Mittwoch - 18. Sep. 2019


FAQ | IMPRESSUM | DATENSCHUTZ
Geschichte » Am rauschenden Lech

Infos oder Fragen zum Thema?



list zurück zur Themenübersicht




Am rauschenden Lech

von Hans von der Trisanna (Juli 1912)




Noch einige Monate und Reutte ist mit der Landeshauptstadt durch eine Bahn verbunden. In wenigen Stunden Bahnfahrt durch eine ungemein abwechslungsreiche Gegend mit den großartigsten Gebirgsbildern gelangt man nun aus dem Gebiete des rauschenden Lech an den Strand des Altvaters Inn, wozu man früher eine Tagreise brauchte oder eine lange, teure Postfahrt. Die neue Bahn führt uns in eine kleine Welt für sich, in ein Miniaturländchen mit einer Fülle der verschiedenartigsten landschaftlichen Reize. Durch diese Bahn wird endlich der exponierte Bezirk sozusagen wieder ans Mutterland angegliedert und ist es den Tirolern möglich, in kurzer Zeit in das Schwabenländchen Tirols, ins "Ausfern", zu gelangen. Denn wohlgemerkt, hier haben wir es mit Alemannen zu tun, welche in die Lechgegend eindrangen und seither die charakteristischen Merkmale dieses germanischen Stammes beibehalten haben. Der Dialekt weist bedeutend abweichende Formen gegen dem Idiom des Inlandes auf. Schwäbische Laute klingen an unser Ohr, sobald wir im ersten Dorfe auf dieser Seite des landschaftlich so hervorragenden Fernpasses angelangt sind.

Reutte, der stattliche, aufstrebende Hauptort des ausgedehnten Bezirkes, liegt in einem unvergleichlich schönen Talkessel, eingeschlossen von einem herrlichen Kranz von gewaltigen Bergen. Der weite, grüne Wiesenplan ist zu beiden Seiten des blaugrünen Lechstromes mit zahlreichen Siedlungen bedeckt und die weißgetünchten, schmucken Häuser mit den roten Ziegeldächern geben dem sattgrünen Gelände einen hübschen Untergrund, darüber grüne, träumende Bergwälder in der Runde, überragt von den grünumsaumten Aschauer Bergen und weißblinkenden Felsenzinnen der Allgäuer und Lechtaler Alpen und dem Ammergebirge. Fluß, Wald, Hügel, Berg, rauschende Bergwässer, Seen, Schluchten und Felsenzinnen vereinigen sich hier zu einem wahren Naturtheater, wie in unserem schönen Berglande Tirol einige zu finden sind.

Und dann in unmittelbarer Nähe die Weltruf genießenden Sehenswürdigkeiten des bayerischen Grenzgebietes, als: Hohenschwangau, Neuschwanstein und Linderhof, Feenpaläste in des Wortes wahrstes Bedeutung, das alte, malerische, historische, für uns Oesterreicher besonders bemerkenswerte Städtchen Füssen, dann Oberammergau sowie das großartig gelegene Kloster Ettal mit seiner domähnlichen, herrlichen Kirche, ein wahres bayerisches Eskurial; an der Nordgrenze das schmucke Allgäu mit einer Reihe von Sehenswürdigkeiten und landschaftlichen Vorzügen, um die es andere Gebiete beneiden könnten. Es sei nur auf den zweitgrößten See Tirols, auf den Plansee verwiesen, der sich östlich von Reutte in einem hochromantischen Bergkessel in stiller Felsen- und Waldgegend lagert. Schon Lenau hat ihn besungen und fand auf seinen Irrfahrten für kurze Zeit seine innere Ruhe.

Die Felsen schroff und wild,
Der See, die Waldumnachtung
Sind dir ein stilles Bild
Tiefsinniger Betrachtung.


Den formenreichen Lechgau beherrscht die verfallene Feste Ernberg, das alte Wahrzeichen von Reutte. Ihre zerbröckelnden Mauern könnten uns berichten von alter Ritterherrlichkeit und Ritterfehden, von glänzenden Durchzügen der deutschen Könige gen Rom zur Kaiserkrönung, von Kriegsnot und Lagerleben und von den Wandlungen der Zeiten und Völker.

Die Bahn fährt unter der Feste durch die Ein­sattelung hindurch. Hier ist die "Klause" ein großartiger Punkt an der nordsüdlichen Eingangspforte zu dem kleinen Märchenlande von Reutte. Der Blick weitet sich und vor uns liegt der weite, grüne Gau im hellen Sonnenglanze und die Berge halten stille Wacht in ihrer wuchtigen, erdrückenden Größe. In einer weiten Schleife umfahren wir das alte, historische Bad Krecklmoos und das uralte Breitenwang und sind im schmucken Bahnhofe in Reutte angelangt.

Ueberall begegnet uns reges Leben und man merkt, daß man sich allseitig auf einen vermehrten Fremdenverkehr in der kommenden Zeit einrichtet. Neu- und Umbauten erstehen, diverse, mit dem Fremdenverkehre im Zusammenhangs stehende Gewerbe nisten sich ein, die Straßen und Feldwege werden mit schattenspendenden Bäumen bepflanzt und mit Ruhebänken versehen, an dem nahe bei Reutte gelegenen prächtigen Uri- und Frauensee sind ein Restaurant und eine Pension erstanden, die Wegbezeichnung und Markierung wurde von dem rührigen Verschönerungsvereine durchgeführt und derlei Momente mehr. Dem Neuankommenden fällt die geschmackvolle Bauweise auf, die sich im allgemeinen wohltuend der Landschaft anpaßt. Der Markt ist gegen früher fast nicht mehr zu erkennen. Ein moderner Zug geht durch ihn; Reutte nimmt städtische Formen an, verliert aber dennoch nicht viel von dem früheren anheimelnden Bilde. Die prächtigen, mit Fresken gezierten Häuser fügen sich vorteilhaft dem Straßenbilde ein. Die Straßenbeleuchtung überschüttet die breite Hauptstraße und die Seitengassen mit starken Lichtfluten. Ungefähr mitten in dem eine halbe Stunde langen Markte befindet sich der Marktplatz, flankiert von dem hübschen Rathause im Tiroler Stil, von dem Amtsgebäude, dem stattlichen Jägerschen Hause, von dessen Balkon Papst Pius VII. am 7. Mai 1782 dem zahlreichen Volke öffentlich den Segen erteilte. In der Mitte des Markt­platzes steht die 400jährige mächtige Linde, das Wahrzeichen von Reutte. Sehenswert ist das Franziskanerkloster und die Kirche. Die Entstehung der ersten Kirche geschah auf Anregung des "sel. Nikolaus von der Flue", gest. 1784, der hier vorbeipilgerte. Aus der damals erbauten Kapelle entstand 1500 eine größere Kapelle mit einer Kaplanei, wovon 1628 die Franziskaner Besitz nahmen. Die schöne Kirche enthält Gemälde von Paul Zeiller. Das "schöne Haus" im Untermarkte war früher Sitz der Familie Zeiller, von der die berühmten Freskomaler Paul, Jakob und Franz Zeiller abstammen. Von den vielen anderen bemerkenswerten Zelebritäten, welche Reutte ihre Heimat nannten, sei noch der Mannheimer Hofmaler, Anton Leitenstorfer, gest. 1795, und der Astronom und Mathematiker Dr. Jäger, gest. 1818, erwähnt, von dem noch ein sehr interessanter Globus im Museum Ferdinandeum in Innsbruck herrührt.

Das Spital in Reutte stammt aus alter Zeit. Die Kapelle ziert eine Statue — eine Madonna —, ein Geschenk der Königin Marie von Bayern. Am Südende des Marktes ist das bekannte gute Einkehrgasthaus "Zur Krone" mit einem interessanten Freskogemälde, Die Ankunft des Kaisers Josef II. mit dem Grafen Colloredo darstellend.

Auf Schritt und Tritt umweht uns hier der Geist der Geschichte und Sage. Zahlreiche römische Funde geben Nachricht, daß hier einst eine römische Niederlassung gestanden hat. In der Zeit der Völkerwanderung setzten sich die Alemannen fest, worauf die vielen Endungen auf "wang" Hinweisen. Von Pipin dem Kleinen unterstützt, gründete hier St. Magnus — der Apostel des Allgäus — Breitenwang und das am jenseitigen Lechufer gelegene Aschau, das alte Aschenowe. In Breitenwang ist die Pfarrkirche von Reutte. Dieses kleine, malerische Dörfchen, von wo aus man den umfassendsten Einblick in all die Herrlichkeiten genießt, mit einem unvergleichlichen Fernblick auf die Bergwelt des Lechtales, ist zu einer gewissen Berühmtheit gelangt und sein Namen figuriert neben dem der größten Weltstädte in den verschiedensten Konversationslexika. Hier starb nämlich in einem schlichten Bauernhause 1137 Kaiser Lothar II. auf der Heimfahrt von Italien. Die arme Behausung barg damals eine illustre Gesellschaft: die Kaiserin Richenza, Herzog Heinrich der Stolze von Bayern, die Herzoge von Franken und Kärnten, Erzbischof Konrad von Magdeburg und viele andere Fürsten, Herren und Adel umstanden den sterbenden Kaiser. An dem betreffenden Hause ist nun eine marmorne Gedenktafel angebracht. Auch an der Vorderseite der hübschen Pfarrkirche meldet uns eine eiserne Tafel von dieser tragischen Begebenheit. Die Kirche umgibt der große, schöne Friedhof. In ihm ist der letzte Prälat von Füssen, Aemilian Hafner, geboren zu Reutte, beerdigt. Interessant ist die Totenkapelle, wo sich eine Nachahmung des Holbeinschen Totentanzes in Stuckrelief befindet.

Die Entstehung von Reutte (Reuti, Räuti, Rewti) wird urkundlich erst 1441 erwähnt, die gleichzeitig Aufschluß gibt, daß damals die Straße von Reutte über Aschau schon bestanden hat, jedoch eine Brücke über den Lech entstand erst auf Befehl des Herzogs Siegmund im Jahre 1464. Er führte hier und auf dem Kniepaß den Zoll- und Weglohn ein. Der eigentliche Gründer der rasch emporschießenden Ortschaft ist Herzog Siegmund, der dem Orte 1489 allerlei Privilegien verlieh und ihn zum Markte erhob. Früher gehörte die Gegend von Reutte zum Herzogtum Schwaben. Im Jahre 1263 kam sie zur Grafschaft Tirol, die 1342 an Bayern und 1363 an Oesterreich fiel.

Der Ortsname gibt über seine Entstehung genügend Auskunft, Reutte bedeutet reutten, ausroden von Wald. Zum Andenken ließ man drei Tannen stehen, welche auch heute noch das Marktwappen zeigt. Es wird angenommen, daß jener Hügel, auf welchem die drei Tannen standen (bis Mitte des 15. Jahrhunderts), ein untergeordneter Bestandteil der weit älteren Gemeinde Breitenwang war.

Kein Ort in Nordtirol hatte im Krieg so viel durch fremde Eindringlinge und Heere zu leiden wie Reutte. Vielfache, oft harte Schläge trafen Reutte infolge seiner Lage als Grenzort, an einer Hauptstraße in der Nähe des wichtigen Passes wurde es in die Schicksale und Kämpfe der benachbarten Feste hineingezogen.

Eine wichtige Rolle spielte Ernberg beim Einfalle der Schmalkalden und des Kurfürsten Moritz von Sachsen in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Auch im dreißigjährigen Kriege hatte die Feste manchen harten Strauß zu bestehen. Beim Einfall der Bayern im Jahre 1703 geriet die Feste vorübergehend in deren Hände. Auch in den folgenden Kriegsjahren fanden hier und in der Umgebung blutige Kämpfe statt.

Zur Zeit Theoderichs befand sich die Burg im Besitze der Ostgoten. Im Mittelalter war die von Meinrad II. erbaute und von dessen Söhne 1296 verstärkte Feste ein wertvoller Besitz, sie wurde nach damaligem Brauche oft verpfändet. Die Fugger erachteten sie als würdiges Hochzeitsgeschenk für Gabriel von Salamanca, den Generalschatzmeister und vertrauten Ratgeber des Erzherzogs Ferdinand I. Der habsüchtige und im Lande allgemein verhaßte Spanier mußte sich in dem unruhigen Jahre 1825 vor der Volkswut aus dem Lande flüchten und so fiel die Herrschaft wieder an den Landesfürsten.

Die Pfarrgemeinde Breitenwang ist aus der Marktgemeinde Reutte und den Gemeinden Breitenwang, Ehenbichl und Pflach zusammengesetzt. Am linken Lechufer dehnt sich die ebenfalls nicht unbedeutende Schwesterpfarre Wängle aus, bestehend aus den drei Gemeinden Wängle, Lech-Aschau und Höfen. Die Provinz Aschowe war sehr ausgedehnt und reichte bis Hornbach. Die Gründung der Pfarrei datiert bis in die Zeit des hl. Magnus und wurde im Jahre 1218 von Kaiser Friedrich II. dem Konvent St. Mang in Füssen bestätigt. Wegen häufiger Ueberschwemmungen wurde zirka 1470 die Martinskirche im nahen Wängle Pfarrkirche und die ehemalige alte Pfarrkirche zum Heiligen Geist in Lech-Aschau wurde eine Filiale. Das ehemalige Niedergericht Aschau wurde im Jahre 1806 aufgelöst und dem Landgerichte Reutte zugeteilt. Die Pfarrkirche in Wängle ist ein herrlicher Bau, weit in ihren Dimensionen und von dem leider zu früh verstorbenen Akademieprofessor Ludwig Schmied, der Lech-Aschau seinen Geburtsort nannte, sehr stilvoll restauriert. Sie ist eine der schönsten Landkirchen in weitem Umkreise und eine Sehenswürdigkeit der Gegend. — In eben dieser Pfarre — im Weiler Platten — ist der ehemalige Generalvikar von Augsburg, Cölestin Nigg, geboren, ein sehr gelehrter und um diese Diözese hochverdienter Mann.

Ueberall begegnet uns im Talkessel von Reutte frisch impulsierendes Leben. Der Gegend von Reutte steht noch eine Zukunft bevor, wie den fashionablen Höhenkurorten Garmisch-Partenkirchen, Oberstdorf, Ehrwald usw. Die Vorbedingungen hiezu sind in reichem Maße vorhanden, insbesondere auch bezüglich des Wintersportes. Ich kenne die bemerkenswertesten Wintersportplätze der Ostalpen aus eigener Anschauung und behaupte, daß nicht einmal Lilienfeld, Zell am See und Schladming ein so ideales Uebungsgebiet für den Wintersport auszuweisen hat, wie die Umgebung von Reutte. Nur ist es notwendig, daß man etwas großzügig an die Ausgestaltung des Fremdenverkehrswesens schreitet, denn nur auf diese Weise wird man mit anderen Gebieten konkurrenzfähig werden. Und dann heißt es mit etwas Geschmack vorbereiten und arbeiten. Man muß es als eine krasse Geschmacksverirrung bezeichnen, wenn auf dem für Orientierung der Gegend besonders in Betracht kommenden, unmittelbar an den Markt heranreichenden Wolfsberge ein alter, zersetzter, ausrangierter Stellwagen, der auf der Seitenschutzlehne noch ganz stolz den Vermerk "Stellwagenfahrt Füssen—Reutte—Plansee—Linderhof" trägt, als Aussichtspavillon in Verwendung steht. So etwas erregt höchstens die Spottlust der Fremden.

Einer der wichtigsten Marksteine in der Geschichte und in der Entwicklung Reuttes ist die Eröffnung der Bahnlinie Pfronten—Reutte am 16. Dezember 1905. Dadurch wurde der Bezirk dem Weltverkehre näher gerückt und der allgemeinen Wirtschaftslage die Möglichkeit zu einer Besserung gegeben.

In kurzer Zeit wird nun die Eröffnung der neuen Alpenbahn die Grundlage für eine weitere Fortentwicklung von Reutte und Ausfern bilden.





list zurück zur Themenübersicht








...vielleicht auch interessant:

Nächtlicher Bock in der Saldeineralphütte / (Sagen)
Die Goldgrube an der Gernspitze / (Sagen)
Die Wilderer / von Wildschützen und Wildbret-Dieben (Geschichte)