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#1 26.04.2019 12:14:52

Kalle
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Mittel u. Wege der Frau im Kampf gegen Alkoholmißbrauch (22.5.1926)

Ein - wohl dem damaligen Zeitgeist entsprechender - Artikel vom 22. Mai 1926 in der Zeitschrift "Landheimat"

„Es saßen die alten Germanen zu beiden Ufern des Rheins, Sie lagen auf Bärenfellen und tranken immer noch eins," so ruft man uns entgegen, wenn man auf die Gefahren des Alkoholgenusses hinweist.

Aber wir Deutschen stehen in bezug auf Trinksitten vor einer ganz großen Gefahr. Früher tranken nur die Männer, jetzt aber verlocken die schönen Weinstuben, die unzähligen Erzeugnisse auf dem Gebiete süßer Liköre auch die Frauen, darunter viel werdende Mütter zum Alkoholgenuß. Unstreitig ist, daß die Frau unter dem Alkoholgenuß des Mannes auch dann schwer zu leiden hat, wenn der Mann für den Unterhalt seiner Familie hinreichend sorgt und sich in der Trunkenheit keine Rohheiten gegen die Seinen zu Schulden kommen läßt — und, daß ein Haushalt unrettbar dem Untergange geweiht ist, wenn die Frau selbst dem Trunke verfallen ist.

Wäre das nicht Ursache genug, gegen den Alkoholgenuß und seinen Mißbrauch aufzutreten?
Leider aber läßt sich die Mitschuld der Frau an der Trunksucht des Mannes nicht immer in Abrede stellen und zwar überall dort, wo die Frau ihrer Aufgabe als Hausfrau nicht ganz nachkommt. Wo der Mann, wenn er von des Tages Arbeit müde heimkommt, statt Ordnung, Ruhe und Behaglichkeit nur Unordnung usw. findet. Ja, da tut sich ihm gleichsam das Wirtshaus von selber auf. Wie viele Frauen gibt es, die nicht sparen, einteilen, wirtschaften und mit dem Geld umzugehen wissen. Dem Mann steht es zu, sich mit seiner Frau zu beraten, was mit dem erworbenen Gelbe anzuschaffen ist, was noch warten kann usw.; doch wenn er sieht, daß der Frau jedes wirtschaftliche Talent fehlt, daß das Geld für allerlei unnützen Tand draufgeht, wenn das Hauswesen verlottert und verlumpt, dann kommt es wohl oft vor, daß der Mann mit der Ausrede, „er wolle auch für sich etwas haben," sich dem Wirtshause zuwendet. Freilich darf nicht behauptet werden, daß dies richtig ist, doch es geht oft so und die Hauptschuld daran hat die Frau!

Wer kennt nicht jene Frauen, die immer unzufrieden sind, immer Klagen und jammern, wie teuer alles ist, wie man sparen muß, wie schwer die Arbeit ist, oder gar darüber, wie viel Geld andere Männer verdienen und wie gut es deren Frauen geht, wieviele Ausgaben sich diese erlauben dürfen. Sie selbst finden eine wahre Lust darin, vor anderen die Armseligen die Geplagten zu spielen, die nichts anzuziehen haben, sich nichts erlauben dürfen, nichts bekommen und nichts mitmachen können. Wenn der Mann nie ein freundliches Wort der Zufriedenheit und Anerkennung aus dem Munde seiner Frau zu hören bekommt und alle seine Sorge und Mühe um die Familie als ein Nichts hingestellt wird, dann muß er freudlos werden und den Mut verlieren. Kein Wunder, wenn er sich seinen Unmut im Wirtshause zu vertreiben sucht.

Gibt es nicht auch Frauen, die durch ihr unfreundliches, herrisches und rechthaberisches Wesen weit und breit bekannt sind? Kein Mann gefällt sich in der Rolle einer Maschine, die nur arbeiten und, verdienen soll, und keiner in der Rolle eines Pantoffelhelden, der erst das Wort hat, nachdem die Frau ihre Meinung gesagt hat. Sowenig die Frau ein Hausdrache sein darf, der immer keift und schimpft, der das Essen versalzt oder anbrennen läßt, wenn sein Wille nicht durchdringt, sowenig darf der Mann den Haustyrannen spielen wollen, den alle im Hause fürchten, vor dem das Weib, das Kind und das Gesinde zittert. Wo solche Verhältnisse in einein Hause herrschen, wird das Heim zur Hölle und jedes Mitglied denkt mit Grauen daran, welche widerwärtigen Szenen es wieder erwarten mögen.

So traurig solche Zustände in einer Familie sind, berechtigen sie zwar den Mann nicht seine Zuflucht im Wirtshause bei der Flasche zu suchen, doch wer im eigenen Heim nicht das findet, was er nach seinen Vermögensverhältnissen haben möchte und haben könnte, sucht es eben, wenn sein Charakter nicht fest genug ist, auswärts.

Da tun sich die Tore des Wirtshauses weit auf und heitere Gesellschaft findet sich leicht. Dann aber auch einmal unmäßig, so bieten diese lustigen Gelegenheiten seinen Unmut zu zerstreuen, die schönste Möglichkeit, Gewohnheitstrinker zu werden. So sieht der Werdegang manchen Alkoholikers aus.

Jeder Mensch weiß, daß die Frau eines Trinkers ein Martyrium auf Erden hat. Wir wollen gar nicht Männer erwähnen, die im betrunkenen Zustande im Hause herumtoben und Frau und Kinder mißhandeln. Mag der Mann im Rausche auch der friedlichste Mensch sein, mag er seinen Angehörigen auch nichts versagen, seinen Berufspflichten noch so treu nachzukommen versuchen und selbst nur einen Teil jenes Geldes vertrinken, das er nach seinem Verdienste und seinen Verhältnissen übrig hat, so ist das allein eine Qual für eine Familie, wenn das Oberhaupt in unzurechnungsfähigem Zustande in's Haus torkelt und anderen Leuten zum Gespött werden kann.

Doch wer kann sich in die Lage hineindenken, wie schwer es ist, einen Betrunkenen richtig zu behandeln? Die jämmerliche Gestalt des Mannes und die wortreichen Gardinenpredigten der Frau beim Empfang des Heimkehrenden bilden vielfältigen Stoff zu Witzen.

Leider aber nützt Schelten nichts. Der Betrunkene wird sich nicht bewußt, daß er es ist, der sich ändern soll, er empfindet nur, daß ihm Unrecht geschieht, er wird gereizt und die häßliche Szene mit dem bitteren Nachgeschmack ist da.
Ja, da ist wohl zweckmäßiger, bis zum nächsten Morgen zu warten und ihm dann tüchtig seine Meinung zu sagen. Solange der Mann noch kein regelrechter Trinker ist, hat er am Morgen nach einer so schweren Nacht mit seinem eigenen Gewissen zu tun; seine körperliche und seelische Verfassung wird ihn mahnen, daß er etwas getan, was nicht zu seiner Ehre und seinem Ansehen beiträgt. Und mancher Charakter wird es schlecht vertragen, wenn ihm noch von anderer Seite gesagt würde, was er sich im Grunde selbst sagt.

Gewiß ist es für jede Frau eine schwere Aufgabe, einen betrunkenen Mann liebevoll zu empfangen und ihn am nächsten Tage erst, ohne zu schimpfen merken zu lassen, daß man mit seinem Verhalten nicht einverstanden sein kann. Vermag eine Frau aber diese Selbstbeherrschung aufzubringen, dann hat sie Hoffnung, ihren Mann, falls er noch nicht ganz dem Alkoholteufel verfallen ist, zu der Ueberzeugung zu bringen, daß er ihr und seinen Kindern mit dem übermäßigen Trinken Unrecht tut. Und manche Frau hat ihren Mann zum Totalabstinenten gemacht, weil sie die große Selbstüberwindung aufgebracht hat, ihren Mann, trotz seines groben Fehlers, mit Liebe zu behandeln, während umgekehrt manche Frau mit ihrem unfreundlichen, harten Wesen den Gelegenheitstrinker zum Gewohnheitstrinker machte.

Nun wird man fragen: Muß an dieser bösen Unsitte des Trinkens immer die Frau schuld sein, gibt es nicht unverheiratete Männer genug, die der verderblichen Neigung zum Trinken fröhnen?

Ja, allerdings! Doch in diesem Punkte sieht man einem Junggesellen, der nicht für Frau und Kind zu sorgen hat, leichter etwas nach, obzwar uns niemand die sichere Gewähr geben Kann, daß so ein Mann in der Ehe sein Leben ändern wird. Immerhin steht uns Frauen aber ein Mittel in der Hand, uns vor dem Uebel eines Trinkers zu schützen, indem wir unter keinen Umständen mit einem Alkoholiker eine Ehe eingehen.
Meint ihr nicht meine lieben Frauen und Mädchen, daß wir mit Befolgung dieses Grundsatzes eine schöne Erziehungsaufgabe erfüllen könnten?
Eine alte Wahrheit ist: „Trinker werden nicht geboren, sie werden erzogen!" Da müssen tausende von Müttern reumütig an die Brust Klopfen, wenn sie den traurigen Anblick ihres betrunkenen Sohnes sehen und zu sagen gezwungen sind: „Meine Schuld!" Mütter gedenket der Stunde, da ihr dem 2, 3 oder 4jährigen Kinde Tee mit Schnaps, Most, Wein oder Bier zu trinken gegeben habt! Es geschah ja gewiß nicht in einer bösen Absicht, sondern weil ihr die Schäden und Gefahren des Alkoholes nicht kanntet, oder daran nicht glauben wollet. Es ist euch vielleicht nicht bekannt, daß die Verbrechen und Fehltritte, die im Rausche verübt werden, die Gefängnisse füllen, und, daß Schweden, seit dem es abstinent ist, dreiviertel seiner Gefängnisse hat schließen können. Ihr Mütter, gebt euren Kindern kein schlechtes Beispiel im Alkoholgenuß.

Jede Frau, jedes Mädchen muß wissen, daß Kinder bis zum Abschluß ihrer Entwicklung, d. i. bis zum 18. Lebensjahre keinen Tropfen Wein, Bier, Likör, Most, Schnaps u. dgl. erhalten sollen. Der Segen, der von einer Frau ausgeht, kann weite Kreise ziehen, aber gut und klug und zielbewußt muß sie sein; sie muß dazu erzogen worden sein. Das kann das Haus allein nicht, dazu gehört ein planmäßig geleiteter Unterricht, "der hauswirtschaftliche Unterricht." Die Erziehung zur Hausfrauentüchtigkeit ist also der Weg, auf dem Segen in Familie und Volk getragen werden kann. Der Alkoholkonsum aber, der eine Folge von häuslichen Verhältnissen ist, kann vom Haushaltungsunterrichte vermindert werden.

Hausfrauentüchtigkeit versteht vor allem zu sparen. Sparsamkeit ist die Hauptvoraussetzung für Wohlhabenheit. Sparsamkeit ist die größte Feindin des Alkoholverbrauches und der Verarmung werden die Tore gesperrt. Sparen kann man an Zeit, Material und Geld. Aber nicht durch Worte, sondern durch das Vorbild und die Gewöhnung kann man zum Sparen fähige Frauen erziehen. Die Mädchen müssen aber auch den Unterschied zwischen Nahrungsmittel und Genußmittel verstehen lernen, daß die Nahrungsmittel zum Wiederersatz der durch den Lebensprozeß verbrauchten Stoffe unserem Körper notwendig sind, hingegen die Genußmittel, Wein, Bier, Most, Tee, Kaffee u. a. m. nur unsere Geschmacks- und Verdauungsnerven anregen, aber gar keinen, oder nur einen sehr geringen Nährwert haben und auf unseren Organismus eine schädliche Wirkung ausüben.

Die Mädchen müssen lernen, daß die Menschen in den verschiedenen Lebensaltern und Berufsarten verschiedene Ansprüche an die Kost stellen dürfen. Sie erfahren, daß eine warme Mahlzeit täglich vom Organismus verlangt wird, u. zw. wegen der mit der höheren Temperatur zusammenhängenden Anregung, die, falls sie fehlt, durch Alkoholgenuß ersetzt werden muß. Sie lernen, aus welchen Gründen eine regelrechte Abwechslung in der Kost ihre Berechtigung hat, und daß es kein unbilliges Verlangen, daß mit dem Essen ein gewisser Genuß verbunden ist, daß Speisen, deren Aroma sich während des Kochens aus ihnen heraus entwickelt hat, oder durch alte, gute, deutsche, billige Küchenkräuter beigefügt wurde, dem Körper viel zuträglicher sind, als solche, bei denen zur Verbesserung des Geschmackes starke ausländische Gewürze Anwendung fanden. Diese reizen die Verdauungsnerven, veranlassen eine stärkere Absonderung der Verdauungssäfte und erzeugen Durst, welcher dann gewöhnlich mit Alkohol gelöscht wird.

Der hauswirtschaftliche Unterricht stellt sich aber nicht nur die Ausgabe, die Heranwachsenden Mädchen mit Kenntnissen und Fertigkeiten auf allen Gebieten der Hauswirtschaft auszustatten, sondern er strebt an, die Mädchen auch geistig zu erziehen und sie zu denkenden klugen Geschöpfen heranzubilden, die ihre häuslichen Arbeiten nicht stumpfsinnig verrichten und in wachsender Gleichgültigkeit die Männer ins Wirtshaus treiben, sondern sie zu Frauen macht, die Verständnis für die Berufssorgen und Geschäfte des Mannes entgegenbringen, die ihm treue Kameradinnen in allen seinen Lebenslagen sein können, damit er dieselben nicht außer dem Hause zu suchen braucht, wenn er durch Aussprache und Verständigung sich sein Herz erleichtern will.

Und fragen wir die Männer, gleichwohl, ob Kopf- oder Handarbeiter, was ihnen nach allen Genüssen, die das Leben bietet als Hochziel vorschwebt?
„Eine stille Häuslichkeit", wo er nach des Tages Mühe neue Kräfte an Körper und Geist sammeln kann, und wo eine Seele waltet, die im wortlosen Verstehen ihm die Sorgen tragen und zerstreuen hilft.

Frauen und Mädchen! ahnt ihr's, wie glücklich ihr sein könnt, wieviel Glück und Segen ihr spenden könnt, wenn ihr euren Platz als deutsche Hausfrau wirklich erfüllt und euren guten Einfluß geltend macht auf euren Mann, eure Kinder, auf die Hebung des Familienglückes, der Volksgesundheit und dadurch des Volkswohles?

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