' Nach dieser Aufforderung hat es tatsächlich den Anschein, als hätten damals vielleicht ausgerüstete Schützen sich empört, die ja nur für bevorstehende äußere Kämpfe bewaffnet wurden und nach deren Beendigung die Waffen wieder Gericht für Gericht einliefern mußten.

Dies dürfte auch daraus zu ersehen sein, daß einem Berichte Lodrons an die Hofkammer vom 18. Juni 1699 zu entnehmen ist, es wäre zu wünschen, daß der hochmütige, stolze, ungehorsame und widersetzliche Untertan durch militärische Mittel zu Gehorsam verhalten würde und vom gleichen Datum erfährt man, daß die allgemeine Bewaffnung zu verhindern gewesen wäre. Am gleichen Tage erörtert er auch die Gründe, warum man die sich noch verteidigenden Viertlsvertreter abweisen solle, denn sie hätten schwere Strafen verdient und der der landesfürstlichen Herrschaft zugefügte Schaden durch erhöhte Steuern gutgemacht werden.

In dem Bericht an den Geheimen Rat vom 26. Sep­tember 1699 kriegt auch der Pfleger von Ernberg, Baron Joh. Gaudenz von Rost, eins ab, daß er sich der Sachen, welche der Obrigkeit obliegen, nicht annehme und er ihm für Heuer das Wildbretdeputat (es war letzteres allgemein geschehen) verweigert habe, welches er wohl noch länger zu entraten haben werde. Lodron drückt am 14. September 1699 in dem 25. Wochenbericht an den Kaiser sein Befremden aus, daß niemand bestraft werde und betont, daß sich das Wildern dergestalt vermehrt habe, daß die Wilderer jetzt sogar nicht mehr in ihren Gerichten bleiben, sondern etliche Meilen Weges in anderen Gerichten die Ausödung des Wildes weiter treiben und das geschehe deshalb, weil man etliche Kriminaldelinquenten nicht exequire.

Die Schießhütte für die Pfarrei Tannheim war in Nesselwängle gewesen (wohl weil dort die Salzfaktoren der Familie Peintner beheimatet waren); sie sollte jetzt an einen dem Forst nicht schädlichen Ort in Tannheim übertragen werden und denen von Nesselwängle auf weltewige Zeiten keine Schießgabe mehr gereicht werden. Doch zog sich die Frage der Verlegung des Schießstandes lange hinaus und erst laut Verordnung der Hofkammer vom 17. März 1702 sollte die Schießstätte zu Tannheim ihr richtiges Verbleiben haben.

Daß in Sachen des Wilderns der Klerus vereinzelt auch die Ansicht der Untertanen teilte, ergibt sich z. B. aus einem Bericht des Grafen Joh. Josef Hendl ans Oberstjägermeisteramt, wonach im Dörfchen Morter ein Geistlicher Kaspar Bitter die Leute hiezu ermuntert haben sollte und auch hier war der Pfarrer von Breitenwang Johann Georg Schweickl in solcher Sache vor dem geistlichen Gericht vernommen worden.

Die Schädigung des Wildstandes muß eine weitgehende gewesen sein, denn die Beamten, welche sonst Deputat an Wildbret erhielten, bekamen dieses mit Ausnahme des Pflegers von Ernberg wenigstens 1701 und 1702 in Geld oder Naturalien abgelöst und das mag wohl länger angedauert haben, da es überall an solchem fehlte. Als der bayrische Kurfürst 1703 in Mühlau eingerückt war, wurde über Druck des bayrischen Oberstjägermeisters Grafen Rechberg der hiesige Oberstjägermeisteramtsschreiber Johann Jakob Zolchner am 29. Juni gegen Ernberg um Wildbret abgeordnet, weil hier herum solches in größerer Menge nicht aufzutreiben war.

Es ist mir bis jetzt nicht bekannt geworden, nach welchem Zeitraum ein sogenanntes Freijahr für die Jagd den Untertanen gewährt wurde und ebenso nicht, aus welchem besonderen Anlasse die vier oberinntalischen Gerichte (Imst, Landeck, Laudegg und Prutz) Jagdfreiheiten hatten, die in der Herrschaft Ernberg nur die Tannheimer auf Füchse, Hasen und Enten zu besitzen vorgaben, worüber es zu einem Prozesse kam, dessen Revision zur Zeit des Wildererauflaufs noch im Gange war.

Aus den verschiedenen Ansuchen und Berichten ergibt sich, daß Friedrich mit der leeren Tasche 1430 den ansässigen Tannheimern auf Wohlgefallen und Widerruf das Rotwild mit Schaft und Eisen zu jagen, vergönnt habe, was aber jetzt nicht auch mit den Feuerröhren geschehen dürfe; eine ähnliche Freiheit scheinen die Untertanen der Pfarre Berwang, Aschau und des Lechtales hinsichtlich der Jagd auf Gemsen besessen zu haben.

Es ist nun jedenfalls ein sonderbares Zeichen von Bescheidenheit gewesen, daß auch die Untertanen der Pfarre Breitenwang wegen der beim bayrischen Rummel von 1703 geleisteten treuen Dienste um solche Begnadung trotz der Ereignisse von 1699 anzusuchen wagten und andererseits ein Zeichen offenkundiger Schwäche, daß die Regierung zu diesem Zwecke eine kaiserliche Kommission zusammensetzte, der seitens des Oberstjägermeisteramtes in einer Reihe von Punkten Aufklärungen gegeben wurden. Denen ist zu entnehmen, daß das Gericht Ernberg wegen seiner Lage, Wälder und Täler den besten Zuzug und Wechsel aus dem Bayrischen und Freisingischen habe und der Pfarr-Breitenwangische Distrikt jeder Zeit für das Herz aller Ernbergischen Forste und als Sitz alles 'stiebebenden und fliegenden Gewilds' gehalten worden und zur Versetzung der hochfürstlichen Hofküche reserviert gewesen sei und nur die Riß sei daneben noch zu haben gewesen.

Wenn das aber den unangesessenen, unbegüterten Burschen, auf welche sich die Pirschfreiheit ohnedies nie bezogen habe, überlasten würde, dürfe kein Hirsch und kein Tier mehr aus Bayern den Kopf hereinrecken ohne Gefahr, sogleich hinweggeschossen zu werden und müßten die gesamten Ernbergischen Forste, die zu Zeiten der letzten Erzherzoge 'einem Tiergarten gleichten und eine Muetter von allerhandt Wildpret waren', spöttlich zugrunde gehen; auch wür­den die Untertanen den Feldbau und die Salzfuhren sowie andere notwendige Arbeiten dem allgemeinen Beispiele nach verabsäumen und sich in Armut stürzen und nur Wildbrethändler, Fürkäufer und Gastgeber würden ihren Eigennutz fördern.

Diese Darlegungen dürften das Richtige getroffen haben, kam es doch auch vor, daß Schützen aus dem Gerichte Sterzing unter dem Schützenmeister Simon Frey am Kniepaß eine Zeitlang Wache hielten und dabei einen Hirschen und ein Reh schossen, weshalb über Auftrag Lodrons Zwerger als Ueberreiter die ratifizierte Strafe von 90 fl und 7 fl 46 kr auferloffene Kosten zufolge Kammerverordnung vom 23. März 1703 eintreiben sollte, wofür ein gewisser Georg Tschauffer 'Guetsprecher' (Bürge) geworden war. Aber das Wildern hörte darum nicht auf; denn am 30. Juni 1705 hören wir von sechs Wilderern, deren Namen der neue Ueberreiter zu nennen wisse und am 20. Juli 1705 ergeht der Auftrag, zwei weitere mit Namen angeführte in Haft zu nehmen und wenn noch ein anderer erwischt werde, ihn unter die 'regulierte Miliz zu stoßen'.

Eines ist in höchstem Grade auffällig: an Erlässen und Aufträgen ist eine erschreckliche Menge ergangen, aber trotz mehrfacher Ansuchen des Amtes um eine exemplarische Bestrafung der Rädelsführer schweigt sich Wien aus. Soweit ich sehe, ist Zwergers letzter Bericht vom 23. August 1704, welchem zu entnehmen ist, daß am 6. Juni Georg Fasser aus Erwald einen Hirschen nach Hause gebracht, der Forstknecht den Schützen zwei Gemsen und die Büchsen abgenommen und alles dem Pfleger von Ernberg eingehändigt habe, der die Gemse behalten, die Büchsen aber wieder den Schützen zurückgegeben habe.

In der Antwort daraus vom 2. September 1704, daß man mit der Zähmung der Wildbretschützen hier und in Wien immerfort beschäftigt sei, nach Ankunft des Gubernators (Karl Philipp von Pfalz-Neuburg) auch ehestens eine 'scharpfe' Resolution zu gewärtigen sei, inzwischen mit Hilfe der Obrigkeiten nach Möglichkeit dem Wildererunwesen vorbeugen und jeder Forstknecht sich die Uebertreter 'wohl notieren' solle, tritt wieder die verhängnisvolle Schwäche der Behörden zutage, die immer 'nachdrücklich' und 'scharpf' verfügten, aber nichts ausführten. Inzwischen war der Oberstjägermeister Graf Paris von Lodron aus dem Leben geschieden und ihm Graf Sebastian Khinigl von Ehrenburg nachgefolgt.

Anfangs September 1704 starb auch der Forstüberreiter Martin Zwerger, seit 31. Juli 1700 Forstmeister mit 57 fl Jahresgehalt; nur erhielt er 1702 eine Gnadengabe in der Höhe von 100 fl; seine Witwe Rosina Zeiller(in) bat um das den 1. Mai 1692 angeblich aus ihren Mitteln erkaufte 'Wildpretwiesmahd am Seilling', erhielt aber am 29. März 1706 zur Antwort, es sei aus Amtsdokumenten erweislich, daß zur Bezahlung dieses 'Ganser'ischen Wismahds' dem Mair in der Aschau 180 fl aus Waldstrafen übergeben worden seien'. Den ernbergischen Untertanen aber wurde auf ihre schon am 9. Sept. 1704 gegen den verstorbenen Ueberreiter eingereichte Beschwerde am 30. Juni 1705 geantwortet, es stehe einem Untertanen gar nicht wohl an, 'eines so ansehnlichen Ministri pflichtmäßige Conduite mit dem zu verschimpfen, als ob er auf Extraordinari-Verschonung des Rot- und andern Wildpret zu Schaden des Landes abgezielt habe'. An seine Stelle wurde an die Kammer am 22. Oktober 1704 Johann Georg Zwerger (sein Sohn), damals Fähnrich bei der Leyrerschen Landschützenkompagnie, der schon mit einem Jagdlehrbrief 10einhalb Jahre in Diensten des verstorbenen Oberstjägermeisters Grafen Lodron gestanden war, sehr warm vorgeschlagen und auch als Forstüberreiter bestellt; er wurde nach kaum Jahresfrist schon Forstmeister und scheint diese rasche Beförderung den Nikolaus Zwerger recht geärgert zu haben, denn er schreibt am 8. September 1707: 'Es ist eben schwer, daß Wir (er und sein Bruder Peter Z.) die Arbeit, der andere die Ehr und das Einkommen haben soll'.

Eine in den verschiedenen Copiaten des Landesregierungsarchives immer wieder zutage tretende Klage der einzelnen Gerichte des Landes betrifft die stets wieder angerühmten Freiheiten derselben auf die Jagdgerechtigkeit, woraus sich als sicherer Niederschlag die Tatsache erkennen läßt, daß erst im Laufe des spätern Mittelalters die Jagd- und Forstwirtschaft ganz in die Hände der Regierung übergegangen sein muß. Dies gilt ganz besonders von den so­genannten Frei-Gerichten, d. h. den Gerichten, welche in Bezug auf die Jagd gewisse Zugeständnisse aufzuweisen vermochten und falls ihnen diese mit dem wachsenden Einfluß der Bureaukratie streitig gemacht wurden, stets wieder darauf bestanden, daß die seiner Zeit zugestandenen Rechte eingehalten wurden. Es ließe sich da vom 15—18. Jahrhundert eine ganze Reihe deshalb erflossener Mandate anführen.

Uns interessiert heute nur die Frage: Welche Gebiete in Ausfern hatten wirkliche Jagdfreiheit?
Soweit ich in dieser Sache Einsicht gewonnen habe, läßt sich nur in Kürze hervorheben: gar viele bildeten sich Jagdfreiheiten ein, in Wirklichkeit hat aber keines wirkliche Jagdfreiheit genossen. Denn alle als sogenannte Freiheiten gemachten Zugeständnisse erfolgten fast stets mit Einschränkungen oder erflossen auf Widerruf oder wurden durch Auslegung und Erläuterung von Regierung und Kammer fast illusorisch gemacht. Als solche Freigerichte sah man an die Gerichte Imst, Landeck, Laudeck (zeitweilig Pfunds) und Ernberg, in welchem wieder das (oberes Lechtal, Tannheim mit seinen Zugewandten im Allgäu[*], Aschau und Berwang besonderer Freiheiten sich berühmten und betonten, die Freiheit zu haben, Büchsen zu tragen und damit zu schießen berechtigt zu sein. Es mag daher nicht ohne Interesse sein, einige 'Abschide', d. h. gesetzlichen Entscheidungen der Landesfürsten und ihrer Regierung kennen zu lernen, die der Zeit König Ferdinands, späteren Kaisers (1564), und dem 17. Jahrhundert angehören.

Auf dem Gebiete hat man seit den Tagen Ferdinands I. stets mit Mandaten alles Wildern, Holzschlagen und Schwenden abstellen zu können vermeint und ist trotz aller üblen Erfahrungen durch 200 Jahre hindurch nicht weiter gekommen, als daß sich die Wilderer darüber immer mehr lustig machten und das Forst- und Jagdpersonal verspotteten und auf alle nur denkbare Weise bedrohten. Denn die Mandate mit ihren Strafandrohungen mußten wirkungslos bleiben, weil man die Strafe nicht strenge durchführte.

Ferdinand I. hatte schon am 18. August 1528 gedruckte Mandate allenthalben in Tirol ausgehen lassen, daß niemand mit Büchsen oder Armbrust in die Gebirge gehe, die unter anderm auch die Brandenberger und Steinberger nicht hielten, weil sie nicht namentlich darin genannt seien, so daß dieselben 1530 erneuert wurden. Der damalige Forstmeister in Tirol, Albrecht von Stampp, Pfleger zu Tarasp, also ein Engadiner, beschwerte sich ganz besonders vor dem Statthalter Rudolf Grafen von Sulz und der Regierung gegen die Untertanen des Gerichts Ernberg, daß sie gegen die ausgegangenen Mandate die Büchsen an das Gebirg und in das Holz (d. h. die Waldungen) tragen und Gemsen schießen, auch das Rot­wild erschrecken und verjagen. Da schickten die aus dem Lechtale den Hans Tilg, zugleich für Tannheim und ihre Mitverwandten im Allgäu, der sich dahin vernehmen ließ, daß sie die Büchsen allein zur Gemsjagd, die ihnen nach altem Herkommen erlaubt sei, benützen und zu ihrer merklichen Notdurft gegen Bären, Wölfe und Luchse zu Befriedung ihrer Felder und zum Schutze ihres Viehes gebrauchen, und es sei ihr Wille und Meinung nie gewesen, auch noch nit, dem Rotwild (also Rehen und Hirschen) Schaden zu tun, viel weniger es zu fällen oder zu schießen. Der vom Statthalter und den Regenten gegebene Abschid besagte, weil der König mit Wissen einer ehrsamen tirolischen Landschaft die Mandate habe ausgehen lassen und sich denselben andere Untertanen des Landes gehorsamlich fügen, daß auch die im Lechtal, Tannheim und ihre Mitgewandten im Allgäu hinfür keine Büchsen weder an die Gebirg noch in die Hölzer tragen sollen. Weil sie sich aber berühmen, von Alters her gefreit zu sein und hergebracht zu haben, daß sie in ihrem Bezirk das Wild mit Ausnahme von Rotwild und Federspiel jagen mögen, soll ihnen dasselbig, wie es von Alter herbracht haben, durch diesen Abschid nit genommen noch entzogen sein, doch daß sie es nit schießen. Sie hatten nämlich (d. d. Hertenberg, 16. August) 1416 durch Herzog Friedrich mit der leeren Tasche das Recht erlangt, Gemsen mit 'Schaft und Eisen' zu erjagen, 'und zu ersteigen', dürfen das auch jetzt tun, aber sie nicht schießen und müssen für diese Freiheit dem Landesfürsten zu seiner Lust den 'Gymppl, Metzenarß und Rotenflueg' heyen und freien und dürfen darin nicht jagen. Um aber ihr Feld und Vieh vor schädlichen Tieren zu behüten, sollen sie mit Wissen des Forstknechts, wie in anderen Gerichten auch, 3 gute und geschickte Schützen, 2 aus dem Lechtale und 1 von Tannheim ausschießen und diesen drei allein die Büchsen zur Erlegung der schädlichen Tiere erlaubt und vergönnt werden, welche drei dem Pfleger zu Ernberg und dem Forstmeister Pflicht an Eidesstatt leisten müssen, dieselben ausschließlich zu genanntem Zwecke zu verwenden; andernfalls sie als Meineidige gestraft werden sollten.

Von diesem Abschied vom 8. Oktober 1530 wurden unter königlichem Dekret zwei Exemplare aufgerichtet, 1 für den Forstmeister, das ander für die Untertanen. Betreffend die Gerichte Imst, Landeck, Laudeck und Ernberg, welche vermeinen die Büchsen zu haben und zu schießen gefreit zu sein, ist der kgl. Majestät Befehl, daß die Regierung hier dieser Gerichte Freiheiten erfordern, die vernehmen und so die nit genugsam erfunden, alsdann mit ihnen verschaffen soll, daß sie den ausgegangenen Mandaten der Büchsen halben 'gehorsamblich gelehen'. Die Regierung sei entschlossen, in der Woche nach Georgi diese Gerichte hieher zu berufen und solle der Forstmeister auch dabei sein, alsdann soll auch mit denen von Zams und dem von Schrofenstein etlicher Lustgejaid und 'sunderlich des Steinpocksgejaid halben', die der königlichen Majestät zu hayen, auf ein End gehandelt werden.

Am 14. Mai 1529 waren über Erfordern der Regierung die Abgesandten des Gerichtes Landeck mit ihren Freiheiten und dem Vertrag von 1525 hier erschienen und wurde ihnen in Gegemwart des Forstmeisters Albrecht von Stompp und des Jägermeisters Oswald Kurcz zugesprochen, daß sie der Büchsen halben, unangesehen, daß sie bisher einen andern Brauch gehabt, wie andere Gericht den Mandaten gehorsamlich 'geleben' und die 2 Lustgejaid, die im Jahre 1525 zugesagt seien, hayen und darin nicht schießen usw. Auf das Begehren der Abgesandten, daß ihnen von Kgl. Majestät ihre Freiheiten, wie dieselben von ihr als Gubernator konfirmiert worden seien, neuerdings bestätiget werden sollten, erhielten sie den mündlichen Abschied, der Büchsen halben sei nicht die Meinung, sie wider ihren Willen von ihren Freiheiten zu drängen, doch mit geladenen Büchsen auf den Straßen und in die Wirtshäuser zu gehen, könne man nicht gestatten und müßte sie im Betretungsfalle strafen, wogegen sich die Angesessenen des Gerichtes ohne Zweifel nicht beschweren würden. Die Konfirmation Ferdinands als Gubernator sollen sie in die Kanzlei geben, die werde man nach Gebür des Landtag-Abschiedes fertigen.

Unter dem 16. Juli 1529 ging an den Pfleger Siegmund von Schrofenstein der Auftrag ab, zur Aussteckung der 2 Lustgejaide einen Tag den Gerichtsleuten anzusetzen. Vom Gerichte Ernberg waren zu den Verhandlungen viererlei Parteien erschienen, nämlich die von Reutte, Bühelbach und Lermoos eine, die aus der Aschau die andere, Lechtaler die dritte, Tannheimer die vierte. Es war nämlich am 26. April 1525 ein Auftrag an Wolfgang Waltenhofer, Bürgermeister von Hall, Hans Erlpeck, Richter zu St. Petersberg und Ambros Warnauer und an die Gerichtsleute des obern Inntales ergangen, diesen genannten Kommissarien wegen Anlegung eines neuen Feuerstätten-Verzeichnisses treuliche Angaben zu machen und die Untertanen in den einzelnen Gerichten in dieser Sache miteinander zu vergleichen, nachdem schon am 1. August 1523 bezirksweise (es waren 12 Bezirke festgelegt) die hiezu bestimmten Personen namhaft gemacht worden waren. Vor diesen Kommissären wurde nun für unser Ausferner Gebiet Nachstehendes verabredet, respektive vorgebracht und zugestanden. Die von Reutte (Breitenwang trat in dieser Zeit schon zurück) hatten nur eine Supplikation oder Bittschrift vorgebracht und mündlich angezeigt, das Gemswild sei der Edlen von Schwangau nie gewesen (diese besaßen am rechten Lechufer vom Fern heraus bis zur Illach den Wildbann), man habe es auch den Gerichtsleuten weder zu Jagen noch zu Schießen nie gewehrt, aber das Rotwild gehöre ihnen nicht zu und sei von denen von Schwangau erkauft worden. Sie hatten sich auch im Bauernaufstand wohl gehalten und leben der Hoffnung, was man ihnen bei der Erbhuldigung zugesagt, dabei werde man sie lassen bleiben und hätte die kgl. Majestät zu ihrem Urteil etliche Gebirge ausgegangen, die wollten sie auch hayen, wenn man aber alles hayen wollte, so würde das nur den angrenzenden Ausländern zugute kommen. Es wurde ihnen nun von den Kommissionen der Abschied gegeben, sie sollen der Büchsen und Schießens allenthalben gar abstehen, den Kohlberg, Zwieselberg und Säuling, wie zu Kaiser Maximilians Zeiten, der kgl. Majestät zu ihrem Lust hayen und der schädlichen Tiere halben sollen sie mit verordneten Schützen und mit Legung von Selbstgeschossen durch die Forstknechte, wie andere, notdürftiglich versehen werden. 'Deß haben sie gleichwohl einen schriftlichen Abschied begehrt, sollt man ihnen nachschicken'.

Die aus der Aschau, mit der niedern Gerichtsbarkeit der Abtei zu St. Mang in Füssen untertänig, hatten ein Bautaiding, das jährlich geöffnet (d. h. verlesen) wurde, einen Konfirmationsbrief von Kaiser Max I. und einen Urseitsbrief vorgelegt. Denen wurde der Abschied mündlich gegeben, daß sie 'der Büchsen gar abstehen sollen'.

Nach der neuen Landesordnung sollen sie mit Wissen des Forstmeisters einige Schützen erhalten, die den schädlichen Tieren nachgehen und durch die Forstknechte sollen Selbstgeschosse gelegt werden und weil sie für Kaiser Max I. zur Lust den Geerspitz (Gehrnspitz) gehayt haben, sollen sie den im Anschlusse an die Gejaide der Tannheimer auch hegen und soll einer ihrer Gesandten binnen 14 Tagen von ihnen Antwort bringen. Die Lechtaler brachten einen Freiheitsbrief von Herzog Friedrich, eine Konfirmation Ferdinands und ein Vidimus von Kaiser Max vor und begehrten nichts weiter, als wie weit ihre Freiheit laute und was ihnen diese verbiete, wollten sie meiden, ihrem Gesandten wurde gesagt, sie sollen bei Strafe nicht schießen, der Forstmeister werde zu der Albigen Alb (Elbigenalp) und zu Holeztall (Holzgau) schon Bärnschützen verordnen.

Die von Tannheim baten, daß man ihnen auch einen Konfirmationsbrief mit Inserierung der Lechtaler Freiheiten gebe, dann wollen sie des Jagens halber als 'from gehorsam Leute tun und wollen nicht schießen' und wollen kgl. Majestät die drei Lustgejaid des Schwarzwilds, nämlich Meczen Arß, Rotflue und Gümpl hayen, worauf ihren Gesandten der Abschied gegeben wurde, man wells der Freiheit halben mit gueter Unterricht ihres gehorsamen Anzeigens (an Kgl. Majestät) anbringen.

Natürlich suchte die Regierung die Jagd und den Forst im ganzen Gebiete unter ihre Herrschaft zu bringen und wurden da öfter Grenzkonflikte mit denen von Montfort, Haimenhofen und Hohenegg ausgetragen: so z. B. wird 1561 den Vettern Walter und Andrä von Hohenegg ausgetragen, die Hunde zu Winterszeit, wenn der Schnee liege, ein- und anzulegen und das Wild zu rechter gebürlicher Zeit wie Jagdbrauch sei, zu erlegen und 1603 wurde wegen der Jagdgerechtigkeit zu Musau dem Jakob von Hohenegg und seinen Vettern aufgetragen, den jeweiligen Pfleger von Vils daran nicht zu hindern. Am 15. Jänner 1628 geht an Josef Tasch, Richter zu Ernberg, die Aufforderung zu berichten zu, was der Anwalt im Lechtal wegen der neuerteilten erzfürstlichen Konfirmation ihrer alten Freiheiten, worin nur das Rotwild und Federspiel ausgenommen sei, den Lechtalern publiziert und vorgehalten habe. Am 28. November 1640 geht an Hans Maurus, Mair in der Aschau, der Auftrag, auch die letzte Konfirmation ihrer Privilegien wegen der Jagd einzusenden, worauf am 2. September 1641 resolviert wurde, daß ihnen nichts als mit dem Schaft auszustoßen gestattet sei; wenn sie das nicht annehmen wollen, sollen sie innerhalb sechs Wochen die Klage Vorbringen. Am 26. März 1650 geht an Andrä Freiherrn von Spaur, Oberst, und an Richter und Waldmeister zu Ernberg auf die Bitte der Lechtaler um Er­neuerung ihrer Freiheit wegen des Gemsenjagens und deren Vermehrung, fürderhin dies mit Feuerrohren tue zu dürfen, die Eröffnung zu, daß zufolge Resolution Erzherzogs Ferdinand Karls vom 22. März nur den haushäblich Angesessenen das Büchsentragen und Pirschen der Gemsen gestattet sei, nicht haushäblich Angesessene wie auch alle Tag- und Handwerkspersonen und ledig müßig gehendes Gesindel gänzlich davon ausgeschlossen seien und daß dies Heuer und alle Jahre um Jakobi seinen Anfang nehme und bis Andrea dauern dürfe und bei allen Eehehafttaidingen publiziert werden müsse. Dem Forstüberreiter Hans Zwerger geht am 8. März 1665 im Vertrauen der Auftrag zu, da die Tannheimer und Aschauer sich ihrer de novo erlangenden Privilegien wegen der freien Gemspirsch berühmen sollen, sich so zu stellen, als ob er dieselben zu eigenem Gebrauche einsehen wolle und diese Privilegien, bei denen er vornehmlich darauf achten solle, wer sie unterschrieben habe, ans Amt einsenden solle; sein früheres Schreiben in dieser Sache liege noch bei erzfürstlicher Durchlaucht.

Am 28. Oktober 1666 geht an die Regierung das Gutachten ab, da den Lechtalern und Tannheimern Gemsen nur mit Schaft und Eisen zu ersteigen, aber nicht mit Büchsen zu fällen die Berechtigung gegeben sei, sie wegen des unbefugten Gemsenschießen zu strafen und dasselbe gänzlich abzustellen. Am 25. April 1704 war vom Geheimrat ans Oberstjägermeisteramt der Auftrag ergangen, zu berichten, was es mit der Freipirsch der 4 oberinntalischen Gerichte für eine Bewandnis habe, weil die Pfarre Breitenwang in Ansehung der geleisteten treuen Kriegsdienste auch darum suppliere. Da geht nun am 5. Juni 1704 an die hiezu bestellte kaiserliche Kommission ein langer Bericht ab, daß das Gericht Ernberg je und alle Zeit und noch zur Stunde zum 'Hofzaun' gerechnet worden sei, außer der Pfarrei Tannheim, Berwang, Aschau und Lechtal, welchen die freie Gemspirsch pro modo et tempore vergönnt sei, daß die Forste der Pfarre Breitenwang jeder Zeit für das Herz aller ernbergischen Forste gehalten worden und jederzeit zur Versehung der Hofküche reserviert gewesen und auch jetzt wegen durchreisender hoher Fürsten, Standespersonen, landesfürstl. Kommissionen neben der Riß reserviert sei, es sei daher dem 'petitum nicht zu condescendieren', auch hät­ten sich die Freigerichte wegen Ueberschreitung der Privi­legien derselben verlustig gemacht, die Pfarr-Breitenwangischen Untertanen hätten bei erlangtem petito nur Gelegenheit, mit der Büchse andere ernbergische Pfarreien zu investieren und würden die gesamten ernbergischen Forste, die vor und zu der Erzherzöge Zeiten einem Tiergarten glichen und eine Mutter von allerhand Wildbret waren, nur spöttisch zugrunde gehen, zudem hätten die Pfarr-Breitenwangischen wegen dem 1699 begonnenen und noch fortgesetzten Ausöden der Forste kein Recht auf solche Gnade, würden den Feldbau und die Salzfuhren verabsäumen, sich selbst in Armut stürzen und nur den Wildbrethändlern, Vorkäufern und Gastwirten in die Hände arbeiten und außerdem seien die Grenzen vom Aggenstein bis gegen den Falkenstein und im Amerwald bis dato in unrichtigem Stande, und würden sie gegenseitig (die Baiern und sie) einander in die Haare geraten, es sei diesbezüglich schon bei Lebzeiten Lodrons eine Kommission ernannt worden, aber wegen der bairischen Hostilität nichts ad effectum gebracht worden.

Was die Pfarre Tannheim, Aschau und das Lechtal belange, seien diese Distrikte von solcher 'rauche und grober Art', daß die landesfürstliche Herrschaft in eigener Person wenig oder gar keine Weidlust genießen könne, daher sei von Erzherzog Friedrich vor was hundert Jahren aber nur den Ansessigen und Begüterten und nur auf Wohlgefallen und Widerruf das Privileg gegeben, das Rotwild zu erjagen und mit Schaft und Eisen zu ersteigen, aber nur mit der Armbrust und nicht mit dem dermalen üblichen Feuerrohr, was durch Connivenz (Absprache) auch bei andern Freigerichtsuntertanen dahin geführt habe, daß sie sich statt des Stachels oder Armbrust nunmehr der Feuerrohre bedienen, bei welchen Umstän­den unschwer zu erachten sei, daß in der Pfarr-Breitenwangischen Belieben als eine bereits vor Jahren mehrmals angestrebte, aber jedesmal resusierte (wieder aufgenommene) Sach nicht deferiert (aufgeschoben) werden könne, da der Büchsengebrauch und die Wildbretpirsch im Gericht Ernberg jeder Zeit ebenso wie im Hofzaun verboten gewesen und namentlich 1631 und seither deshalb ernstliche Mandate ausgegangen seien. Inzwischen rührten sich wieder die Tannheimer und wiesen auf ihr Privilegium von 1416 von Herzog Friedrich hin, das seither mehrmals, auch von Kaiser Leopold konfirmiert worden sei und auf ein den 23. März 1695 wider das Oberstjägermeisteramt in erster Instanz erhaltenes, aber noch in revisorio haftendes Urteil und waren der Meinung, auf das Rot- und Federwild indifferenter (ebenso) pirschen zu dürfen; es ergebe sich aber aus dem Privileg, daß es auf Fischen und Jagen, mit Ausnahme des Rotwilds und Federspiels, doch nur in der damals üblichen Art, gemeint sei und in dieser Weise von den Landesfürsten bis 1650 bestätiget worden sei, in diesem Jahr aber, wie die von der Gemeinde beigebrachte Abschrift selbst ersehen lasse, aus erzfürstlichem Befehl durchs eine Oberstjägermeisteramtsverleihung solche Jagdfreiheit auf Anlangen insoweit limitiert und vermehrt worden, daß allein die haushäblich angesessenen Gemeinsleute (alle andern aber ausgeschlossen) die Gemsen von Jakobi bis Andrei mit den Feuerrohren ersuchen, pirschen und fällen mögen, dem übrigen Wild nicht im mindesten nachstellen sollen. Dasselbe wurde fast mit den selben Worten neuerlich am 20. Dezember 1706 ausgesprochen. Eine gleiche Praecaution (Warnung) und Abstellung möge auch mutatis mutandis (Änderung) den Gerichten, Imst, Landeck, Laudeck und Nauders ernstlich verordnet werden.

Da sie aber nicht ruhten, wurde dem Gubernator Karl Philipp von Pfalz-Neuburg durch das Oberstjägermeisteramt gutachtlich eingeraten, 'daß Füchse und Hasen, auch Enten und anderes fliegende und stiebende Gewild zu pirschen und zu fangen ihnen mit nichten zugelassen werde' (28. November 1707). Weil das Oberlechtal zu weit vom Sitze des Forstmeisters in Reutte entfernt lag und eine strengere Kontrolle nicht eingehalten werden konnte, wurde auf mündlichen und schriftlichen Bericht des Forstmeisters Johann Georg Zwerger, Johann Georg Knitl von Holzgau am 29. November 1707 gegen ein jährliches Hilfsgeld von 'etwa 15 fl.' als zweiter Forstknecht aufgenommen.

Alle diese Kämpfe um vermeintliche Jagdrechte führten schließlich dazu, daß im Oktober 1708 der Antrag an Seine Durchlaucht, den Pfalzgrafen Karl Philipp von Pfalz-Neuburg gestellt wurde, die Wildschützen vogelfrei zu sprechen und den Jägern das Recht einzuräumen, auf flüch­tige Wilderer zu schießen, weil das Wildschützenwesen ohne Unterlaß über Hand nehme."







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